Allison Hoover Bartlett: The Man Who Loved Books Too Much (2009)

For him that stealeth, or borroweth and returneth not, this book from its owner … let him be struck with palsy, & all his members blasted. … Let bookworms gnaw his entrails in token of the Worm that dieth not, & when at last he goeth to his final punishment, let the flames of Hell consume him forever.

Mit diesem Fluch aus einem mittelalterlichen Manuskript (Kloster St. Pedro in Barcelona), mit dem potentielle Diebe abgeschreckt werden sollten, beginnt die faszinierende Reise in die Welt der Büchersammler von

Alison Hoover Bartlett: The Man Who Loved Books Too Much (2009)

Der rote Faden in dem Buch mit dem Untertitel „The true story of a thief, a detective, and a world of literary obsession“ bildet die Frage, was Menschen dazu bringt, in ihrer leidenschaftlichen Suche nach wertvollen und/oder alten Büchern nicht einmal vor kriminellen Machenschaften zurückzuschrecken.

So führt die Autorin über drei Jahre hinweg Interviews mit einem der gefürchtetsten Bücherdiebe Amerikas, mit John Charles Gilkey. Gilkey wandert für seine Leidenschaft oder soll man besser sagen, für seine wahnhafte Vorstellung, durch den Besitz edler und vor allem teurer (gestohlener) Werke zu der Welt der Reichen und Gebildeten zu gehören, immer wieder ins Gefängnis.

Außerdem schlendert der Leser zusammen mit der  Autorin über Büchermessen, auf denen Werke, wie z. B. die auf 500 Exemplare begrenzte Erstausgabe von Harry Potter and the Philosopher’s Stone für 30.000 Dollar oder seltene, Jahrhunderte alte Manuskripte und Bücher gehandelt werden.

Und man lernt den Antiquar Ken Sanders kennen, den Betreiber von Ken Sanders Rare Books in Salt Lake City, der 1999 von der Antiquarian Booksellers‘ Association of America zum Sicherheitsbeauftragten ernannt wurde. Bis dahin gab es nicht einmal ein sinnvoll funktionierendes Kommunikationssystem, mit dem sich die Antiquare gegenseitig über Diebstähle oder verdächtige Kunden informieren konnten. Er war auch derjenige, der als erster Gilkey hinter Gitter brachte und in Insiderkreisen als Bibliodick (Bücherdetektiv) bezeichnet wird.

Zunächst bin ich den Recherchestreifzügen der Autorin mit Freude gefolgt, und dafür war es keineswegs notwendig, selbst Büchersammler zu sein, denn das Buch ist eine Fundgrube interessanter Geschichten, Anekdoten und Informationen.  Sie zitiert beispielsweise Nicholas Basbanes, der in seinem Buch A Gentle Madness: Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books (1995) das folgende Rätsel präsentierte:

Which man is happier, ‚he that hath a library with well nigh unto all the world’s classics, or he that hath thirteen daughters? The happier man is the one with thirteen daughters, because he knoweth that he hath enough. (S. 129)

Sie geht der Frage nach, wer den Begriff „Bibliomanie“ geprägt hat oder erklärt das hinreißende Fore-edge Painting. Oder man liest mit milder Verwunderung von dem amerikanischen Botanik-Professor Thomas Jefferson Fitzpatrick, der so viele Bücher in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts sein eigen nannte, dass

his Nebraska house exceeded the building code maximum load. When he died in 1952, at age eigthy-three, it was on an army cot he used as a bed in his kitchen, surrounded by ninety tons of books. (S. 195)

Das Interesse der Autorin am Bücherdieb Gilkey konnte ich jedoch nur bedingt nachvollziehen. Zwar hat er allein von Januar bis Juni 2001 Bücher im Wert von mindestens 100.000 Dollar mit gestohlenen Kreditkartennummern bezahlt, die er während seiner Tätigkeit für einen Herrenausstatter ergaunerte, doch für die Frage, was einen Menschen immer wieder dazu bringt, selbst Gefängnisstrafen für seine Bücherleidenschaft zu riskieren, fand ich ihn gänzlich uninteressant. Er wollte sich einfach den Anschein von Reichtum und Kultiviertheit zulegen, sein Mittel der Wahl waren zufällig Bücher und hätten wohl auch etwas anderes sein können. Sein fehlendes bzw. völlig verdrehtes Rechtsverständnis schien mir mehr über seine psychische Störung auszudrücken als über eine tief empfundene Bücherleidenschaft.

And most striking, he collected books to feel ‚grand, regal, like royalty, rich, cultured,‘ yet has become a criminal, stealing in order to give himself the appearance of wealth and erudition. (S. 48)

Die Autorin kommt aber erst auf S. 209 zu der Vermutung, dass er vielleicht gestört sein könnte, denn er vertraut ihr an, dass er schließlich nichts dafür könne, wenn die Antiquare es ihm nicht ermöglichen, sich teure Werke leisten zu können. So seien seine Diebstähle, die er nie als solche bezeichnet, eben nichts anderes als die Korrektur eines fehlerhaften Systems.

