Heinrich Böll: Irisches Tagebuch (1957)

Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, daß ich eine Grenze überschritten hatte […] hier auf dem Dampfer war England zu Ende: hier roch es schon nach Torf, klang kehliges Keltisch aus Zwischendeck und Bar, hier schon nahm Europas soziale Ordnung andere Formen an: Armut war nicht nur „keine Schande“ mehr, sondern weder Ehre noch Schande: sie war – als Moment gesellschaftlichen Selbstbewußtseins – so belanglos wie Reichtum…

So beginnt das nach wie vor lesenswerte Buch

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch (1957)

Zur Entstehung

Böll, der eine besondere Beziehung zu Irland hatte und gemeinsam mit seiner Frau mehrere irische Autoren ins Deutsche übersetzte, hielt sich 1954 mehrere Monate in Irland auf und die daraus resultierenden „Irland-Impressionen“ wurden zunächst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht. Daraus entstand 1957 das literarisch durchgestaltete „Tagebuch“.

Zum Inhalt

In 18 Kapiteln umkreist Böll verschiedene Themen und Wahrnehmungen, die ihn auf seiner Reise beschäftigen: die Trinkfreudigkeit der Iren, die Armut (viele Kinder laufen auch im Herbst barfuß zur Schule) sowie die damit eng verknüpfte seit jeher enorm hohe Auswanderungszahl. Aber auch die Frömmigkeit (sichtbar z. B. an den Neon-Heiligenscheinen in den vielen Kirchen), den Regen, ein verlassenes Dorf, den Smalltalk und die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen.

Dann wieder geht es um die herbschöne Landschaft, das Prasseln der Torffeuer oder das Warten einer jungen Arztgattin, deren Mann auf halsbrecherischen Küstenstraßen zu einer Hochschwangereren fährt, um ihr bei der Geburt beizustehen. Der werdende Vater wird auch diese Geburt nicht miterleben, da er nur in England genügend Geld für seine Familie verdienen kann. Als Dankeschön wird der Arzt entlohnt wie ein König, und zwar mit dem uralten Kupferkessel der Familie, der angeblich noch von einem Schiff der Armada stammen soll.

„Nur die Anfangs- und Schlußkapitel geben mit Ankunft und Abfahrt des Erzählers und seiner Familie in Irland einen Rahmen, der den Erlebnischarakter und die Besucherperspektive betont. Dazwischen aber reihen sich Episoden, die verschiedene Seiten und Aspekte irischen Lebens, durchaus in seiner alltäglichen Widersprüchlichkeit und Vertracktheit, hervortreten lassen. Oft scheint der Erzähler einfach Selbsterlebtes zu berichten, dann gewisse Erlebnisse, Wahrnehmungen, Personen fiktional zu verlängern, weiterzuspinnen bis sie zu einer abgerundeten Erzählung werden. Die Grenze zwischen Reisebericht und Fiktion ist also nicht streng gezogen; aber gerade in der fiktiven, bisweilen phantastischen Verlängerung des Tatsächlichen […] erweist sich der Blick des Dichters für die Eigenart des Landes.“ (Jochen Vogt: Heinrich Böll, Beck, München 1987, S. 59)

Fazit

Das Motto, das Böll dem Buch vorangestellt hat, gilt über 50 Jahre später natürlich erst recht, wenn auch anders als damals:

Es gibt dieses Irland; wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.

Irland hat in den letzten Jahrzehnten rasante und tiefgreifende Veränderungen erlebt, so dass das Buch schon fast dokumentarischen Charakter hat. Aber darüber hinaus ist es wunderschön zu lesen, nur ganz ganz selten rutscht Böll in die sprachliche Kitschkiste, so wenn er z. B. schreibt:

Entjungfert, ihres Siegels beraubt waren die Milchflaschen; grau, leer, schmutzig standen sie vor Türen und auf Fensterbänken, warteten traurig auf den Morgen, an dem sie durch ihre frischen, strahlenden Schwestern ersetzt werden würden, und die Möwen waren nicht weiß genug, das engelhafte Strahlen der unschuldigen Milchflaschen zu ersetzen… (S. 62)

Was so schön ist, das Buch strahlt eine Ruhe, eine Beruhigung aus, die vielleicht daher kommt, dass Böll so genau hingesehen und sich den Menschen und Eindrücken geöffnet hat, die ihm unterwegs begegnet sind. Diese Augen und Ohren und diese Nachdenklichkeit wünscht man sich als Reisender. Und natürlich liest man es unterschwellig als Vergleich und Kommentar zum Nachkriegsdeutschland.

