Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (2011)

„Setzen“, sagte Inge Lohmark, und die Klasse setzte sich. Sie sagte: „Schlagen Sie das Buch auf Seite sieben auf“; und sie schlugen das Buch auf Seite sieben auf, und dann begannen sie mit den Ökosystemen, den Naturhaushalten, den Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen unter den Arten, zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt, dem Wirkungsgefüge von Gemeinschaft und Raum.

So beginnt:

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (2011)

Ganz offensichtlich hätte ich vor dem Erwerb des Buches diesen ersten Satz lesen sollen, dann wäre mir manches erspart geblieben. Aber nein, ich bin wieder auf irgendwelche Rezensionen reingefallen.

Eine Biologie- und Sportlehrerin, in der DDR sozialisiert, bis ins Mark verknöchert – keine Ahnung, wie sie zu ihrer Tochter gekommen ist, die aus gutem Grund, wie man später erfährt, in Amerika lebt und sicherlich nicht mehr ins dieses ostdeutsche Kaff zurückkehren wird. Ihr Leben eine einzige Tristesse, ihre Ehe eine sprachlose Wohngemeinschaft, sie selbst unfähig, ihre Schüler als Menschen wahrzunehmen, weshalb sie auch das Mobbing, das in ihrer Klasse stattfindet, komplett und konsequent empathielos ignoriert.

Ihre Versuche, wirklich alles mit Darwin, Anpassung und Erblehre zu erklären und sich das Leben und die Sinnfragen vom Leib zu halten, am Ende natürlich zum Scheitern verurteilt.

Abhauen war ja keine Kunst. Das hatte sie immer den anderen überlassen. Es hatte nur eine ganz kurze Zeit gegeben, in der sie mit dem Gedanken spielte. Aber das war lange her. Sie war geblieben. Freiheit wurde überbewertet. Die Welt war entdeckt, die meisten Arten bestimmt. Man konnte getrost zu Hause bleiben. (S. 42)

Der bissige Erzählton wird brav durchgehalten, doch die Frage bleibt: Warum soll man das lesen?

Da, wo es spannend werden könnte, wo ihr die Wirklichkeit ganz nahe rückt, als ihr Direktor sie mit der Frage konfrontiert, ob sie das Mobbing in ihrer Klasse tatsächlich nicht bemerkt habe, wo man nun gern ihre Reaktion darauf wissen würde, ist das Buch zu Ende.

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One thought on “Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (2011)

  1. Ich stöbere gerade etwas in Deinen älteren Rezensionen herum und stelle fest: Etliche Gemeinsamkeiten, aber auch ganz unterschiedliche Einschätzungen. Ich mochte das Buch von J. Schalansky sehr – gerade, weil sie es fertigbringt, diese knochentrockene, unsympathische Person auch so rüberzubringen.
    Aber es ist interessant, dies auch mit anderen Augen zu sehen – es lebe der Unterschied!🙂 LG Birgit

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