Astrid Rosenfeld: Adams Erbe (2011)

Fängt man an zu schreiben, weil es jemanden gibt, dem man alles erzählen will? Fängt man an zu erzählen, weil der Gedanke, dass alles einfach verschwinden soll, unerträglich ist?

So, eigentlich vielversprechend, beginnt das Romandebüt der 1977 in Köln geborenen Autorin:

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe (2011)

Begeisterte Bloggerinnen allerorten, auch die FAZ und die Neue Zürcher Zeitung nahmen sich des Romans an, der es 2011 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Meine Erwartungen waren also hoch.

Doch nach dem Lesen bin ich enttäuscht und ratlos, was hat die anderen dermaßen entzückt, was habe ich übersehen?

Zum Inhalt: erster Teil

Im ersten Teil erzählt uns der aus einer jüdischen Familie stammende Edward Cohen die Geschichte seiner ungewöhnlichen Kindheit und Jugend. Er wurde in den siebziger/achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren, lebt die ersten Jahre – zusammen mit seiner Mutter – bei seinen Großeltern in Berlin, verbringt die Jugend mit Mutter und halbkriminellem Stiefvater in wechselnden deutschen Städten, lässt sich schließlich durchs Leben treiben und nach oberflächlichen Versuchen, in Berlin ein bisschen zu studieren, ist er irgendwann als junger Mann Besitzer einer Boutique. Genau genommen erzählt er nicht uns diese Geschichte, sondern schreibt sie auf für Amy, mit der er eine Nacht verbracht hat und die dann zurück nach England gegangen ist. Das ist auch gut so, denn damit ist ihre Aufgabe im Buch bereits erledigt.

Zwischenfazit

Dieser Teil des Buches ist eine Art des Schelmenromans, mit der ich so gar nichts anfangen kann. Ich wünschte, das Buch wäre noch einmal kräftig überarbeitet worden. Die ständigen Perspektivwechsel zwischen dem kindlichen und dem erwachsenen Erzähler Edward schrammen unharmonisch gegeneinander.

Ich liebte meine Autos, ich hielt mich für einen Spezialisten und wollte später irgendwas mit Autos machen, wie wohl fast jeder sechsjährige Junge. Ich war wahrlich kein originelles Kind. Und als gerade der goldene Jaguar, das Juwel meiner Sammlung, den weißen Mustang rammte, hörte ich meinen Großvater schluchzen. Er saß hinter mir auf dem Boden. (S. 9 – 10)

Die Personen wirken manchmal witzig, skurril, ein wenig überzeichnet, was vielleicht der Kinderperspektive geschuldet sein soll. Oft aber auch zweidimensional, ja slapstickhaft: die gestrenge Oma, die betrunken-unglückliche Klavierlehrerin, der alberne Professor mit dem albernen Namen, die naiv-herzliche Mutter, der hübsche, aber halbkriminelle Jack Ross etc. Und wer käme auf die Idee, sein Herz jemandem auszuschütten, den er für dumm hält?

Magda (die Mutter des Erzählers Edward) hatte viele Freundinnen. Sie alle hielten meine Mutter für einfältig, trotzdem kamen sie ständig zu Besuch und schütteten ihr in unserem Wohnzimmer ihr Herz aus, denn Magda hatte Zeit und war eine gute Zuhörerin. (S. 14)

Jack Ross, der Stiefvater Edwards, wirkt wie eine Montage: Warum Jack, der so eine Ähnlichkeit mit Elvis haben soll und alle Frauen betört, sofort bereit ist, Magda zu heiraten, die bereits Ende 30 ist, bleibt schleierhaft. Seine Wutanfälle, in denen er Edward auch mal bewusstlos prügelt, bleiben unmotiviert und der Ich-Erzähler behauptet auch noch, dass seine Liebe zu seinem Stiefvater Jack nach einer solchen Prügelorgie noch nicht einmal einen Kratzer davonträgt. Da hilft auch die künstliche Verklärung Jacks als „Gott der Elefanten“ nicht weiter (Edward hatte Jack im Zoo vor dem Elefantengehege kennengelernt).

Zum Inhalt: zweiter Teil

Nach dem Tod der Großmutter findet Edward auf dem Dachboden seiner Großeltern ein noch ungeöffnetes Päckchen mit Aufzeichnungen seines Großonkels Adam, dem er so unwahrscheinlich ähnlich sehen soll. Dass jene Aufzeichnungen noch nie zuvor gelesen wurden, ist schon merkwürdig, denn Edwards Großvater hat auf dem Dachboden quasi seine letzten Jahre verbracht und Edward und seine Mutter haben in dieser Wohnung ja auch jahrelang gelebt.

Diese Aufzeichnungen bilden nun den zweiten Teil der Geschichte. Wir erfahren, dass Großonkel Adam, dem eine gewisse Naivität nicht abgesprochen werden kann, als junger Mann während der Zeit des Nationalsozialismus alles, buchstäblich alles aufs Spiel gesetzt hat, um seine große Liebe Anna vor dem Irrsinn der Barbarei zu retten. Ein verwegenes Unterfangen, für das er – ohne es zu ahnen – das Leben seiner Mutter und Großmutter zerstört.

Ein merkwürdiger Tauschhandel sorgt dafür, dass Adam schließlich sogar bis ins Warschauer Ghetto kommt, wo er Anna vermutet.

