Jeanette Winterson: Oranges are not the Only Fruit (1985)

Zugegeben, ich hatte noch nie etwas von Winterson gelesen, auch nicht ihr Erstlingswerk, für das sie 1985 mit dem Whitbread Award (dem heutigen Costa Book Award) ausgezeichnet wurde. Doch das Interview, das sie Jennifer Byrne am 31. Juli 2012 gegeben hat, machte mich neugierig.

Like most people I lived for a long time with my mother and father. My father liked to watch the wrestling, my mother liked to wrestle; it didn’t matter what. She was in the white corner and that was that.

So beginnt der stark autobiografisch gefärbte Rückblick auf Kindheit und Jugend von

Jeanette Winterson: Oranges are not the Only Fruit (1985)

Auf Deutsch erschien das Werk unter dem Titel Orangen sind nicht die einzige Frucht.

Die kleine Jeanette, die nur zufällig irgendwann erfährt, dass sie adoptiert wurde, wächst bei einem strenggläubigen Freikirchler-Ehepaar in Lancashire, England, auf.

Von ihrer lieblosen Adoptivmutter dazu bestimmt, später Missionarin zu werden, lernt das Mädchen zunächst nur die Welt der Gemeinde kennen. Alles ist übersichtlich, klar in Gut und Böse (not holy) eingeteilt. Hier ist ihre Familie, hier findet sie Geborgenheit, Freude an der Musik und ihre Aufgaben. Sie kennt die Tiere aus der Bibel früher als die Tiere, die auf dem Bauernhof leben.

Dass andere Kinder ganz anders aufwachsen, muss sie mühsam in der Schule lernen. Sie wird rasch zur Außenseiterin, da sie auf alle kreativen Aufgaben Antworten gibt, die einen engen Bezug zur Bibel und zur Gemeinde aufweisen. Sie möchte die anderen Kinder vor der Hölle bewahren und andere Eltern beschweren sich über sie, weil sie ihren Kindern Angst mache. Gleichzeitig scheint es keine Lehrerin zu geben, die ihr bei dem Versuch, die Welt um sie herum zu verstehen, zur Seite steht.

Einmal kann sie über Wochen hin nichts hören. Ihre Mutter und die Gemeinde deuten das als ein Erfülltsein vom Heiligen Geist. Nur durch Zufall stellt sich dann heraus, dass ihre krankhaft vergrößerten Rachenmandeln, die für die Taubheit verantwortlich sind, operativ entfernt werden müssen.

Dennoch stellt Jeanette über viele Jahre das System, in dem sie aufwächst, nicht grundsätzlich in Frage, ist es doch die einzige Art Zuhause, die sie kennt, die sie für normal hält und in der sie anerkannt ist. Später unterstützt sie die evangelistischen Aktionen der Kirche und beginnt auch selbst erfolgreich zu predigen.

Doch immer wieder blitzt etwas auf, ein Lebenswille, eine Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Neugier und der Wille, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen, die schon früh andeuten, dass Jeanette auf Dauer keinen Platz in dieser engen und oft genug unbarmherzigen Welt finden wird. Als sie sich in ein anderes Mädchen verliebt und im Grunde gar nicht weiß, was da mit ihr geschieht, muss sie sich entscheiden, denn eine gleichgeschlechtliche Liebe kann nach Ansicht der Mutter und des Pfarrers nur direkt aus der Hölle kommen.

Um sich und ihre Geschichte zu verstehen, baut die Ich-Erzählerin immer wieder märchenhafte Szenen ein, die Schlüsselszenen ihres Lebens nachstellen und mit deren Hilfe sie ihre Ängste ausdrückt und weiß, welche Schritte sie als nächstes gehen muss.

Fazit

Das ist ein schmerzhaftes, witziges, trauriges Buch und ein unpathetischer Lobgesang auf das Leben. Dabei ist unerheblich, wie das genaue Mischungsverhältnis zwischen Realität und Fikion aussieht. So kann man nur über die Dinge schreiben, die man zu einem großen Teil selbst erlebt und erlitten hat.

