John Sutherland: How to Read a Novel (2006)

Every week now more novels are published than Samuel Johnson had to deal with in a decade. If you had the riches of Croesus (or Bill Gates) you could, with a few hours‘ key-stroking, order up from Amazon.com some half-million novels to be Fedexed, rush delivery, in thirty-six hours. You would, of course, need a disused airplane hangar to keep the books in and a small army of forklifting stackers and fetchers to move the things. Given a reading career of fifty years, a 40-hour reading week, a 46-week working year and three hours per novel, you would, as I calculate, need 163 lifetimes to read them all. And very dull lifetimes they would be. More fun on the forklifts. (S. 1)

Where to start? Is there any point in starting, or shaping one’s reading experiences? How can one organise a curriculum? (S. 57)

So umreißt der emeritierte Professor für englische Literatur das Problem, für das er mit seinem Buch eine Hilfestellung geben will:

John Sutherland: How to Read a Novel (2006)

Eine begeisterte Empfehlung auf dem britischen Blog A Common Reader hatte mich an einem meiner Schwachpunkte erwischt: Auch ich kann Büchern übers Lesen nur schwer widerstehen.

Doch jetzt muss ich leider sagen: Ich kann die Begeisterung nicht teilen. Zwischendurch fragte ich mich, für welche Zielgruppe dieses Buch denn wohl sein soll, denn wenn man sich mit Literatur schon im Studium beschäftigt hat oder – auch ohne Studium – keine Angst vor anspruchsvolleren Romanen hat, wird es doch – egal, wie ansprechend er schreibt – ab und an langweilig, ja geradezu banal. Man weiß dann einfach, dass man auch auf das Erscheinungsdatum achtet, dass die Einteilung in bestimmte Genres in der Buchhandlung – surprise, surprise – eine Hilfestellung ist und dass Buchcover manchmal so gar nicht zum Inhalt passen, dass man über den Titel des Buches nachdenkt, dass Schriftsteller sich oft, wenn auch unterschwellig, auf andere Werke und Autoren beziehen und dass Romane die Möglichkeit bieten, „hot-button isssues“ zu behandeln wie Rassendiskriminierung, Fundamentalismus oder Pädophilie.

Jede „echte“ Leserin, jeder „echte“ Leser weiß selbst:

The more fiction you read, and the more intelligently you do so, the richer your experience will be. Those readers who read most get most out of it. (S. 130)

Und alle anderen Leser, die ausschließlich Genres wie Horror oder Chick Lit bevorzugen, werden um dieses Buch ohnehin einen großen Bogen machen.

Sutherland (geb. 1938), emeritierter Professor für moderne englische Literatur, den Lesern des Guardian durch seine Rezensionen bekannt und 2005 Mitglied der Jury für den Booker Prize, kann natürlich aus einem reichen Fundus an Leseerfahrungen und Wissen schöpfen und so gibt es immer wieder auch Informationen und interessante Details, die mir vorher unbekannt waren (vermutlich der erste Autor, der ein Paralleluniversum entworfen hat, war Ward Moore in seinem Roman Bring the Jubilee von 1953), aber die konnten mich auch nicht mehr wirklich für das Buch erwärmen. Und mit dem am Anfang genannten Phänomen, dass es für uns heute eine schier unüberschaubare Menge an Büchern gibt, allein über 10.000 Neuerscheinungen jedes Jahr, aus denen wir auswählen müssen, bleibt der Leser letztlich doch allein. Oder wie hilfreich ist der folgende Tipp?

For the unprofessional searcher for the best novel to read, word-of-mouth, intuition, powerful browsing and McLuhan’s page 69 test remain the soundest first moves. At the very least you will make your own mistakes. (p. 62)

Marshall McLuhan hatte wohl empfohlen, bei unbekannten Büchern die S. 69 zu lesen, um so herauszufinden, ob man den Rest des Buches auch lesen möchte.

Gerade bei einem Professor, der doch Tausende von Studentinnen und Studenten an Literatur herangeführt haben muss, hätte ich mir das Ganze tiefgründiger vorgestellt. Oder hat er an der Universität ganz einfach eine Leseliste vorgelegt, die abgearbeitet werden musste? Und manche Fragen werden nur scheinbar beantwortet, so beispielsweise die Frage, wie viel Hintergrundwissen über die Welt des Romans und sein Setting notwendig oder empfehlenswert sei. Er zitiert Beispiele, bei denen selbst gestandenen Rezensenten offensichtliche Fehler bei der Interpretation passieren. Doch ohne jede weitere Begründung und aus völlig heiterem Himmel zieht er das Fazit:

It can be done. It is possible to reach across time and space to converse, intelligently, with Tolstoy, Sterne, Thomas Mann, Nick Hornby – or even Ian McEwan. (S. 212)

Das ist zwar richtig, hilft aber dem Leser natürlich kein bisschen weiter. Und auch die irritierende Tatsache, dass der eine Rezensent ein Buch am liebsten für den nächsten Booker Prize vorschlagen möchte, während sein Kollege bedauert, dass es überhaupt einen Verlag gefunden hat, wird einfach konstatiert, aber nicht näher beleuchtet.

Doch welche Leserin, welcher Leser würde ihm hier nicht zustimmen:

Two more humble assumptions are constant: 1) novels are things to be enjoyed; 2) the better we read them, the more enjoyment we will derive from them. A clever engagement with a novel is, in my opinion, one of the more noble functions of human intelligence.  (S. 12)

Und:

Know yourself (not, I hasten to add, know what you like, which leads to sadly impoverished reading habits). And, if you do not know yourself, look at the genre fiction on your shelves. The reflection there is you. (S. 142)

Er schließt mit dem rhetorisch wohlklingenden, aber unbefriedigenden Fazit:

Novels can do many things. They can instruct, enlighten, confuse, mislead, soothe, excite, indoctrinate, misinform, educate and waste time. […] And, at their highest pitch of achievement, novels can indeed be the one bright book of life. The trick is finding which, among the millions now accessible, fits that bill. For you, that is. And that, as Virginia Woolf told us, is something no one can tell you. Or, if they do, ignore them. (S. 243)

2 thoughts on “John Sutherland: How to Read a Novel (2006)

  1. Pingback: Fundstück | buchpost

  2. Pingback: Literaturkritik und Literaturblogger – Profis versus Dilettanten? | buchpost

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