Volker Weidermann: Max Frisch: Sein Leben, seine Bücher (2010)

Nein, das geht natürlich nicht. Eine Biografie über Max Frisch – das ist ja genau der Schrecken, gegen den er ein Leben lang angeschrieben hat. Das fest gefügte Gebäude eines Lebens, zusammengefügt aus unverrückbaren Bausteinen, die Stein für Stein den lebendigen Menschen einmauern, bis die Wände ihn schließlich ganz umschließen und jede Bewegung unmöglich machen.

So beginnt

Volker Weidermann: Max Frisch: Sein Leben, seine Bücher (2010)

Die Biografie Weidermanns zu Max Frisch (1911 – 1991) liest sich interessant, flüssig, und die Auswahl der Zitate aus Frischs Werken und (ebenfalls veröffentlichten) Tagebüchern und Briefen ist so gelungen, dass einem Frisch nahekommt. Weidermann scheut sich nicht, Stellung zu beziehen, das genau gibt dem Ganzen eine angenehme Frische. Was für ein Unterschied zu dem drögen Machwerk, das ich vorher über Anne Morrow Lindbergh gelesen habe.

Im Vorwort zitiert er ein bekanntes Wort von Frisch aus dessen Tagebuch, was Weidermann wohl als Motto seiner Biografie verstanden wissen wollte:

Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur. Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und für den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, daß man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. […] Schreiben heißt, sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, daß man ein Griesgram ist. Und ein Moralist, wenn man sich liest.  Es läßt sich nichts machen dagegen. Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen können, nicht von einem einzelnen Augenblick aus –  (zitiert nach Weidermann, S. 10)

Manchmal wäre ein bisschen mehr interpretatorische Tiefe bei den Werkbesprechungen schön gewesen, aber das kann man ja auch anderswo nachlesen. Ansonsten schon interessant, wie Frisch seine Lebenserfahrungen, seine Lieben – gern mit Frauen, die ca. 30 Jahre jünger waren – in Literatur umgesetzt hat. Und mit wem er in Freundschaft, Liebe und Feindschaft verbunden war, Peter Bichsel, Friedrich Dürrenmatt, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson. Auffällig fand ich, welch geringe Rolle Frischs Kinder in dieser Biografie spielen. Vielleicht sollte ich doch das Buch der Tochter Ursula Priess Sturz durch alle Spiegel lesen.

Und Max Frisch hat sich im Laufe der Jahre ja zu einem politisch wachen Menschen und Schriftsteller entwickelt, was ihm dann mit Jahrzehnten der Bespitzelung durch sein eigenes Land gedankt wurde.

Emil Staiger und Elisabeth Frenzel

Was noch genauer zu recherchieren bliebe, ist der Zürcher Literaturstreit um den Literaturprofessor Emil Staiger und seine höchst bedenkliche Rede vom 17. Dezember 1966 im Zürcher Schauspielhaus, auf die Max Frisch mit Entsetzen reagierte.

Als junger Studentin waren mir diese Zusammenhänge unbekannt, sie wurden, soweit ich mich erinnere, auch nie thematisiert.

Genauso wie die stramm nationalsozialistische Vergangenheit der Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Frenzel (geboren 1915), die 1938 mit dem antisemitischen Machwerk „Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne“ promovierte. Der Doktortitel wurde ihr übrigens nie aberkannt.

Ihre „Daten deutscher Dichtung“, geschrieben zusammen mit ihrem Mann, gehörten gar jahrzehntelang zu den Standardwerken der nachkriegsdeutschen Germanistik. Diese Chronik deutschsprachiger Literatur erschien erstmals 1953 und enthielt sehr auffällige Lücken für die Jahre 1933 bis 1945 über Schriftsteller, die den Nazis nicht genehm waren, während nationalsozialistische Dichter zum Teil breite Erwähnung fanden. Das Buch wurde immer wieder aufgelegt und nur geringfügig modifiziert, erlebte 35 Auflagen und wurde erst 2009 endgültig vom Markt genommen. Aber erst, nachdem Volker Weidermann am 11. Mai 2009 den Artikel „Standardwerk mit Lücken: Ein grotesker Kanon“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht hatte.

Allerdings weist Tilman Krause in der WELT am 16. Mai 2009 bissig darauf hin, dass Frenzel schon vorher so ca. alle fünf Jahre als „alte Nazisse“ enttarnt worden sei und dass es ja nun kein Heldenstück sei, einer im Altersheim dahindämmernden 94-Jährigen quasi den Todesstoß zu versetzen. Er stellt außerdem die unangenehmen Fragen, warum nie etwas ähnlich Grundlegendes mal von der Germanistenzunft erstellt worden ist. Und wieso die Verlage, die zwar viele Jahre bereit waren, die Gewinne des sich prächtig verkaufenden Werkes einzustecken, nie auf eine tiefgreifende Überarbeitung drängten und dann 2009 plötzlich sang- und klanglos ihre Autorin fallen ließen. Die Vermutung liegt nahe: Im Zeitalter des Internets war das Buch keine Goldgrube mehr.

Auch wenn Krauses Einwände sicherlich berechtigt sind, finde ich es unerheblich, dass Frenzel zum Zeitpunkt ihrer Dissertation erst 23 war. Die Frage ist doch, ob sie irgendwann einen Erkenntnisprozess durchlebt und sie ihre tiefbraune, und nicht nur „angebräunte“, Denkweise wirklich hinter sich gelassen hat. Dafür finden sich aber weder in den diversen Zeitungsartikeln noch im Internet irgendwelche Belege, also wäre eine bloße Überarbeitung der „Daten deutscher Dichtung“ nur alberne und irreführende Kosmetik gewesen.

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