„I mean, how am I supposed to build my collection unless I’m, like, this multimillionaire?“

In diesen Zusammenhang gehört auch das Interview, das die Autorin mit der Mutter Gilkeys führt. Als Hoover Bartlett die betagte Dame, deren Haus ebenfalls von diversen Sammlungen überquillt, fragt, wie sie sich erkläre, dass ihr Sohn immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerate, versucht Cora, ihn als Opfer darzustellen:

I mean, it’s innocent. Maybe he was just wandering around or looking around with the book, and he must have forgot about it, and then he got caught. (S. 236)

Diesen familiären Hintergrund hätte vielleicht mal ein Psychiater untersuchen sollen. Sie kommt zu dem nicht wirklich tiefsinnigen Ergebnis, dass Gilkey in vielen Aspekten dem normalen Büchersammler ähnele. Auch er will wie viele andere sich durch den Besitz wertvoller und anerkannter Bücher, die er keinesfalls immer liest, Prestige und Anerkennung verschaffen. Dabei verfolge er ein Gentleman-Ideal, für das er dann sogar Kurse, z. B. in Philosophie, belegt.

It is his crimes and his unwavering, narcissistic justification of them that sets him apart. (S. 245)

Insgesamt wird der Wert der von Gilkey gestohlenen Bücher auf bis zu 200.000 Dollar geschätzt. Manchmal hat er sich gegen Kaution aus der Untersuchungshaft freigekauft und die so gewonnenen Monate gleich wieder zu lukrativen Beutezügen genutzt.

Irgendwann ist die Autorin allerdings mit ihrer eigenen Rolle überfordert. Auf der einen Seite will sie Gilkey möglichst viele Informationen entlocken und auf der anderen Seite als neutrale  Beobachterin die Geschichte nicht beeinflussen. Schwierig wird es für sie, als sie entscheiden muss, ob sie die Informationen zu Diebstählen, die noch nicht verjährt sind, an die Behörden weiterleitet oder nicht. Sie ist froh, als sie erfährt, dass er für den Raub von einigen besonders wertvollen Büchern nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann, da sie so Stillschweigen bewahren kann. Auch als Gilkeys Mutter ihr den Kleiderschrank ihres Sohnes zeigt, in dem stapelweise Bücher lagern, weiß sie nicht mehr, was sie tun soll:

… but instead of looking inside to see if I recognized any of the books he had stolen, I turned away. It was like being invited to view a ghastly scar, something awful but riveting. I was afraid of what I would find if I drew the books from the pile, what degree of crime, and what responsibility I might bear in knowing the books were there. Later, I would curse my lack of courage. (S. 239 – 240)

Ich wäre auch froh gewesen, wenn Hoover Bartlett straffer erzählt und auf die ständigen Zeitsprünge verzichtet hätte, die keineswegs die Spannung steigern, sondern den Leser nur verwirren. Was mich aber wirklich vergrätzt hat, ist, dass sie in den Danksagungen Wilkey den gleichen Anteil einräumt wie dem Antiquar und Bücherdiebjäger Ken Sanders.

Without the support of Ken Sanders and John Gilkey, this book would not have been possible. Both these men answered my endless questions, a feat of exceptional patience and generosity, for which I owe them profound thanks.

Wer die Autorin bei einer Lesung sehen möchte, schaue sich das Video an.

Übrigens wurde auch in  Deutschland 2012 eine spektakuläre Bücherdiebstahlserie aufgeklärt, die auf das Konto des Darmstädter SPD-Politikers Thorsten Roßmann geht, einem hochgebildeten, promovierten Ministerialbeamten des hessischen Wissenschaftsministeriums. Der Mann hatte aus Dutzenden deutschen und internationalen Bibliotheken über 20.000 wertvolle Werke gestohlen und sie in seinem Eigenheim gelagert.

Und fängt man erst einmal an zu recherchieren, entdeckt man, dass der Diebstahl wertvoller Bücher eine doch recht weit verbreitete Beschäftigung zu sein scheint, die einen zwar über kurz oder lang ins Gefängnis bringt, doch der man dank laxer Kontrollen in vielen Bibliotheken erst einmal mehrere Jahre nachgehen kann.

So zum Beispiel der Fall bei William Simon Jacques (geboren 1969), der gerade wieder eine Haftstrafe verbüßt, es allerdings geschafft hat, vorher Bücher im Wert von über 1 Million Pfund zusammenzurauben (siehe den Artikel auf der BBC-Seite und auch der Telegraph berichtete).

Auch Stephen Carrie Blumberg hat es da zu trauriger Berühmtheit als „the most successful book thief of the 20th century in the United States“ gebracht (Wikipedia). Der Wert der von ihm gestohlenen Bücher wird auf über 5 Millionen Dollar geschätzt.

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