Fred Uhlman: The Making of an Englishman (1960)

Ich weiß sehr wenig über die Herkunft meiner Familie, die aus Freudental, einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart, stammte. Vor dem 18. Jahrhundert hatten die deutschen Juden, soweit ich weiß, keine Nachnamen. Es gab nur ungefähr fünfhundert Juden in ganz Württemberg, und sie hatten alle kein Wohnrecht in den größeren Städten.

So, ein bisschen trocken, beginnt

Fred Uhlman: The Making of an Englishman (1960)

In Deutsch in folgenden Ausgaben erschienen:

a) Erinnerungen eines Stuttgarter Juden (1992)

b) The Making of an Englishman: Erinnerungen eines deutschen Juden, im Diogenes Verlag (1998)

Manche Bücher sind eine unerwartete Entdeckung, diese Autobiografie eines jüdischen Rechtsanwalts gehört dazu. Er musste 1933 Hals über Kopf Stuttgart verlassen, da er als engagiertes SPD-Mitglied in Schutzhaft genommen werden sollte, aber gerade noch rechtzeitig von einem NSDAP-Mitglied gewarnt worden war. Warum das Buch erst 1992 ins Deutsche übersetzt wurde, bleibt mir ein Rätsel.

Unbedingt lesenswert. Vielleicht hat mich am meisten überrascht, dass das Buch ab und zu auch zum Quietschen komisch ist, das zeigt meine falsche Brille: als ob alle Juden damals mit Trauermine still und schattenhaft der Katastrophe entgegengingen.  Zum vollen Menschsein gehört natürlich der Humor. Und verfolgt und umgebracht wurden später keine Schatten, sondern Menschen.

Witzig beispielsweise, als er die Trinkgelage der Burschenschaften schildert, die er während seiner Studententage in den zwanziger Jahren mehr halbherzig denn aus Überzeugung mitmacht:

Vier Liter an einem Abend waren eher die Regel als die Ausnahme […] Lange nach Mitternacht gingen wir heim. Die weniger Betrunkenen halfen den ganz Betrunkenen. Auf dem Nachhauseweg flogen Fenster auf, und die Einwohner, die aus dem Schlaf gerissen wurden, schrien Beleidigungen. Oft gab es Streit. Ich erinnere mich an K., der auf einem Briefkasten lag und seine volle Blase in ihn entleerte und an Z., der so betrunken war, daß wir ihn, als wir ihn endlich nach Hause gebracht hatten, entkleiden und an sein Bett fesseln mußten, da er drohte, die Möbel kurz und klein zu schlagen. Ein anderer, der glaubte, er sei bereits im Bett, wurde von der Polizei schlafend und splitternackt unter einer Straßenlaterne gefunden, die Kleider waren sauber auf einem Haufen neben ihm zusammengelegt. (S. 81-82)

Das macht das Komasaufen der heutigen Jugendlichen zwar nicht besser, zumal die Studenten wenigstens ein bisschen älter gewesen sein dürften. Aber ich sehe das YouTube-Video meines Schülers, das ihn beim Wettstemmen von Riesenkrügen Bier zeigt, vielleicht ein bisschen gelassener.

Und von wegen, dass nur mittelalterliche Unterschichtjungs mit Migrationshintergrund ausrasten, weil man angeblich ihre Mutter oder Schwester beleidigt habe. Uhlman erklärt z. B. das studentische Duell:

Das Duell war eine ernstere Angelegenheit. Es gab verschiedene Abstufungen, die von der Schwere der Beleidigung abhingen. Wenn man zum Beispiel einen Corpsstudenten einen ‚alten Esel‘ nannte, reichte ein Duell auf leichten Säbeln; aber wenn man seinen Vater einen Schwarzhändler nannte, seine Mutter eine Hure oder an der Tugendhaftigkeit seiner Schwester zweifelte, dann konnte die Ehre nur durch ein Duell auf schweren Säbeln wiederhergestellt werden. (S. 81)

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