Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher (2004)

BRD 031Hier fängt die Geschichte an. Sie erzählt, wie ich in den Besitz des Blutigen Buches kam und das Orm erwarb. Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven – welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuch-Abteilung zu verkrümeln. Husch, husch, verschwindet, ihr Kamillenteetrinker und Heulsusen, ihr Waschlappen und Schmiegehäschen, hier handelt es sich um eine Geschichte über einen Ort, an dem das Lesen noch ein echtes Abenteuer ist! Und Abenteuer definiere ich ganz altmodisch nach dem Zamonischen Wörterbuch: ‚Eine waghalsige Unternehmung aus Gründen des Forschungsdrangs oder des Übermuts; mit lebensbedrohlichen Aspekten, unberechenbaren Gefahren und manchmal fatalem Ausgang.‘

Ja, ich rede von einem Ort, wo einen das Lesen in den Wahnsinn treiben kann. Wo Bücher verletzen, vergiften, ja, sogar töten können. Nur wer wirklich bereit ist, für die Lektüre dieses Buches derartige Risiken in Kauf zu  nehmen, wer bereit ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um an meiner Geschichte teilzuhaben, der sollte mir zum nächsten Absatz folgen. Allen anderen gratuliere ich zu ihrer feigen, aber gesunden Entscheidung, zurückzubleiben. Macht’s gut, ihr Memmen! Ich wünsche euch ein langes und sterbenslangweiliges Dasein und winke euch mit diesem Satz Adieu!

So beginnt

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher (2004)

Welche Fabulierdroge hat der denn eingeworfen? Die hat jedenfalls gewirkt!

Fantasie ohne Ende, Nonsens und Grusel, Abenteuer, Action und ein Lindwurm, der nicht gerade zu philosophischen Höhenflügen neigt, eine wilde und gelungene Mischung, die über weite Strecken hinaus einfach Spaß macht.

Der junge Dichter Hildegunst von Mythenmetz, ein eher tollpatschiger Lindwurm, erbt von seinem Dichterpaten ein makelloses Manuskript. Um dessen Geheimnis zu lüften und um den unbekannten Autor dieses genialen Werkes zu finden, begibt sich Hildegunst nach Buchhaim, der Stadt der Träumenden Bücher. Dort gerät er in Intrigen und haarsträubende Abenteuer und trifft dabei bizarre, liebenswerte und monstergefährliche Kreaturen.

Am Ende sind bis auf die Hauptfigur Hildegunst von Mythenmetz, eben den besagten Lindwurm, alle tot. Aber so richtig nahe geht einem das nicht. Nun, das Buch soll ja auch keine psychologisch ausgefeilte Charakteranalyse sein.

Eine der vielen Köstlichkeiten sind z. B. die Anagramme, die Moers mit den Buchstaben eines Scrabble-Spiels austüftelt; der arme Dölerich Hirnfidler wird beispielsweise beim Dichterraten schon nach dem ersten Buchstaben „O“ als Hölderlin enttarnt. Weitere Kostproben:

  • Gofid Letterkerl:    Gottfried Keller
  • Perla La Gadeon:   Edgar Allan Poe
  • Sanotthe von Rhüffel-Ostend:  Annette von Droste-Hülshoff
  • T. T. Kreischwurst:    Kurt Schwitters
  • Ojahnn Golgo van Fontheweg:   Johann Wolfgang von Goethe

Holger Kreitling hat in der WELT in seiner Rezension Wanderer, kommst du nach Buchhaim vom 25. September 2004 sicherlich zu Recht behauptet: „Es ist zudem die größte, schönste Liebeserklärung an das Lesen und die Literatur, die in diesem Jahr zu haben ist.“

Für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer vielleicht interessant: sein Interview in der WELT vom 20. Oktober 2011, in dem Moers mal eben kurz Folgendes konstatiert:

  • Welt Online: Herr Moers, woher rührt Ihr Faible für Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts?
  • Walter Moers: Wahrscheinlich von meiner anhaltenden Beschäftigung mit Arno Schmidt, der uns immer wieder mit der Nase darauf stößt, dass unsere besten Sachen in dieser Zeit geschrieben worden sind.
  • Welt Online: Haben Sie nicht als Schüler unter der Klassiker-Rezeption gelitten?
  • Moers: Nein, im Gegenteil. Ich hatte sogenannte fortschrittliche Lehrer, die uns zwangen, unsere kostbare Lektüre-Zeit mit Grass, Böll oder Frisch zu verplempern.

Zum Abschluss diesmal für alle, die es gern noch genauer hätten, eine Empfehlung auf einen von der Wikipedia-Community als „lesenswert“ eingestuften Artikel zu diesem Buch.

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