Jakob Arjouni: Hausaufgaben (2004)

Joachim Linde, Deutschlehrer am Reichenheimer Schiller-Gymnasium, sah auf die Uhr.

‚… Also dann versucht doch mal in den zwanzig Minuten, die uns noch bleiben – auch ruhig unter dem Eindruck des vorhin gelesenen Walser-Texts -, zu beschreiben, was ihr meint, welchen Einfluß das Dritte Reich heute, fast sechzig Jahre später, auf euer Leben hat.‘

Linde verschränkte die Arme, lehnte sich gegen die Tafel und ließ den Blick über die Gesichter des Deutsch-Oberstufenkurses ‚Deutsche Nachkriegsschriftsteller und ihre Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich‘ streifen. Zweiundzwanzig Mädchen und Jungen im Alter von siebzehn bis zwanzig, die im Moment, wie Linde glaubte, nur im Kopf hatten, wo sie das verlängerte Wochenende verbringen würden.

So beginnt:

Jakob Arjouni: Hausaufgaben (2004)

Zum Inhalt

Nun, nach der aus den Fugen geratenen Deutschstunde, in der ein Schüler den Großeltern einer Mitschülerin die nachträgliche Vergasung wünscht, kann sich Lehrer Linde – ein Unsympath, wie er im Buche steht – dann auch noch das geplante Wanderwochenende in der Mark Brandenburg abschminken. Stattdessen fliegt ihm sein Familienleben bzw. der Scherbenhaufen, der davon noch übrig ist, um die Ohren.

Fazit

Lehrer sind in der Literatur ja immer wieder so richtige Sympathieträger (siehe Der Hals der Giraffe), aber das ist wirklich klug gemacht, wie hier zwei Bedeutungsebenen miteinander verschränkt werden: Linde, der sich sein Familienleben und seine Rolle als Vater schönlügt, bis sich die Balken biegen, und die Frage nach der Vergangenheitsbewältigung der Deutschen, die sich ihre blinden Flecken in der Wahrnehmung genauso wenig eingestehen können bzw. wollen.

Anmerkungen

Jutta Person schreibt am 5. Oktober 2004 in der Süddeutschen Zeitung zu Recht von der „boshafte(n) und gelegentlich hohntriefende(n) Erzählstimme“, die das Buch kennzeichne. „Denn die pädagogischen Phrasen von der ‚engagierten Diskussion‘, die Arjouni seiner Hauptfigur in den Mund legt, fallen mit parodistischem Krachen auf Linde zurück. Sätze wie ‚Ich denke, das würde uns allen helfen, konstruktiver miteinander umzugehen. Auch und gerade mit unseren Fehlern‘ lehren einen das Gruseln angesichts der Gemeinheiten dessen, der sie äußert.“

Arjouni starb im Januar 2013 im Alter von 48 Jahren an Krebs. Der Spiegel hält in seinem Nachruf Hausaufgaben für das am meisten unterschätzte Werk des Autors: „Vielleicht das böseste Buch, das je über Pädagogen und ihre Weltverbesserungslügen geschrieben wurde.“

Und wenn wir schon dabei sind, noch ein weiteres Zitat zu Lehrern:

Im übrigen war Marugg, wie viele Lehrer, nicht sonderlich lernfreudig, belehrte aber unablässig, und statt wirklich zuzuhören, wenn andere sprachen, lauerte er mit rüsselförmigem Mund auf ein Stichwort.

aus: Markus Werner: Bis bald (1992)

cnz 198

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