Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel (2009)

Der Frisch also, der ist Ihr Vater!?

Sie erschrak – daß er nicht Max Frisch sagte, auch nicht Herr Frisch, und vor allem: in welchem Ton er es sagte! Aber auch er schien erschrocken. Sie schaute weg.

So beginnt die „Bestandsaufnahme“ von Ursula Priess (geboren 1943) über ihre schwierige, in weiten Teilen gescheiterte Beziehung zu ihrem berühmten Vater Max Frisch:

Ursula Priess: Sturz durch alle Spiegel (2009)

Wir haben hier ein Mosaik aus Erinnerungen und Reflexionen, das nicht chronologisch aufgebaut ist, sich aber an der Schilderung entlanghangelt, wie sie in Venedig einen Mann wiedertrifft, mit dem sie schon den ganzen Sommer telefoniert hat. Sie findet ihn attraktiv, doch ist diese Beziehung zum Scheitern verurteilt. Er ist wohl der Mann, der ihren Vater vor vielen Jahren zu schier unglaublicher Eifersucht angestachelt hatte, da die beiden Männer zeitgleich Ingeborg Bachmann kannten, mit der Max Frisch vier Jahre lang zusammen war.

Das Buch wird von manchen Kritikern als eine Liebeserklärung an ihren verstorbenen Vater gesehen, zu der es während seines Lebens nicht kommen konnte, in einer Sprache, die zwar an der Genauigkeit ihres Vaters geschult zu sein scheint, doch letztlich ihren Anspruch nicht einlösen kann. Selbst der Titel ist ein Zitat aus dem Roman ihres Vaters Mein Name sei Gantenbein.

Da Frisch mit seinem Schreiben sehr viele Menschen verletzt hat, indem er sie immer mit dem Blick auf literarische Verwertbarkeit betrachtet und auch verwendet hat, war es für Priess völlig klar, dass sie das nicht tun und auf Diskretion achten würde:

Vor den Toten verneige ich mich. Sie haben geschafft, was uns noch bevorsteht: ihren Tod. Ihre Namen nenne ich, staunend vor dem Unfaßlichen des Lebens mit all seinen Verwirrungen und Verhängnissen und mit manchmal ein bißchen Glück.

Schreiben jedoch über Lebende – niemals! Von Anfang an stand fest, daß ich es nicht tun werde. Und schon gar nicht mit Namen. Und Episoden mit dieser oder jener Person nur, wenn sie ausschließlich auf mich in meinem Verhältnis zum Vater hinweisen. Mir ist bewußt, daß diese ‚Zensur‘ vieles verschweigt und unterdrückt, möglicherweise auch verzerrt, aber weiterhin soll der bekannte Satz gelten: Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material. (S. 170 der Taschenbuchausgabe)

Das Zitat ist aufschlussreich: Die ersten beiden Sätze sind verschwiemelt ohne Ende. Und ich kann mir nicht helfen: Sicherlich war das Schreiben des Buches wesentlich für die Autorin, aber für mich als Leserin?

Priess versucht die Quadratur des Kreises: eine Beziehungsanalyse, ein Erinnerungsbuch, das völlig losgelöst sein soll von anderen Menschen. Wie soll man seine Vaterbeziehung betrachten, ohne dabei die Mutter, die Geschwister, die eigenen Kinder etc. in den Blick zu nehmen? Wie will man eine Beziehung in Buchform betrachten und dabei letztlich nichts verraten, weil man so diskret sein möchte?

In einem Interview mit dem Tages-Anzeiger (18. März 2010) warnt sie sogar davor, die Erzählerin zu rasch mit der Autorin gleichzusetzen:

Vorsicht. Es gibt zwar eine Nähe zwischen der Autorin und der Protagonistin des Buches, aber sind sie auch deckungsgleich? Tatsächlich gab es ein Ereignis, das es für mich notwendig machte, mich meiner Geschichte mit meinem Vater zu stellen. Aber darauf möchte ich nicht näher eingehen. Im Buch sagt die Person, die «Ich» sagt, ausdrücklich: Denk dir aus, wie es hätte sein können. Es bleibt also offen, ob es wirklich so gewesen war, und ich möchte es auch hier offenlassen.

Ja, was will sie denn nun? Und wenn sie sich wirklich mehrmals in ihrem Leben in Männer verliebt haben sollte, die in einer wie auch immer gearteten Beziehung zu ihrem Vater standen, dann hat sie doch wohl ein größeres Problem gehabt, das aber auch nur sehr von fern geahnt werden darf.

Auf dem Buchrücken ist ein Zitat Richard Kämmerlings aus der FAZ abgedruckt:

Ein schmales, aber hochverdichtetes Erinnerungsbuch – das bewegende Dokument einer schonungslosen Selbstanalyse. Die Autorin hat ein Buch geschrieben, das neben dem Werk von Max Frisch bestehen wird.

Nun, er hat auf der Buchmesse 2009 ein Podiumsgespräch mit ihr geführt, da darf man wohl eine positive Grundstimmung des Rezensenten erwarten.

Mir hat’s nicht gefallen, denn im Grunde steht nix drin. Ich halte mich da eher an Andreas Isenschmid,  der äußert sich in seiner Rezension „Vermurkste Bestandsaufnahme“ am  7. Juni 2009 in der Neuen Zürcher Zeitung ziemlich ungehalten:

Warum nur musste Priess, um gegenüber ihrem Vater eine eigene Stimme zu finden, just die ihres Vaters imitieren? Zumal ihr das im Wesentlichen gerade nicht gelingt. [..] und ihre Neigung zu pathetisch-banaler Schicksals- und Verstrickungsschwafelei [ist] beträchtlich. Vor allem aber stellt sie Frischs hinreissendem Buch unerbittlich selbstkritischer Klarstellung eines der leidensgeschwätzigen Unterstellung entgegen. […] Bisweilen ist keine Assoziation zu abstrus: Wenn ein Bekannter an ihrem Schal versehentlich ein Wappen zu sehen meint, dann blickt aus ihm der böse Max: «Durch ihn schaust du auf mich, oder eigentlich durchs Bild, das Max noch nicht einmal von mir, sondern von meiner Mutter fabriziert hat.» Willkommen im Reich der rasenden Projektion!

Roman Bucheli äußert sich am 6. Juni 2009 – ebenfalls in der Neuen Zürcher Zeitung – ähnlich:

Wo es zur Sache ginge, da flüchtet sich die Autorin ins Vernebelte und Vage, versteckt sich hinter verschwiemelten Andeutungen («nichts ist geschehen oder alles», schreibt sie über eine Nacht, als sie einmal im Arm des betrunkenen Vaters schlief) oder verschleiert, was sie doch eigentlich aus dem Dunkel der Ahnungen befreien möchte. – […]

Das finde ich auch. Sie löst ihren eigenen Anspruch nicht ein:

Kaufe mir stattdessen ein großes grünes Heft. Um darin zu notieren und festzuhalten, wie es ist, heute und in Zukunft; damit ich mich vergewissere.

  • Damit mir nichts abhanden kommt.
  • Damit ich mich keiner Täuschung hingebe.
  • Damit ich Bescheid weiß.

Ach, wenn ich doch jemals Bescheid wüßte! (S. 113)

Ein Buch wie von einem Mädchen, das doch noch hofft, seinen strengen Vater zu beeindrucken.

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