Robertson Davies: The Cunning Man (1994)

Should I have taken the false teeth? In my years as a police surgeon I would certainly have done so; who can say what might be clinging to them, or in the troughs that fit over the gums? I would have been entirely within my rights. But in this curious situation, what indisputable rights had I?

So beginnt

Robertson Davies: The Cunning Man (1994) 

Der Klappentext, der dem Leser so etwas wie einen Krimi suggerieren soll, ist komplett irreführend. Als der seltsame Todesfall eines alten Priesters der High Church Hunderte von Seiten später durch das Geständnis des Täters zweifelsfrei aufgeklärt wird, hat man die Auflösung längst geahnt, zumal die Handlung selbst nichts zur Aufklärung des Verbrechens beiträgt. Eher handelt es sich um die fiktive Biografie eines kanadischen Arztes. Der Autor war bei deren Veröffentlichung schon über 80. Vielleicht müsste ich das Buch gleich noch einmal lesen, nicht zuletzt wegen des Vokabulars und der vielen literarischen und geschichtlichen Anspielungen.

Dr. Hullah versucht sich im Alter Rechenschaft über die Zusammenhänge in seinem Leben zu geben, über seine Herkunft auf dem Land, nahe eines Indianerreservates, seine schulische und universitäre Bildung, über die Menschen, die ihn formten, seine Erfahrungen z. B. während des Zweiten Weltkrieges und über die philosophischen Einflüsse und Ideen, denen er sich verpflichtet fühlt.

Zwischendurch bin ich an dem ausufernden Erzählstil – so etwas wie ein Handlungsfaden geriet zeitweise völlig aus dem Blick (die Zeitung Independent nennt das „barock“) – fast verzweifelt. Das Buch schien über die Ufer zu treten.

Die Hauptperson sieht sich in einem sehr milden Licht und hat keinerlei Gewissensbisse, jahrelang mit der Frau seines besten Freundes zu schlafen. Okay, sie war vor dem Krieg seine Freundin, die er aber nicht unbedingt zu ehelichen gedachte. Ist dann aber total empört, als er Jahrzehnte später erfährt, dass sein Freund damals einen Privatdetektiv auf die beiden angesetzt hatte. Dieser Dialog ist in seiner Dämlichkeit doch preisverdächtig:

„My God! Brocky – you put a tail on your own wife and your best friend? How could you do such a thing?”

“Well, when it comes to that, how could you do what you were doing? Making a cuckold of a man you think of as your best friend?”

“But – hiring a snoop!”

“What else is there to do? I don’t say I’m proud of it, but you know very well we all do a lot of things we’re not proud of, when it seems necessary.”

“But it shows such hateful mistrust.” (S. 285)

Und die Verliebtheit, in der er gegen Ende des Buches noch stolpert, illustriert nur, was er in der Jugend an seinem Freund beobachtet hatte: Kultiviertheit schützt nicht vor Torheit.

Der Nachruf auf den Autor im Independent vom 5. Dezember 1995 ist geradezu hymnisch. John Julius Norwich schreibt u. a.: “Why even now this literary phenomenon should remain so relatively little known to the world at large constitutes, to all those readers, an impenetrable mystery; eminently worthy of the Nobel Prize for Literature, only once was he ever short-listed for the Booker. […]. There was also the fact that his books were unlike other people’s. They were long; they often deliberately rambled; they touched on magic, food, semantics, poetry, the supernatural, holistic medicine, Jungian analysis, murder, art forgery, the theatre, the interpretation of dreams and anything else that happened to strike the author’s astonishing imagination while he was writing. His novels, in the extravagance of their plots, the outlandishness of many of their characters, the luxury of their language, were baroque through and through; and unhappily, in the late 20th century, the baroque is no longer fashionable.”

Der letzte Satz des Buches ist allerdings ein würdiger Abschluss. Hullah antwortet jemandem, der sich am Telefon verwählt hat:

This is the Great Theatre of Life. Admission is free but the taxation is mortal. You come when you can, and leave when you must. The show is continuous.

anz 284

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