Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind (2006)

15. Jänner

Betreff: Abbestellung

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So beginnt

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind (2006)

Zum Inhalt

Durch einen Zufall ergibt sich eine E-Mail-Bekanntschaft zwischen Emma und Leo – beide in den Dreißigern, sie verheiratet. Obwohl sie in derselben Stadt leben, scheuen sie die gesamte Geschichte hindurch vor einem Treffen zurück und verpassen so den geeigneten Zeitpunkt, ihre virtuelle Beziehung zu beenden.

Es kommt, wie es kommen muss: Sie verlieben sich ineinander bzw. in das Bild, das sie sich voneinander gemacht haben. Gegen Ende des Buches – wie gut, dass man in solchen Büchern immer so tolle Jobs hat, wo das möglich ist – setzt sich Leo erst mal für ein Jahr nach Boston ab, um Abstand von seiner virtuellen Freundin zu finden.

Vermutlich gibt es in Boston noch kein Internet…

Fazit

Die Geschichte beginnt leicht und verspielt wie eine Vogelfeder. Und ja, die ersten Schritte des Kennenlernens, der Schmetterlingsgefühle, des Flirts werden hier schlagfertig und witzig in die Sprache der E-Mails übertragen.

Irgendwann fängt aber besonders Emma an, mir ein bisschen auf die Nerven zu gehen. Sie hat den Tiefgang einer Briefmarke und weigert sich beharrlich, die naheliegendsten Fragen zu stellen: Was passiert hier eigentlich? Wo wird das hinführen? Was tue ich meinem Mann und meinen Stiefkindern mit dieser virtuellen Affäre eigentlich an?

Sie will auf diese Mails nicht mehr verzichten, diese sollen ihr den Alltag verzuckern und aufregend machen. Das mag realistisch sein, wird aber überhaupt nicht als problematisch wahrgenommen oder gar mal reflektiert.

Und richtig gruselig wird es, als dann noch ihr Ehemann, ein Konzertpianist (was sonst), in den E-Mail-Kontakt einsteigt und einen grauenhaft unglaubwürdigen Brief an Leo schreibt mit der flehentlichen Bitte, dass dieser sich doch endlich mit seiner Frau treffen, ja und bitte auch mit ihr schlafen möge, damit er dann die Chance habe, mit einem realen Konkurrenten um seine Frau zu kämpfen.

Außerdem, um noch ein bisschen weiter an diesem Lifestyle-Zeitgeist-Lebensabschnittsgefährten-Roman herumzumäkeln, sind Emma und Leo Namen, die in den Siebzigern, als die Hauptpersonen geboren sein müssten, überhaupt nicht vorkamen. Aber Sabine und Klaus oder Frank und Claudia klingt ja auch irgendwie uncool.

Oliver Jungen schrieb am 07. November 2006 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Glattauer hat beiden Figuren eine apodiktisch-lakonische Schlagfertigkeit verliehen. Daß die Personen dabei gewisse Konturen, aber keinerlei Tiefe erhalten, ist Programm (für die „Longlist“ des „Deutschen Buchpreises“ hat es gereicht) und Problem des Buches (für die „Shortlist“ reichte es nicht). Was zunächst vielfach bezogener Realismus zu sein verspricht, entpuppt sich schnell als eindimensionaler Verismus: Liebe in Zeiten des Tralala. Der „Hins“ und der „Hers“ zwischen Faszination und Bockigkeit sind deutlich zu viele. Bei aller durchaus vorhandenen Anmut der Tändelei: Millionen von Posteingangsfächern sehen ganz ähnlich aus.

Bliebe zu fragen, woher Herr Jungen das weiß…

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