Gerbrand Bakker: Juni (OA 2009; deutsche Ausgabe 2010)

„Gleich kommt Slootdorp“, sagt der Chauffeur. „Dort übernimmt Sie ein neuer Bürgermeister.“
Sie schaut hinaus. Rechts und links breite Streifen Weide- und Ackerland, deren Ende nicht zu sehen ist. Hier und da ein klobiger Bauernhof mit rotem Ziegeldach. Zum Glück regnet es nicht.

So beginnt einer der für mich enttäuschendsten Romane, die ich seit langem gelesen habe:

Gerbrand Bakker: Juni (2009) – übersetzt von Andreas Ecke

Fazit

Hatte der Autor es in seinem Romandebüt Oben ist es still geschafft, eine unverwechselbare Stimme für seinen Ich-Erzähler zu finden, dessen Wortkargheit so gut zu seinem Wesen und seiner Geschichte passte, so passt in dem zweiten Roman des Niederländers gar nichts mehr zusammen.

Zum Inhalt

Dabei fängt das erste Kapitel noch vielversprechend an: Die holländische Königin Juliana besucht im Juni 1969 Dörfer im Norden Hollands und muss dabei – streng nach Protokoll – diverse Programmpunkte und Würdigungen über sich ergehen lassen, die alle nur ein Ziel zu haben scheinen: jede echte Begegnung zwischen Monarchin und Bevölkerung unmöglich zu machen. Blümchen werden überreicht, der hiesige Bäcker liefert die Brote, es gibt kleine musikalische Darbietungen. Später steht noch eine Wasserskivorführung auf dem Programm. Common Reader bemerkt dazu so nett: „Für alle ist es aufregend, außer für die Königin, die macht das nämlich dauernd.“

Doch einmal schert die Königin für einen kurzen Moment aus dem minutiös durchgetakteten Zeitplan aus: Sie geht einer jungen Mutter namens Anna Kaan, die ein bisschen verspätet zu den Feierlichkeiten kommt, ein paar Schritte entgegen und streicht deren zweijähriger Tochter Hannah dabei kurz über die Wange. Man wechselt ein paar Worte und anschließend kehrt jede wieder zurück in ihre eigene Welt.

Dann springt die Handlung in die Gegenwart, fast 40 Jahre später. Wieder ist es Sommer und wir sind auf dem allmählich verfallenden Hof der Kaans, die junge Mutter von damals hat sich kurz nach ihrer goldenen Hochzeit an diesem unerträglich heißen Tag mit Eierlikör, Wasser und ein paar Keksen auf den Heuboden verkrochen. Weder ihre drei erwachsenen Söhne, ihr Ehemann Zeeger noch ihre Enkelin Dieke können die Altbäuerin überreden herunterzukommen. Es ist nicht das erste Mal, dass Anna hier ihre Zuflucht nimmt und ihren Erinnerungen nachhängt. Und jetzt soll sich vor dem Leser das Beziehungsgeflecht der Familie Kaan zusammensetzen. Auch in diesem Roman wirft dabei ein tragischer Unfall seine langen Schatten bis in die Gegenwart.

Fazit

Das ist aber in meinen Augen komplett missglückt. Statt Anteil zu nehmen, bin ich gelangweilt, ertappe mich dabei, nur noch querzulesen. Die Personen wirken auf mich wie planlos durch die Gegend laufende Pappfiguren, die zufällig irgendeinen Namen tragen und fast schon klischeehaft nie über das sprechen können, was sie eigentlich bewegt.

Einzig die Enkelin scheint ab und zu zum Leben zu erwachen und sich zu wundern. Der Schwung, die Sicherheit des Erzählens, der Sog von Oben ist es still, nichts ist hier davon zu spüren. Stattdessen hölzerne Nebensächlichkeiten wie:

Vor und neben dem Haus liegt Rasen und stehen Bäume, hinterm Haus sind die Staudengewächse und weiter hinten noch viel mehr Bäume. (S. 43)

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One thought on “Gerbrand Bakker: Juni (OA 2009; deutsche Ausgabe 2010)

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