Paul Briscoe: My friend the Enemy (2007)

Kristallnacht 9 – 10 November 1938

At first, I thought I was dreaming, but then the rhythmic, rumbling roar that had been growing inside my head became too loud to be contained by sleep. I sat up to break its hold, but the noise got louder still. There was something monstrous outside my bedroom window. I was eight years old, and I was afraid.

So beginnen die Kindheitserinnerungen von

Paul Briscoe (with Michael McMahon): My friend the Enemy: An English Boy in Nazi Germany (2007)

Zum Inhalt

Der Vater von Paul Briscoe stirbt, als Paul erst drei Jahre alt ist, und seine Mutter, die ihm keine Liebe zeigen kann und ihn eher als Last ansieht, versucht sich mit Sekretärinnenjobs und kleinen Zeitungsartikeln über Wasser zu halten.

Eher zufällig machen Mutter und Sohn 1934 Urlaub in Deutschland. Norah Briscoe verliebt sich in dieses „reizende“ und ordentliche Land und beschließt auf der Stelle, dass all die unschönen Dinge, die in den englischen Zeitungen über Nazi-Deutschland zu lesen sind, nichts als übelste Propaganda sind.

Und selbst ein Verhör bei der Gestapo aufgrund einer Namensverwechslung kommentiert sie später mit den Worten, dass ein Unschuldiger nie etwas von diesen Herren zu befürchten hätte. 1935 reist sie mit ihrem Sohn wochenlang durch Deutschland, um Material für ihre Artikel zu finden, und in den Zeiten, in denen sie nach England muss, um Abnehmer für ihre Texte zu suchen, lässt sie ihren kleinen Sohn in der Obhut einer deutschen Familie in Miltenberg/Bayern zurück. Dort findet der kleine Paul zum ersten Mal familiäre Geborgenheit und Liebe.

1936 geht Pauls Traum in Erfüllung. Er soll, weil er ins schulpflichtige Alter kommt, nun dauerhaft in Miltenberg bleiben, während seine Mutter nur alle paar Wochen oder Monate zu Besuch kommt. Er verlernt allmählich seine Muttersprache und nimmt ganz selbstverständlich die Werte seiner Umgebung und seiner Ersatzfamilie an. Und die Kristallnacht, die am Beginn dieser Erinnerungen steht, hat er nicht etwa als Opfer miterlebt, sondern – nach ein bisschen Ermutigung durch die Erwachsenen – als aktiver Täter, der sich, wenn auch nach kurzem Zögern, ob denn nicht etwa ein Erwachsener diesem bösen Treiben ein Ende setzen werde, ebenfalls voller Begeisterung an der Zerstörung der Miltenberger Synagoge beteiligt.

Als der Krieg ausbricht, kann ihn die Mutter nicht mehr rechtzeitig nach Großbritannien holen. Seine deutsche Ersatzfamilie adoptiert ihn, um ihm Ausweisung oder Gefangenschaft zu ersparen. Aus dem kleinen „Paulchen“ wird ein überzeugter Englandhasser und ein glühender Hitlerverehrer. Über seinen Eintritt in die Hitlerjugend schreibt er:

I was the proudest boy alive when I first put on my uniform: black shorts, brown shirt, and a scarf fastened round my neck with a leather knot. I made a solemn oath that dedicated the rest of my life to the Führer: In the presence of this blood banner which represents our Führer, I swear to devote all my energies and my strength to the saviour of our country, Adolf Hitler. I am willing and ready to give up my life for him, so help me God.

I meant it. I would have carved those words in my heart if they had asked me. I was even prouder when I became a fully qualified Pimpf by passing  the first test, the Pimpfenprobe. (S. 106)

Und während Paul sich in Miltenberg pudelwohl fühlt und wohl auch – von einem Lehrertyrannen abgesehen – akzeptiert wird, orientiert sich seine Mutter in England als glühende Hitler-Verehrerin im politischen Spektrum immer weiter rechts, verkehrt in faschistischen und antisemitischen Kreisen und versucht sich sogar als Spionin für Deutschland. Dabei gerät sie ins Visier der britischen Spionageabwehr. Sie wird überwacht und dabei ertappt, wie sie versucht, vertrauliche Unterlagen aus dem Versorgungsministerium nach Deutschland zu schmuggeln. Sie und ihre Freundin entgehen nur knapp dem Todesurteil und sie wird zu fünfjähriger Haft verurteilt, die sie allerdings nicht komplett verbüßen muss.

