Martin Davidson: The Perfect Nazi (2010)

For thirty-five years of my life, my sister and I lived in the shadow of an unanswered question: What had Bruno Langbehn, our German grandfather, done during the war? When we were young, we didn’t know how to ask it. But even as we grew older, and understood better, we still couldn’t broach it. We knew it was there, but like the rest of the family, tiptoed round it. It became a taboo.

So beginnt die Spurensuche des schottischen Enkels

Martin Davidson: The Perfect Nazi: Uncovering my Grandfather’s Secret Past (2010)

Zum Hintergrund

Als der deutsche Großvater von Martin Davidson 1992 stirbt, ist die Mutter des Autors zum ersten Mal bereit, das bisher totgeschwiegene Familiengeheimnis zu lüften: Bruno Langbehn war während der Nazi-Zeit Mitglied der SS.

Der Enkel – ein Mitarbeiter der BBC – macht sich nun nach dem Tode Langbehns auf, dessen Geheimnis zu lüften. Er findet noch einige wenige Dokumente, die die Zeit in Archiven überdauert haben, z. B. den Antrag auf Aufnahme in die SS einschließlich handgeschriebenem Lebenslauf, und rekonstruiert so weit wie möglich die Nazi-Laufbahn seines Großvaters, der von Anfang an ein überzeugter und militanter Nazi war.

Zum Inhalt

In seiner „Normalität“ – Bruno Langbehn (*1906) arbeitete als Zahnarzt in Berlin – und seiner unerschütterlichen Loyalität zu Hitler steht er repräsentativ für die Machtbasis Hitlers. Er arbeitete sich „hoch“ vom einfachen Straßenkämpfer, trat bereits als Neunzehnjähriger 1926 in die SA ein und schließlich erfüllte sich sein Traum: Seinem Antrag auf Mitgliedschaft in der berüchtigten SS wurde stattgegeben. Er war der „perfekte Nazi“, der schließlich sogar das goldene Parteiabzeichen erhielt, das denjenigen verliehen wurde, die eine besonders niedrige NSDAP-Mitgliedsnummer (bis 100.000) aufwiesen und sich infolgedessen auch mit dem „Ehrentitel“ ‚Alte Kämpfer‘ schmücken durften.

Bis zu Langbehns Tod im Jahr 1992 gibt es keine Anzeichen, dass er einen Gesinnungswandel durchgemacht hat. Er war ein brutaler und aggressiver Vater, nach dem Krieg dem Alkohol zugeneigt und bei den wenigen Treffen mit seinen schottischen Enkelkindern gefiel er sich in der Rolle des Unberechenbaren, schenkte seinem Enkel In Stahlgewittern von Ernst Jünger und machte nie ein Geheimnis daraus, wie wichtig ihm die Stammtisch-Treffen mit seinen „Kriegskameraden“ waren.

Fazit

Da der Großvater aber kein Tagebuch oder andere nennenswerten persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen hat, gerät das Buch in weiten Strecken zu einer Art allgemeiner Geschichts-Nachhilfestunde, beispielsweise über die Folgen des verlorenen Ersten Weltkrieges und den Versailler Vertrag und schließlich besonders über die Organisationen der SA und SS.

Das ist genau das Problem des Buches, so gründlich recherchiert es auch ist: dass es keinen wirklichen Einblick in die Weltsicht des überzeugten Nazis bieten kann. Mehr als einmal müssen wilde Vermutungen und Spekulationen des Autors herhalten, um die möglichen Motive des Großvaters herzuleiten.

Auch die Rolle der Erziehung mit der Betonung auf blindem Gehorsam und unbedingter Autoritätsgläubigkeit, auf die sich die Nazis stützten, wird in dem Buch nicht in den Blick genommen.

Der Protagonist des Buches ist längst tot. Er kann nicht mehr befragt werden und aus der Familie hat nie jemand mit ihm darüber gesprochen. Die Versuche Davidsons, seine Mutter gegen diesbezügliche Vorwürfe zu schützen – sie habe schließlich gewusst, was ihr Vater für ein Mensch sei, die lieblose Erziehung hätte das mehr als verdeutlicht, weitere Fragen seien unnötig gewesen – wirken ein wenig hilflos.

Treffender ist wohl, dass das Verschweigen in den Familien aus vielerlei Gründen ganz typisch war. Die Väter hatten auch nach dem Krieg zumindest in den Familien noch die Machtposition, die nicht hinterfragt wurde, und die Kinder hatten wohl zu wenige Informationen. Und so unproblematisch dürften solche Gespräche auch nicht gewesen sein, wenn sie denn überhaupt stattfanden. Und es braucht ja eine gewisse Reife, die weder mit (Groß-)Elternglorifizierung noch mit Selbstgerechtigkeit einhergehen darf, um solche Fragen überhaupt sinnvoll stellen zu können.

Ich bin skeptisch, ob der Autor sein Ziel wirklich erreicht hat, denn letztlich muss offenbleiben, was der Großvater nun wirklich getan oder nicht getan hat:

Most important of all, Bruno was no longer the only member of the family who knew what he had done. It had been our deliberately encouraged ignorance that had allowed him to relish the notoriety of his Nazi career, safe in the assumption that he could never be called to account for it – and he exploited it fully. I was glad that was no longer the case, even if it had not been possible to confront him while he was still alive. (S. 326)

Bruno Langbehn jedenfalls hat sich nach dem Krieg, nachdem er keine Angst mehr hatte, als alter SS-Kämpfer enttarnt zu werden, wie so viele ganz prächtig mit dem Wirtschaftswunder arrangiert und von Alpträumen wurde er – soweit bekannt – auch nicht geplagt.

