Rachel Joyce: The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry (2012)

The letter that would change everything arrived on a Tuesday. It was an ordinary morning in mid-April that smelt of clean washing and grass cuttings. Harold Fry sat at the breakfast table, freshly shaved, in a clean shirt and tie, with a slice of toast that he wasn’t eating.

So beginnt der auf ein Radio-Hörspiel zurückgehende Roman

Rachel Joyce: The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry (2012)

Zum Inhalt

An diesem Aprilmorgen bekommt also Harold, Mitte 60 und im Ruhestand, einen kurzen Brief von Queenie Hennessy, die vor 20 Jahren Hals über Kopf die Brauerei, in der sie beide gearbeitet haben, verlassen hat und zu der er seitdem keinen Kontakt mehr hatte. Queenie schreibt ihm aus einem Hospiz im Norden Schottlands einen Abschiedsbrief, sie hat Krebs und liegt im Sterben.

Harold antwortet ihr, doch als er den Brief zum nächstgelegenen Briefkasten bringen will, findet er seine Worte auf einmal nicht mehr angemessen. Er beschließt, die Nachricht erst in den nächsten Briefkasten zu werfen. Doch auch das gelingt ihm nicht.

Ein junges Mädchen an einer Tankstelle erwähnt eher beiläufig, dass es wichtig sei, positiv zu denken, daran zu glauben, dass eine Person gesund werden könne. Und so fasst er den verrückten Entschluss, von seinem Heimatort an der Südküste Englands bis nach Schottland zu Queenie zu laufen. Er lässt ihr ausrichten, dass sie auf ihn warten solle. Sie dürfe jetzt nicht sterben.

Also macht er sich auf, ohne Rucksack, ohne Handy, ohne vernünftige Schuhe, ohne Karte, ohne Kondition. Das Unternehmen wird zu einem Akt des Glaubens, des Durchhaltens, der Ermutigung. Er will Queenie retten oder sie zumindest noch einmal sprechen und er will für seine Fehler der Vergangenheit büßen.

Auf seiner Reise trifft er auf alle möglichen Menschen. Harold hört ihnen zu, erzählt auch anderen von sich und wird sogar kurzzeitig zu einem Medienstar, was zu einem netten Seitenhieb auf unsere sensationsgierige Natur gerät.

Auf seiner Wanderung wird er von Erinnerungen eingeholt. Immer deutlicher wird, was es mit seiner unglücklichen Ehe und dem schlechten Verhältnis zu seinem Sohn auf sich hat. Auch seine daheim gebliebene Frau Maureen verändert sich durch seine Abwesenheit und muss sich ihren eigenen Dämonen stellen.

Fazit

Das Buch hat einen starken Paulo Coehlo-Touch, ein bisschen märchenhaft und arg oberflächlich, wenn auch mit guter Grundidee. Joyce selbst sagt, die Idee sei ihr durch die Krebserkrankung ihres Vaters gekommen: „I think it was a way of trying to keep him alive.“

Man darf nicht zu tief nachbohren: Was erhofft sich Harold wirklich von dieser Idee, wie wahrscheinlich ist es, dass ein älterer Mann, der anscheinend nie Sport getrieben hat, der mit völlig ungeeigneten Segelschuhen losläuft, diese Strapazen übersteht? Am Ende schickt er sogar seine Kreditkarte an seine Frau zurück und verlässt sich ganz auf Spenden und die Hilfsbereitschaft der anderen.

Wie glaubhaft ist es, dass er immer nur auf ihm wohlgesonnene Menschen trifft, die im Grunde alle, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, genauso einsam sind wie er? Beispielsweise begegnet er einer ausgebildeten  Ärztin, die ihm die entzündeten Blasen und die ramponierten Füße verbindet, deren Ausbildung aber in Großbritannien nicht anerkannt wird und die deshalb als Putzfrau arbeitet. Überhaupt bleiben die Menschen auf seiner seltsamen Pilgerreise arg schematisch und typenhaft.

Nicht nur der Titel, auch das vorangestellte Zitat von John Bunyan verweisen auf das klassische Vorbild einer literarischen Pilgerreise: The Pilgrim’s Progress. Im Guardian hat Alfred Hickling am 6. April 2012 auf die Tücken dieser literarischen Anlehnung hingewiesen:

Harold might be perceived as the contemporary equivalent of Bunyan’s Christian: an Everyman figure whose spiritual journey is prone to pitfalls and distraction and presented as both heroic and mundane. Joyce, wisely, does not press the parallels too closely. There’s no Slough of Despond, though Harold does become quite despondent in Stroud; and there’s a significant distinction in that Joyce’s pilgrim doesn’t believe in God. ‚He didn’t object to people believing in him, but it was like being in a place where everyone knew a set of rules and he didn’t.‘ […] Allegory is one of the hardest fictional conceits to sustain for any length of time; and there are inevitably points at which the characters seem to be little more than abstractions.

Ein Buch, dessen Botschaft für die Fans lautet: Zieh endlich mal was durch, egal ob es Sinn macht. Denk positiv. Versöhn dich mit dir. Aber sei auch nicht zu streng mit dir. Frag nicht zu radikal. Stell nichts grundsätzlich in Frage. Kurzum für Menschen, die so Sätze mögen wie die von Maureen, als sie von einer Schwester in Queenies Hospiz gefragt wird, ob sie und Harold am Abendgebet teilnehmen möchten.

Maureen gave a polite smile. It was too late to become believers now. ‚Thank you, but Harold is very tired. I think what he needs most is rest.‘ (S. 291)

Allerdings ist die Grundidee der Handlung gut, hier wäre mit den richtigen Schauspielern, die den Charakteren mehr Tiefe verleihen, zumindest ein entspannender Kinoabend möglich.

Aber, um noch einmal Hickling zu zitieren: Es gebe neben den massentauglichen Kitsch- und Esoteriktendenzen noch einen weiteren Grund für den großen Erfolg des Buches:

Ultimately, the success of Joyce’s writing depends less on the credibility (or otherwise) of what actually happens, so much as her unerring ability to convey profound emotions in simple, unaffected language. […] And, appropriately for a novel inspired by loss, it contains a brilliant summation of grief – not expressed by Harold, but by his neighbour Rex (Bunyan called him Plausible), who is gradually coming to terms with the death of his wife:

‚I miss her all the time. I know in my head that she has gone. The only difference is that I am getting used to the pain. It’s like discovering a great hole in the ground. To begin with, you forget it’s there and keep falling in. After a while, it’s still there, but you learn to walk round it.'“

Denis Scheck hingegen hält sich mit solchen Feinheiten nicht lange auf, sein Fazit zu dem Roman ist – wie immer in der Sendung Druckfrisch – kurz und knackig: „Ihr Roman ist ein in grausliche Esoterik getränkter Schmarrn.“

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