Clärenore Stinnes: Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929 (2007)

Soweit ich in meine Kindheitstage zurückblicken kann, war ich nie frei von dem Wunsch nach Abenteuern. In mir lag das Drängen nach dem großen Unbekannten, dem man in den unendlichen Steppen, in den schneeverwehten Urwäldern und in der hehren Einsamkeit der Berge näher zu sein glaubt. Trotz aller Mühe, die meine Mutter anwandte, um in mir die Liebe zu fraulichen Arbeiten zu wecken, überwog doch immer der Wunsch nach anderen Dingen. Sollte ich ihr bei der Näharbeit oder beim Strümpfestopfen helfen, so suchte ich nach allen möglichen Ausflüchten, um dem zu entgehen. Mich lockte es viel mehr, im Pferdestall die Geschichten unseres Kutschers Friedrich aus seiner Militärzeit zu hören, wobei er mir erlaubte, mich auf eines der Pferde zu setzen; oder ich saß vertieft in die Bücher germanischer Heldensagen, Indianer- und Abenteuergeschichten.

So beginnt

Clärenore Stinnes: Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929 (2007)

Schon spannend und irrwitzig, was die Industriellentochter und Rennfahrerin Clärenore Stinnes (1901 – 1990) sich da in den Kopf gesetzt hat und mit ihren Gefährten durchgezogen hat. Ursprünglich wurde sie bei ihrem Unterfangen, der erste Mensch zu sein, der mit einem Auto die Erde umrundet, von zwei Mechanikern und dem schwedischen Fotografen Söderström und wechselnden Botschaftsangehörigen und Übersetzern begleitet.

Mehr als einmal kam es zu lebensgefährlichen Manövern in straßenlosen Gegenden, wo nur enorm hilfsbereite Einheimische und Ochsenkraft die zwei Wagen noch vom Fleck bekamen. Einmal sind sie nur knapp dem Verdursten entkommen. Und auch ein bisschen koloniale Selbstherrlichkeit kann man heraushören: Irgendwo in Südamerika schreibt Söderström in seinem Tagebuch:

Dort hatten wir das große Glück, einen Amerikaner zu treffen, der schon acht Jahre im Land lebte. Er wusste genau, wie man die lokale Bevölkerung behandeln muss, um etwas bei ihr zu erreichen. Zwei Priester waren auf der Durchreise in der kleinen Niederlassung  und veranstalteten an diesem Tag ein Kirchenfest. An sie wandte sich mit Erfolg unser neuer Freund. Nach der Prozession hielten sie eine Rede an die Bauern und ermahnten sie, dass es Christenpflicht sei, uns den halben Weg bis Caraveli zu helfen. 22 Mann wurden ausgewählt und unter das Kommando von Don Calixto Velarde gestellt. Dazu kamen sieben Esel für unser Gepäck, für Wasser und Proviant, da wir jede unnötige Belastung des Autos vermeiden wollten. (S. 188)

Ich war dann allerdings ganz angetan von der Reaktion der Einheimischen, ihre „Arbeitsmoral“ sank innerhalb eines Tages um 90 Prozent und dann haben sie sich einfach aus dem Staub gemacht. Richtig so.

Ansonsten ist Stinnes keine herausragende Schriftstellerin, aber dass Söderström nach den zwei Jahren der Reise sich nach der Rückkehr von seiner Frau hat scheiden lassen und dann mit Clärenore in Schweden glücklich geworden ist, das ist nach derlei gemeinsam durchstandenen Abenteuern wohl unvermeidlich.

Der Film dazu war auch ganz nett. Ärgerlich: Das Buch selbst bot keine ernsthafte Karte zu dieser Unternehmung.

 

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