Fazit

Der Erzählerton ist jetzt ein ganz anderer, viel ernsthafter, aber ob das Ghetto der richtige Handlungsort ist, um den Versuch zu unternehmen, einem Unterhaltungs- und Liebesroman ein bisschen Spannung und Grusel zu verleihen, scheint mir persönlich mehr als fraglich. Für mich geht das alles nicht richtig zusammen.

Judith Leister hat in der FAZ  vermutet, dass eine ‚derart konventionelle Abhandlung eines so schwieriges Themas wie der Judenverfolgung‘ „dem unbefangeneren Zugang einer neuen Autorengeneration geschuldet“ sein könnte.

Die symmetrische Anordnung der wesentlichen Handlungslinien in Vergangenheit und Gegenwart kann man als künstlich empfinden oder als hilfreich:

Das Strukturprinzip der Spiegelung verbindet die beiden ungleich langen Teile. Nicht nur sehen sich die beiden Protagonisten Adam und Edward verblüffend ähnlich; auch ihre Mütter gleichen sich in ihrer Unscheinbarkeit und die Väter in ihrer Lebensuntauglichkeit, während die Grossmütter Edda und Lara als resolute Damen auftreten. Diese Muster mögen konstruiert erscheinen, aber sie erweisen sich auch als hilfreich für den Leser, der sich in diesem ausufernden Stoff erst einmal zurechtfinden muss.

Keine Ahnung, wieso Beatrice Eichmann-Leutenegger (NZZ vom 12. Juli 2011) diese Muster zur Orientierung gebraucht hat. So kompliziert war das nun wirklich nicht. Außerdem hätte sie noch erwähnen können, dass beide Vaterfiguren frühzeitig das Zeitliche segnen und dass beide Romanteile an eine Frau – einmal an Amy und einmal an Anna – adressiert sind, die beide für den Absender unerreichbar sind und deren Namen sich auch noch ähneln. Seufz.

Und ganz enttäuschend flach fand ich das Ende des Romans, in dem sich die beiden Handlungsstränge kurzzeitig begegnen.

Das Buch wirkt streckenweise wie aus Versatzstücken zusammengehauen, aber das Buch wäre vielleicht eine geeignete Filmvorlage. Und Rosenfeld hat ja als Casterin gearbeitet.

Wer wirklich etwas über Liebe in der Zeit des Nationalsozialismus lesen möchte, der könnte unter diesem Blickwinkel die Lebensgeschichte von Marcel Reich-Ranicki oder die Tagebücher von Viktor Klemperer lesen. Und wer wissen möchte, wie man die Nazi-Gräuel in Literatur übersetzt, dem sei beispielsweise Falladas Jeder stirbt für sich allein empfohlen.

Die TAZ hat in ihrem Montagsinterview vom 9. September 2011 die Autorin gefragt, was genau sie denn mit ihrem Buch, ihrem Erzählen habe festhalten wollen. Rosenfelds Antwort:

Das waren zwei Dinge. Zum einen die Frage, ob eine einzelne persönliche Begegnung für einen Menschen wirklich alles ändern kann. Und dann dieser völlig unoriginelle Gedanke über den Holocaust: Wie konnte das nur passieren? Das Erstaunen darüber, wozu Menschen fähig sind.

Vielleicht habe ich mich genau an dieser Mischung gestört. Auch wenn Rosenfeld selbstkritisch anmerkt:

Es tauchte schon auch die Frage auf, ob man das denn darf: als 34-jährige Deutsche aus der Ich-Perspektive über das Warschauer Ghetto schreiben. Aber der Konsens war, dass es geht. Gleich bei meiner ersten Lesung – bei den Literaturtagen in Rauris – saß im Publikum Aharon Appelfeld. Ein Holocaust-Überlebender, der seine eigenen Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Ich hatte Angst, dass er aufsteht und sagt: „Alles Quatsch!“ Aber er war wahnsinnig nett und hat mich nach Israel eingeladen. Ab da hatte ich keine Angst mehr.

In einem Beitrag des Deutschlandfunk äußert sich Rosenfeld auch zu dem Humor im Buch, den sie zum einen damit begründet, dass das eben ihre Stimme sei, und außerdem glaube sie daran:

… dass vor allem je schwerer das Thema ist, über das man spricht, desto mehr Sinn macht es, darin irgendeine Leichtigkeit zu finden, damit man wirklich die Geschichte bis zum Ende ertragen kann, einfach.

Und schließlich:

Also ich lache wahnsinnig gerne und natürlich gibt es auch die Momente im zweiten Teil, wo es nicht mehr komisch wird. Es ist ja auch fern ab von irgendwie Slapstick oder so was, aber, ja, ich finde das Leben teilweise, es ist halt so was eher nicht Witziges, sondern Groteskes und manchmal steht man da und denkt sich, jetzt muss ich aber lachen, weil es ist absurd.

Der zweite Grund gefällt mir so gar nicht: Warum sollte man das Unerträgliche für den Leser erträglich machen? Ist das nicht doch – wenn auch ungewollt – verharmlosend? Das Grauen wird bekömmlich.

Ein Interview mit der Autorin findet man in der Interview Lounge, in dem sie auch nach ihrer letzten Lektüre gefragt wird. Voller Begeisterung nennt sie Des Menschen Hörigkeit von Somerset Maugham (im englischen Original Of Human Bondage),  das Buch sei „spannend wie ein Krimi, obwohl es überhaupt nichts mit einem Krimi zu tun hat.“

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