Klaus Modick: Sunset (2011)

Zwischen Himmel und Meer gähnt der Morgennebel, zieht Strand und Uferstraße in seinen silbergrauen Schlund, scheint aber vor den Palmen zurückzuweichen. Die hageren Stämme recken sich wie Wesen aus mythischen Zeiten, archaische Wächter des Landes, die mit scharf gefiederten Lanzen dem Nebel Einhalt gebieten.

So – in der Bildhaftigkeit ein bisschen bemüht und gekünstelt – beginnt der Roman um einen Tag im Leben des alternden Schriftstellers Lion Feuchtwanger:

Klaus Modick: Sunset (2011)

Kurz zum Hintergrund

Feuchtwanger, 1884 in München geboren und Sohn eines begüterten Margarine-Fabrikanten, fühlte sich schon früh zur Schriftstellerei hingezogen. Er studierte und promovierte, nahm jedoch wegen seiner jüdischen Abstammung Abstand von einer Habilitation.

Mit seinen historischen Romanen wurde er einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Bereits 1918 erkannte er das Talent Brechts, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft und Arbeitsbeziehung verbinden sollte, was die beiden jedoch nicht daran hinderte, sich bis zum Tode Brechts zu siezen.

Klaus Modick, Schriftsteller und Übersetzer, hat 1980 mit einer Arbeit zu Lion Feuchtwanger promoviert.

Zum Buch

Das Werk schildert einen einzigen Tag im Leben Feuchtwangers, und zwar im August 1956, als er in seiner amerikanischen Wahlheimat in Los Angeles das Telegramm vom Tode Brechts erhält.

Feuchtwanger ist allein zu Haus, da seine Frau Martha wegen Fragen zur Einbürgerung bei einem Anwalt ist. Die Nachricht vom Tode seines vielleicht einzigen Freundes löst nun eine Flut an Erinnerungen und Reflexionen auch über das eigene Leben und Schreiben aus. Er erinnert sich z. B. an den Tag, als er den jungen Brecht kennengelernte, an ihre nicht immer unkomplizierte Beziehung und ihre Exilantengemeinschaft in Amerika, die keineswegs frei von Tratsch und Spannungen und Eifersüchteleien war.

Zu diesem Kreis gehörten auch Werfels, Heinrich und Thomas Mann und Arnold Zweig. Doch im Laufe der Zeit sterben die ehemaligen Freunde und Weggefährten oder sie kehren nach Europa zurück, während Feuchtwanger unter den Argusaugen der McCarthy-Hysterie versucht, für sich und seine Frau Martha die amerikanische Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Im Laufe dieses Tages muss er nicht nur von seinem Freund Abschied nehmen, sondern sich auch Rechenschaft über sein eigenes Werk und Schreiben geben und sich eingestehen, dass er selbst nun alt ist und die Kräfte schwinden. Andauernde Magenschmerzen machen ihm zu schaffen…

Fazit

Interessant ist das Buch, wenn man der Beziehung zwischen Brecht und Feuchtwanger nachgehen möchte. Als Roman selbst hat mich das Buch kalt gelassen. Es wirkt auf mich an vielen Stellen gekünstelt und „nachempfunden“ und ich habe selten vergessen, dass sich da einer eben vorstellt, wie dieser Tag im Leben Feuchtwanger  ausgesehen haben könnte. Das wirkt kenntnisreich und vorzüglich recherchiert und doch arg blutarm.

d-nz 054

3 thoughts on “Klaus Modick: Sunset (2011)

  1. Ich habe deine Besprechung mit großem Interesse gelesen, das vor allem auch darin begründet liegt, dass es mir mit dem Buch ganz anders erging. Ich habe es sehr positiv in Erinnerung, als eines der Highlights meines vergangenen Lesejahres. Die Beziehung zwischen Brecht und Feuchtwanger wird für mein Empfinden unheimlich spannend und anschaulich geschildert. Auch die Komposition des Romans, der an einem einzigen Tag spielt, hat mich beeindruckt. Ein ruhiger, nüchterner Roman, der mich jedoch sprachlich überzeugen konnte.

    • Hallo Mara, vielen Dank für deine Einschätzung des Buches. Interessant, wie Bücher uns so ganz unterschiedlich ansprechen. Die Komposition gefiel mir auch, die wirkte stimmig. Aber davon abgesehen hat es mich nicht wirklich angesprochen. Als ich über deinen Kommentar nachgedacht habe, ist mir klar geworden, dass ich vielleicht ohnehin lieber Biografien (also von vornherein eine gewisse Distanz zur beschreibenden Person) oder Autobiografien lese. Versuchen einer nachempfindenden „erdachten“ Autobiografie (wie hätte es sein können?) stehe ich wahrscheinlich von vornherein mit Misstrauen und Skepsis gegenüber. Das war mir selbst vorher gar nicht bewusst. Also vielen Dank für die Anregung! Und ich wünsche dir schöne zukünftige Bücherhighlights unter dem wie auch immer gearteten Weihnachtsbaum!

  2. Pingback: Lucien Deprijck: Ein letzter Tag Unendlichkeit (2015) | buchpost

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