Mary Chase: Harvey (1944)

Diejenigen, denen der Name James Stewart noch etwas sagt, kennen das Theaterstück um den großen weißen Hasen Harvey wohl vor allem durch die Verfilmung (1950) mit Stewart, der mit weltverlorenem Charme den stets liebenswürdigen, möglicherweise verrückten Elwood P. Dowd verkörpert.

Mary McDonough Coyle Chase: Harvey (1945); auf Deutsch: Mein Freund Harvey

Für das Stück Harvey hat Mary McDonough Coyle Chase 1945 den Pulitzer-Preis für Theater bekommen. Die Geschichte selbst ist rasch erzählt:

Veta Louise Simmons möchte ihren Bruder Elwood P. Dowd in ‚Chumley’s Rest‘, einem Sanatorium für Geisteskranke, einweisen lassen. Zwar lebt sie mit ihrer Tochter Myrtle May bei ihm, da er das elterliche Haus geerbt hat, aber die Tatsache, dass der 47-jährige Elwood konsequent behauptet, sein bester Freund sei ein fast zwei Meter großer weißer Hase namens Harvey, sorgt ständig für peinliche Situationen und macht soziale Kontakte schwierig. Veta und die geldgierige Myrtle befürchten, dass Myrtle mit einem ‚verrückten‘ Onkel niemals einen Ehemann finden wird. Also soll er mit Hilfe des Anwalts der Familie ins Heim abgeschoben werden, obwohl Elwood herzensgut ist und sich im Laufe der Handlung die Hinweise mehren, dass Harvey womöglich doch existiert. Elwood bezeichnet ihn als Pooka, was im Stück erklärt wird:

From old Celtic mythology. A fairy spirit in animal form. Always very large. The pooka appears here and there, now and then, to this one and that one, at his own caprice. A wise but mis-chie-vi-ous creature. Very fond of rum-pots…

Martin Schulze bezeichnet in seiner Geschichte der amerikanischen Literatur von 1999 das Stück als unterhaltsame Komödie um einen gutmütigen, aber verrückten Trunkenbold. Das greift meines Erachtens aber zu kurz, und auch die Verwechslung innerhalb des Sanatoriums, bei der für kurze Zeit Veta für die Geisteskranke gehalten wird und gegen ihren Willen den ersten Wasseranwendungen unterzogen wird, hat durchaus auch dunkle Untertöne. Rabiat wird sie von einem Pfleger entkleidet, gilt man erst einmal als verrückt, hat man das Recht auf Würde und Selbstbestimmung verspielt.

Veta will zwar das Beste für ihre Tochter, aber aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung will sie jemanden einweisen lassen, der niemandem etwas zu Leide tut und im Gegenteil seinen Mitmenschen ausnahmslos freundlich und wohlwollend begegnet. Er freut sich wie ein Kind, Menschen kennenzulernen (am liebsten im Pub), bietet ihnen seine und Harveys Freundschaft an und er nimmt sich die Zeit, ihnen zuzuhören und ihnen Komplimente zu machen. Ein einziges Mal ist er ungehalten, und zwar, als er von Mr Wilson, einem Pfleger in Chumley’s Rest, körperlich bedroht wird:

Mr Wilson – haven’t you some old friends you can go and play with?

Als Krankenschwester Kelly Mr Dowd fragt, ob Doktor Sanderson das Fenster öffnen soll, weil es so warm sei, gibt Elwood die bezeichnende Antwort:

Well, that’s up to him, isn’t it? I wouldn’t presume to live his life for him.

Er ist von entwaffnender Unschuld und kann nur Gutes in seinen Mitmenschen sehen. Als er erfährt, dass seine eigene Schwester innerhalb eines Nachmittages alles getan und geregelt hat, um ihn einweisen zu lassen, ist er voll des Staunens:

And Veta did all that in one afternoon? My, she certainly is a whirlwind!

Dem leitenden Arzt verrät er sein Lebensmotto:

Doctor, when I was a little boy, my mother used to say to me, „Elwood“ – she always called me „Elwood“ – „as you go through life you must be either ‚oh, so smart,‘ or ‚oh, so pleasant.'“  For years – I was smart. I recommend pleasant. You may quote me.

Für mich ist das Stück (und die kongeniale Verfilmung) weniger eine triviale Komödie, die den braven Geschmack der fünfziger Jahre bedient, sondern eher ein Märchen über unsere Sehnsucht nach grundloser Menschenfreundlichkeit, die Argwohn und Missgunst bezwingt.

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