Erich Hackl: Familie Salzmann (2010)

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, das der Historiker Eric Hobsbawm zum Zeitalter der Extreme ernannt hat, trat der damals vierundzwanzigjährige Hanno Salzmann eine Stelle als Kanzleikraft der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Graz an.

So beginnt die „Erzählung aus unserer Mitte“

Erich Hackl: Familie Salzmann (2010)

Zum Autor

Erich Hackl wurde 1954 in Österreich geboren. Stefan Howald schreibt in der Wochenzeitung am 2. September 2010 über ihn: „Seit seinem Erstling vor über zwanzig Jahren hat Erich Hackl praktisch ein eigenes Genre entwickelt und gepflegt. Auf historisch-dokumentarischen Recherchen aufbauend, vergegenwärtigt er Geschichte durchs Einzelschicksal. Hackl, der als Publizist und Übersetzer aus dem Spanischen auch für die WOZ tätig ist, behandelt in seinen Büchern zentrale Brennpunkte des 20. Jahrhunderts: den spanischen Bürgerkrieg, den deutschen Faschismus bis hin zu Auschwitz, die Verfolgung der Roma, lateinamerikanische Diktaturen und Aufstandsbewegungen. Den Sprachlosen und Vergessenen verleiht er eine Stimme und hält sie im kollektiven Gedächtnis.“ Eva Menasse hat ihn 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal als diesen“ besessene(n) Rechercheur und Grenzgänger zwischen Literatur und literarisch-historischer Reportage“ bezeichnet.

Zum Buch

Auch dieses Werk wurde sorgfältig recherchiert, Originaldokumente wurden verwendet, Archive durchstöbert und Interviews geführt.

Schon auf der ersten Seite wird dem Leser mitgeteilt, dass „Hannos Unglück begann, als er sich mit Jochen Koraus, einem gleichaltrigen Kollegen, anfreundete“.  Und zwei Seiten später heißt es:

… die Attacken auf Hanno verrieten eine intime Kenntnis der Familienverhältnisse, auch wenn sie im entscheidenden Punkt von einer falschen Voraussetzung ausgingen. Es war vor allem dieser eine beiläufig geäußerte Satz, der Hanno nachhaltig schaden sollte: Meine Oma ist einem KZ umgekommen. (S. 9)

Der Roman wird in weiten Teilen von einem nüchtern berichtenden Beobachter erzählt. Und der Leser muss lange warten, bis er erfährt, was es mit Hannos Unglück nun auf sich hat, denn zunächst wird die ganze Familiengeschichte nachgereicht:

Hannos Großmutter wurde am 5. Februar 1909 in Kothvogl, einem Dorf nahe der Ortschaft Stainz in Bezirk Deutschlandsberg, als vorletztes von dreizehn Kindern des Ehepaares Josef und Elisabeth Sternad geboren und eine Woche später unter dem Namen Juliana im Taufregister der Pfarre eingetragen.“ (S. 9)

Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, sucht die Österreicherin, als sie alt genug ist, eine Anstellung als Dienstmagd und kommt dabei bis nach Bad Kreuznach in Deutschland. Dort lernt sie ihren späteren Mann, den überzeugten Kommunisten Hugo Salzmann, kennen, mit dem sie einen Sohn haben wird. 1933 müssen sie vor den Nationalsozialisten fliehen, zunächst ins Saarland, dann nach Paris. Die weiteren Etappen sollen hier nicht vorweggenommen werden.

Sorgfältig recherchiert, kühl mitgeteilt, ist die Lektüre bedrückend, aber aufgrund der zeitlichen Eingrenzung vom Leser ja auch „einzuordnen“: „Aha, die brutale Verfolgung der Kommunisten in Deutschland, noch eine Facette des Nationalsozialismus, über die ich jetzt ein bisschen mehr erfahren habe.“

Doch dann kommen die letzten Seiten des Romans und die Lektüre ist wie ein Hieb in den Magen. Wir sind wieder bei Hanno, Mitte der neunziger Jahre, in der „Mitte unserer Gesellschaft“, und können es fast nicht glauben, was da Beängstigendes geschieht. Wer sich da nicht fragt, was in Gesellschaft und unserer menschlichen Natur schiefläuft, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Abschließend hier noch der Link zu einem Ausschnitt aus einer Autorenlesung mit Erich Hackl in der Stadtbücherei Würzburg.

2 thoughts on “Erich Hackl: Familie Salzmann (2010)

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