Nach wie vor gilt:

‚Als Gott die Zeit machte‘, sagen die Iren, ‚hat er genug davon gemacht.‘ Zweifellos ist dieses Wort so zutreffend wie des Nachdenkens wert: stellt man sich die Zeit als einen Stoff vor, der uns zur Verfügung steht, um unsere Angelegenheiten dieser Erde zu erledigen, so steht uns zweifellos genug davon zur Verfügung, denn immer ist ‚Zeit gelassen‘. Wer keine Zeit hat, ist ein Ungeheuer, eine Mißgeburt… (S. 70/71)

Schade nur, dass über die konkreten Hintergründe und Gastgeber der Reise so wenig gesagt wird.

Anmerkung

Abschließend sei Zuckmayer zitiert, der ebenfalls dem Charme dieses Buches erlegen war:

„Das Irische Tagebuch – da ist alles locker und frei, auch das Beiläufige und nebenher Erzählte groß angelegt und wunderbar gesagt, Landschaft, Verhältnisse, Menschen, wenn auch nur wie mit einer Fahrradlampe kurz angeschnitten, gewinnen Kontur, prägen sich ein, nie wird eine verstimmende Absicht fühlbar, so stark und eindringlich auch das Denken und Empfinden des Mannes hervortritt, der hier seine Notizen poetisch zusammenfaßt und damit eine Welt und seine Persönlichkeit projiziert, man wird in diese Welt mitgenommen, man war weit weg, von Deutschland, von Europa, von der Aufdringlichkeit unserer Gegenwart, man hat eine lange, wunderliche Reise getan und merkt am Ende, daß man – heimlich geleitet – genau bei sich selbst angekommen ist, bei dem, was man ist oder sein sollte, was man am Leben liebt, worum man bangt und fürchtet, worauf man hofft, woran man glauben darf. Ich halte dieses Buch für eines der schönsten und wertvollsten, die in den letzten fünfzig Jahren geschrieben worden sind.“ (Carl Zuckmayer: Gerechtigkeit durch Liebe, in: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): In Sachen Böll: Ansichten und Einsichten, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1968, S. 52)

ira03

7 thoughts on “Heinrich Böll: Irisches Tagebuch (1957)

  1. Pingback: Jahresabschluss 2012 buchsaiten blogparade no. 4 « buchpost

  2. eine schöne Erinnerung an ein wunderbares Buch, das mich seit Ende der 70er immer irgendwie begleitet hat, zuallererst natürlich nach Irland. In Keel war ich deswegen mal, es ist am Ende der Welt und ich kann mich an ein ärmliches B&B erinnern, in dem in der frisch gewaschenen Überdecke und der frisch gewaschenen Bettdecke exakt das gleiche Loch exakt übereinandergelegt war. Die Lady hatte kaum Zähne aber ein tolles Irish Breakfast (wenn man es mag) und 1000 Geschichten
    Liebe <Grüße, Kai

  3. Ist es nicht unglaublich, dass du dich noch an die Löcher in Überdecke und Bettdecke erinnern kannst? Und die Geschichten, die man von den Einheimischen hört, sind so viel einprägsamer als alles, was man in Reiseführern lesen kann. Ich erinnere mich an eine wunderbare Landschaft, fürchterlich viel Regen, scheußliche Neu-Bungalows und Pubs mit Live-Musik. LG, Anna

    • das ist wahr, es sind diese einfachen Dinge, die mit Menschen zu tun haben,an die man sich erinnert. Das war übrigens 1979, meine erste Irlandreise – und alles war so, wie Du es auch erinnerst, ausser das mit dem Regen, denn das war wohl in Irland ein Jahrhundertsommer. Wir hatten nur Sonne damals. Jedenfalls, neben der wunderbaren Landschaft hatten und haben es mir diese Menschen angetan, die so unglaublich offen und freundlich waren.
      Bei einer späteren Reise bin ich mit einem Freund 3 Wochen mit Zelt durch das Land getrampt – und da blieb das Zelt vom ersten bis zum letzten Tag nass und klamm. So viril zum Regen. Aber die Reise war trotzdem ein tolles Erlebnis und ich bin auch wieder hingefahren…
      Liebe Grüße, Kai

  4. Pingback: Sommerpause | buchpost

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