Denis Avey: The man who broke into Auschwitz (2011)

I never joined up to fight for King and Country, though I was patriotic enough. No, I enlisted for the sheer hell of it, for the adventure. I had no idea how much hell there would be.

So beginnt die Lebensrückschau des britischen Kriegsveteranen Denis Avey (Jahrgang 1919). Das Buch beruht im Wesentlichen auf Interviews aus dem Jahr 2010. Der Schwerpunkt liegt auf seinen Kriegserfahrungen, sowohl als Soldat in Ägypten als auch als Kriegsgefangener der Deutschen im Lager Auschwitz 3.

Der Titel ist – leider – etwas reißerisch geraten:

Denis Avey: The man who broke into Auschwitz (2011); auf Deutsch: Der Mann, der ins KZ einbrach

Der Titel ist aber nicht nur reißerisch, sondern auch irreführend, denn diese Eskapade, bei der er sich während seiner Kriegsgefangenschaft zweimal über Nacht in das Lager der Juden einschmuggelt und ein Jude derweil seinen Platz bei den britischen Kriegsgefangenen einnimmt, nimmt nur wenige Seiten im Buch ein, dabei ist das ganze Buch lesenswert.

Lorenz Jäger, der Rezensent der FAZ sah das offensichtlich anders. In seiner Kritik vom 19. Mai 2011 schreibt er: „Trotz vieler Warnungen scheint der Bedarf nach einer weniger sachlichen als menschlich nahen Schilderung der Massenmorde in den Vernichtungslagern auch heute noch eine Literatur hervorzubringen, die oft sentimental romantisiert oder, im schlimmeren Fall, auf freche Fälschung hinausläuft. Aveys Buch ist nicht das erste Werk dieser Gattung, hoffentlich bleibt es das letzte.

Jede Halb- oder Fünftelwahrheit auf diesem Gebiet ist nämlich eine Schädigung der wirklichen historischen Aufklärung, und kein Interesse an „Zeitzeugen“ kann hier als Entschuldigung angeführt werden. […] Einen Greis wie Avey zum Phantasieren zu bringen ist kein Ruhmesblatt, und ihn nun als Fabulierer entlarvt zu sehen, sollte das Publikum auch nicht befriedigen. …“

Was er bei seinem Verriss außer Acht gelassen hat: Das Buch ist eine Biografie, kein Sachbuch, die müssen in Deutschland nämlich immer so langweilig sein, dass sie kein Mensch freiwillig zur Kenntnis nimmt. Der Hauptvorwurf – auch in anderen kritischen Rezensionen – scheint zu sein, dass sich viele seiner Schilderungen nicht mehr belegen lassen und deshalb heftigste Skepsis angezeigt sei.

Doch warum sollte ein alter Mann, der die 90 überschritten hat, sich derlei Dinge ausdenken? Und die Interviews, die man von ihm liest oder im Internet ansehen kann, zeigen keinen verwirrten senilen Tattergreis, der nicht mehr Herr seiner Sinne wäre. Im Übrigen haben sich – sogar Jahrzehnte später – mehrere seiner Erinnerungen durch das Auffinden von Zeitzeugen verifizieren lassen. Wer mehr zu der Debatte lesen möchte, kann hier beginnen.

Und was ist an dem „menschlich nahen“ Zugang verwerflich? Passt es Jäger nicht, dass man da der Geschichte und ihren Akteuren so unerfreulich nahe kommt? Dass man – gerade als deutscher Leser – bei der Lektüre daran erinnert wird, dass Soldaten aus vielen Ländern ihr Leben, ihre Gliedmaßen, ihre Freunde, ihre Lebensfreude verloren haben, damit wir heute in einem freien Land leben können? Dass der deutsche Wahn auch in anderen Ländern jahrzehntelange Spuren und Traumata hinterlassen hat und dass da einer sagt, für das Richtige müsse man einstehen?

Und neben allem historischen Einblick ist es auch eine spannende Geschichte, die wie jedes gute Buch Fragen aufwirft, die auch am Ende offen bleiben müssen, obwohl man doch so gern einfache Antworten hätte.

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2 thoughts on “Denis Avey: The man who broke into Auschwitz (2011)

  1. Ich habe das Buch gestern begonnen und wurde durch Arndt von AstroLibrium auf die Vorwürfe aufmerksam gemacht, sodass ich auch gerade ein wenig durchs Internet suche. Auch wenn ich erst wenige Seiten des Buches gelesen habe, muss ich dir schon zustimmen: Warum sollte ein über 90-Jähriger sich so etwas ausdenken? Bloß weil etwas nicht eindeutig zu belegen ist, ist es doch nicht grundsätzlich falsch. Es haben damals so viele Menschen etwas Schreckliches erlebt, dass sich nicht immer bis ins Detail nachweisen lässt. Außerdem wurde alle Aussagen, die nicht mit dem Schmuggel ins Lager zu tun haben, bestätigt – und da soll ausgerechnet diese eine nicht stimmen? Ich bin auf jeden Fall gespannt, was Denis Avey mir in seinem Buch noch alles erzählen wird.

    Die Kritik des FAZ-Redakteurs an menschlich nahen Schilderungen kann ich übrigens ebenso wenig nachvollziehen wie du. Ich denke dabei vor allem an Jugendliche, wenn sie erstmals mit Themen wie dem Holocaust in Kontakt kommen: Mit reinen Fakten kann man diese für solche Themen kaum sensibilisieren – mich selbst haben früher diese reinen Zahlen- und Namen-Droppings im Unterricht genervt – mit Berichten, die das Erleben und Empfinden berücksichtigen, erreicht man viel, viel mehr, weil die Ereignisse auf diese Weise nachvollziehbar werden.

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