Weitere Besprechungen

Diese wilde Herumvermuterei ist auch der Hauptkritikpunkt des entnervten Bloggers Tom Cunliffe:

Really, this isn’t history at all.  It’s mere surmise and I wonder what the point is of writing it, when there are so many first hand accounts of the events of the night which do not rely on assuming that someone participated in it. Heck, for all we know Bruno was out of action on Kristallnacht attending an SS officer’s dental emergency.  It may be a good exercise in creative writing to imagine what Bruno got up to on that night but it doesn’t shed any new light on the real events that took place. […]  I see very little merit in rehashing the history of Nazism in Germany and inserting the name of a relative at all the key points. No doubt this is fascinating history for Martin Davidson and his relatives but I can’t see that it would have much interest beyond the confines of his family.  I agree with Martin Davidson that his grandfather probably took part in many of the events described but I would prefer to read the many genuine, first hand accounts. And for a history of the times, there are so many better books it’s hard to see what the point is in this one.

Eine andere Kritik aus Großbritannien legt den Tenor auf einen ganz anderen Punkt: Hester Vaizey schreibt im Independent am 10. September  2010:

In family histories of this period, it is quite common for grandchildren to have a good understanding of what the Nazis did (as any German school child would tell you, there is never any danger of this subject being neglected in the classroom) and yet simultaneously profess „Grandpa wasn’t a Nazi“. Quite understandably, nobody wants their family to be mixed up with the bad guys. Davidson is no apologist for his grandfather, however. His condemnation of Bruno is loud and clear. Davidson will have wanted to avoid accusations of white-washing his family’s past. In merging the personal with the historical, he both helps us to understand what motivated Langbehn, while simultaneously casting judgement upon his grandfather.

Ich finde es verblüffend, dass ein Rezensent des Independent (!) es erstaunlich findet, dass der Autor nicht automatisch der Versuchung erliegt, „white-washing“ zu betreiben.

5 thoughts on “Martin Davidson: The Perfect Nazi (2010)

  1. Sie schrieb einen sehr interessanten Bericht hier und ich stimme mit vielem, was du sagst. Ich mochte dieses Buch. Ich dachte, das hat der Autor keinerlei Grund, sich so schlecht über seinen Großvater. Er hatte nicht eine Menge Beweise für die Annahme, dass sein Großvater ein Nazi war, und ich denke, dass er übertrieben, die kleine Menge von Beweisen, die er hatte. Ich bedauere, dass ich nicht Deutsch sprechen, damit ich nicht expres mich gut bin!

    See my review here

    http://acommonreader.org/review-the-perfect-nazi-martin-davidson/

    • Dear Mr Cunliffe,

      thanks again for taking a closer look at my blog. I stumbled upon „The perfect Nazi“ in one of the larger bookstores and I thought the idea of doing research about one’s grandparents very interesting, probably because of personal reasons. The silence between the generations as far as the war is concerned seems to be typical of a lot of families. At least it was the same in my family. And when I was old enough to be able to ask my grandparents didn’t live anymore.

      But I couldn’t agree with you more: This book was a big disappointment. I suppose his grandfather was probably really the bad nazi, but the book could’t offer any insights and you pointed out its weaknesses much better than I.

      There is no need to worry about your German! I feel rather honoured that you spend some time on my little blog.

      Every now and then I feel it’s necessary to read about Nazism, and of the best books which really helped me to understand what was going on, were the diaries of the professor of French Viktor Klemperer. He lived in Dresden and was a Jew who wasn’t deported because of his wife.

      And as I haven’t much experience with answering comments I’m not sure whether you received my answer. So just in case you haven’t: Here is what I wrote to you about „Briscoe“.

      Dear Mr. Cunliffe,

      thank you very much indeed for having a look at my blog. What you wrote about “My friend – the enemy” was not only “acceptable” (at least that’s the word you or google translate used), I enjoyed reading your review and I was happy to have found it on your blog (the book wasn’t published in German) and one of my colleagues was quite sceptical when I told him about Briscoe. He simply couldn’t imagine that something as unusual as Briscoe’s story could have happened. Your blog also led me to “Susie Kelly – Best Foot forward”, which I also liked very much, although I thought it was a shame that the book didn’t show any photos. And may I congratulate you for your blog being chosen by the British Library for forming a part of its Web Archive. That’s a big compliment which your wonderful, informative and varied blog really deserves! I’m also impressed by your reading quite a few of German books.

      Best regards from a little town in German

      Anja Klingelhöfer

      ________________________________

  2. Danke für diesen Beitrag, den ich jetzt eben erst entdeckt habe. Das Buch kenne ich nicht und folge gerne Deiner Einschätzung. Was die Rolle der Väter anbelangt – bei mir war es der Großvater, der 1954 aus Russland zurückkam und zuhause zwei Söhne vorfand, die ihn nicht kannten und nicht akkzeptierten, sowie eine Frau, die den Betrieb – eine Gastwirtschaft – vollkommen selbständig bewältigte. Er kam zurück und war nur das fünfte Rad am Wagen. Und davon hatte er andere Erlebnisse, über die er erst, als ihn die Alzheimer-Erkrankung erwischte, sprach. Wie sich die Verarbeitung dieser Geschehnisse von Generation zu Generation fortsetzt, wie sie auch uns noch prägt – das alles ging mir jetzt beim Lesen durch den Kopf.

    • Ja, das war bei uns ähnlich. Unterirdisch, unbewusst, nicht ausgesprochen, haben die Erfahrungen/Traumata/Schuldgefühle/Ängste etc. auf jeden Fall in die nachfolgenden Generationen hineingewirkt. Leider war ich acht, als mein Großvater starb, ich hätte ihn gern danach gefragt…
      Dir einen schönen Abend. Anna

  3. Pingback: Paul Briscoe: My friend the Enemy (2007) | buchpost

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