Was mich an diesem Buch so beeindruckt hat, ist zum einen die Kraft, die Unverstelltheit, mit der hier gesprochen wird. Zwischendurch war es, als ob die Erzählerin in meinem Wohnzimmer sitzt und ihre Geschichte erzählt. Zum anderen das große Herz der Ich-Erzählerin; es handelt sich hier um keine verbitterte Anklage, die oft genug ja nahe gelegen hätte, keine Verurteilung und kein Hass den Klassenkameradinnen, Lehrerinnen oder Gemeindemitgliedern gegenüber (unter denen es durchaus auch wirkliche Freunde gibt, die zu ihr stehen).

What could I do? My needlework teacher suffered from a problem of vision. She recognized things according to expectation and environment. If you were in a particular  place, you expected to see particular things. Sheep and hills, sea and fish; if there was an elephant in the supermarket, she’d either not see it at all, or call it Mrs Jones and talk about fishcakes. But most likely, she’d do what most people do when confronted with something they don’t understand: Panic. (p. 58)

Auch den so schrecklich „strenggläubigen“ Frauen – die Männer spielen in dem Buch so gut wie keine Rolle, man fragt sich öfter, wo verflixt noch mal der Vater steckt – möchte man am liebsten helfen, weil sie wirklich von Herzen davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Und weil sie so grauenhaft blind gegenüber ihren eigenen Ängsten und Sehnsüchten sind. Sie benutzen Religion als Krücke für ihr verkrüppeltes Ich-Bewusstsein, als Opium, als Scheinwelt und Gegenwelt, als Mantel für ihre Ängste, als Machtmittel, als Schild gegen unangenehme Fragen, als Entschuldigung für Härte und Lieblosigkeit. Aber sie können und können es nicht sehen. Eher spüre ich so etwas wie Erschöpfung bei der Erzählerin, letztlich doch den Fängen dieser Prägung entronnen zu sein.

Man ahnt: Wer nach dieser Kindheit nicht gebrochen und zerbrochen ist, wird Stärke gewonnen haben. Sie sagt selbst in dem Interview mit Jennifer Byrne, dass – so seltsam das auch klingt – wahrscheinlich ihre Stiefmutter der Grund ist, weshalb sie Schriftstellerin geworden sei. Sie sei, um nicht kaputtzugehen, gezwungen gewesen, der Dominanz und den Worten dieser Frau etwas Eigenens entgegenzusetzen.

Und die Leser haben keinen Grund, sich selbstgefällig zurückzulehnen, die Frage gilt: Woher wissen wir, dass wahr ist, was wir für unumstößlich wahr halten?

Also sicherlich nicht das letzte Buch, das ich von Jeanette Winterson gelesen habe.

Die beste Interpretation des Buches stammt von der Autorin selbst, veröffentlicht im Vorwort zu der Vintage-Ausgabe von 2001:

Oranges is a threatening novel. It exposes the sanctity of family life as something of a sham; it illustrates by example that what the church calls love is actually psychosis and it dares to suggest that what makes life difficult for homosexuals is not their perversity but other people’s. Worse, it does these things with such humour and lightness that those disposed not to agree find that they do. […] Oranges is a comforting novel. Its heroine is someone on the outside of life. She’s poor, she’s working class but she has to deal with the big questions that cut across class, culture and colour. Everyone, at some time in their life, must choose whether to stay with a ready-made world that may be safe but which is also limiting, or to push forward, often past the frontiers of commonsense, into a personal place, unknown and untried. In Oranges this quest is one of sexuality as well as individuality. Superficially, it seems specific: an evangelical household and a young girl whose world is overturned because she falls in love with another young girl. In fact, Oranges deals absolutely with emotions and confrontations that none of us can avoid. First love, grief, rage, and above all courage, these are the engines that drive the narrative through the peculiar confines of the story. Fiction needs its specifics, its anchors. It needs also to pass beyond them. It needs to be weighed down with characters we can touch and know, it needs also to fly right through them into a larger, universal space. Oranges is comforting not because it offers any easy answers but because it tackles difficult questions. Once you can talk about what troubles you, you are some way towards handling it.

Is Oranges an autobiographical novel? No not at all and yes of course.

6 thoughts on “Jeanette Winterson: Oranges are not the Only Fruit (1985)

  1. Eine tolle und sehr interessante Rezension, die bei mir die Lust auslöst, das Buch schnellst möglichst zu lesen. Ich kenne von der Autorin bisher nur „Auf den Körper geschrieben“, ein sehr lesenswertes Buch – würde aber gerne noch mehr von ihr lesen. Danke für die tolle Empfehlung!

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