Dorothy Herrmann: Mit den Wolken will ich ziehen (1993)

Diese unfassbar klebrige und öde Biografie der amerikanischen Journalistin Herrmann über Anne Morrow Lindbergh (1906-2001) erschien 1993 unter dem Originaltitel  Anne Morrow Lindbergh. A Gift for Life.

Da heiratet die junge Botschaftertochter den über Nacht zum Nationalhelden gewordenen Charles Lindbergh, erwirbt als erste Frau in den USA den Segelschein und begleitet ihren Mann auf  Expeditionen über Kontinente hinweg. Sie erlebt die Entführung und Ermordung ihres erstgeborenen Sohnes, den anschließenden Prozess und die Widerlichkeit der Presse – Journalisten brechen in das Leichenschauhaus ein, um noch Fotos der kleinen verwesten Leiche ihres Sohnes zu machen, den man erst zwei Monate nach seiner Ermordung aufgefunden hatte.

Anschließend verbringt sie mit ihrer Familie auf der Flucht vor der Öffentlichkeit ein längeres Exil in England und Frankreich, wird zu einer der beliebtesten Schriftstellerinnen Amerikas, bekommt fünf weitere Kinder, verstrickt sich – wenn auch nicht so stark wie ihr Mann, der überzeugter Sozialdarwinist war – in merkwürdige Versuche, den Amerikanern den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg auszureden, schafft es, nach dem Krieg ihr angekratztes Image wieder aufzupolieren und genießt sagenhaften Reichtum, um schließlich 2001 in hohem Alter zu sterben.

Darüber hinaus hat sie über Jahrzehnte Tagebuch geführt und war mit vielen wichtigen und einflussreichen Menschen bekannt.

Es ist einfach erstaunlich, was für eine anödende Biografie man über so ein interessantes Leben schreiben kann. Das Buch liest sich, als sei es mit angezogener Handbremse verfasst.

Vielleicht liegt es daran, dass Anne Morrow Lindbergh zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch lebte und die Autorin zu feige war, Butter bei die Fische zu tun. Als solle um jeden Preis der Mythos der Lindberghs erhalten werden: kein Wort über die Affäre Anns mit ihrem Arzt, stattdessen der Versuch, ihr Leben als einen nicht enden wollenden Dienst am Image ihres Mannes zu stilisieren. Das Buch wirkt schwammig, unkonkret, die Person Annes bleibt weit weg. Alles in allem: angekitschte Verehrung.

2003 kam dann durch die Enthüllung einer unehelichen Tochter von Charles Lindbergh auch noch heraus, dass Charles drei weitere Familien in Europa gegründet hatte, mit insgesamt sieben unehelichen Kindern. Vaterschaftstests haben das zweifelsfrei bewiesen. Siebzehn Jahre hat er sein Doppelleben mit jeweils ein paar Tagen pro Jahr bei seinen Geliebten und deren Kindern geführt. Zumindest diese Erkenntnis ist Anne erspart geblieben.

d-nz 298

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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