Paul geht derweil 1939 zum Kommunionsunterricht, um anschließend zum ersten Mal zu beichten und die Erstkommunion zu empfangen:

We were taught about mortal sins, which were so bad that they meant death to our souls and eternal damnation if we died without confessing them. I don’t suppose any of us eight-year-olds had committed any, but just to learn of their existence put the fear of God in us. We were taught about venial sins, which were not deadly in themselves, but which could put us in a state of mind in which committing mortal sins became more likely. We were told about ‚occasions of sin‘ – and how to avoid them. We were told about encouraging others to sin – and how that was a sin, too. We were taught how to make an examination of conscience and made to write out lists of the sins that our eight-year-old consciences informed us that we had committed – and then we had to learn those lists by heart so that we wouldn’t forget anything when the time came to make our first confession. […] When we were not learning what to feel guilty about in our R.E. lessons, we were learning about things to be proud of in the newsreels we watched on Saturday mornings. (S. 90)

Über seine erste Beichte schreibt Briscoe:

God only knows what sins I had committed or confessed to; I certainly can’t remember any of them now. But I do know that there was one thing that I didn’t confess, because nothing I had been taught suggested to me that it might have been sinful. I made no mention of my part in wrecking the Miltenberg synagogue. It didn’t occur to me for a moment that what I had done there was a matter a personal morality. (S. 91)

Das Interessante an dieser Autobiografie ist – neben den Einblicken in die damalige Faschistenszene in England -, wie Briscoe selbst seine Indoktrination erlebt hat. Damit gewinnen seine Kindheitserinnerungen eine gewisse Repräsentativität, obwohl sie von einem Briten stammen. Seine Ersatzfamilie schien eher zu den Mitläufern zu gehören.

I didn’t know I was being indoctrinated. I was ten years old. I wasn’t outraged to discover that the English were robbers and land-grabbers; I just accepted it as a historical fact. My real interest was in getting hold of the pictures I needed to complete my collection. I would have taken almost as much pleasure in cards of film stars. The fact that the Raubstaat England cards showed thrilling scenes of barbarity was a bonus. (S. 108)

Und wie so oft, sind es gerade die „Kleinigkeiten“, die so viel über die Denkweise der Nazis verraten. Bei einem Bombenangriff wird er an der Hand verletzt und bekommt vom Gruppenführer eine HJ-Bronzemedaille verliehen:

He gave a little speech that made it sound as if I had done something heroic, pointing out that if the arm had been amputated, I would have won a silver medal. (S. 158)

Nach Kriegsende lässt ihn seine Mutter gegen seinen Willen und gegen den Willen seiner deutschen Ersatzfamilie zurück nach England holen. Dort muss der junge Mann erst mühsam lernen, sich zu orientieren. Er hat nicht nur seine Muttersprache verlernt und leidet schrecklich an Heimweh, sondern muss auch das, was er nun über den Nationalsozialismus und die Judenvernichtung lernt, mühsam in sein Weltbild integrieren. So erzählt er bei einem Treffen von Exildeutschen in London noch ganz naiv von seiner Bronzemedaille der Hitlerjugend, bis ihn jemand eher mitleidig fragt, ob ihm klar sei, dass alle Anwesenden Juden seien.

Doch Paul geht seinen Weg. Er wird später Lehrer für Holzverarbeitung und Deutsch, gründet eine Familie und hält den Kontakt zu seinen deutschen Freunden. 2010 starb er im Alter von 80 Jahren.

Anmerkungen

Aufmerksam auf dieses lesenswerte Buch wurde ich durch die Rezension von Tom Cunliffe zu The Perfect Nazi von Martin Davidson auf seinem interessanten Blog A Common Reader. Dort hatte er zu Recht gestöhnt, dass der Leser keinen wesentlichen Erkenntnisgewinn habe und stattdessen lieber Briscoes Buch oder „Bomber County“ von Daniel Swift lesen solle.

Tom Cunliffe schreibt: „It is a relief to read that Paul was able to build a good life for himself in England despite his extremely bizarre childhood. This is an excellent book, recounting as it does a unique story, but with the compassion and understanding years of reflection have brought to it. Apart from Paul’s remarkable story and his unique perspective on the Nazi movement, anyone who wishes to understand more about the way “ordinary” German people thought during the war years will find this book a rich source of material.“

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2 thoughts on “Paul Briscoe: My friend the Enemy (2007)

  1. Vielen Dank für die Bezugnahme auf meinem Blog A Common Reader. Ich freue mich sehr, dass das, was ich geschrieben habe, ist akzeptabel, ein deutscher Schriftsteller. Ich genieße sehr viel Besuch Ihrem Land und ich habe versucht, die deutsche Kultur zu verstehen. Viele der Bücher auf meinem Blog sind Übersetzungen deutscher Bücher – Sie haben viele gute Autoren, die besser zu sein weiß, verdienen. Ich hoffe, dieser Kommentar macht Sinn für Sie. Ich habe Google Translate, um es vom Englischen ins Deutsche zu übertragen. Tom Cunliffe http://www.acommonreader.org

    • Dear Mr. Cunliffe,

      thank you very much indeed for having a look at my blog. What you wrote about „My friend – the enemy“ was not only „acceptable“ (at least that’s the word you or google translate used), I enjoyed reading your review and I was happy to have found it on your blog (the book wasn’t published in German) and one of my colleagues was quite sceptical when I told him about Briscoe. He simply couldn’t imagine that something as unusual as Briscoe’s story could have happened.
      Your blog also led me to „Susie Kelly – Best Foot forward“, which I also liked very much, although I thought it was a shame that the book didn’t show any photos. And may I congratulate you for your blog being chosen by the British Library for forming a part of its Web Archive. That’s a big compliment which your wonderful, informative and varied blog really deserves!
      I’m also impressed by your reading quite a few of German books.
      Best regards from a little town in German
      A. K. Buchpost

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