Fundstück

Da musste ich an die Seminare im Studium denken, in denen wir monatelang einzelne Klassiker auseinanderklamüsert haben…

Wie jeder andere Schriftsteller bekomme ich ständig Briefe von jungen Leuten, die in verschiedenen Ländern – aber besonders in den Vereinigten Staaten – Examensarbeiten und Aufsätze über meine Bücher schreiben. Sie alle sagen: „Bitte schicken Sie mir ein Verzeichnis der Artikel über Ihr Werk, der Kritiker, die über Sie geschrieben haben, der Autoritäten.“ Sie fragen mich nach tausend Einzelheiten, die völlig irrelevant sind, die aber als wichtig zu betrachten sie gelehrt wurden und die schließlich ein Dossier ergeben wie das eines Einwanderungsbüros.

Diese Anfragen beantworte ich wie folgt: „Lieber Student, Du bist verrückt. Warum Monate und Jahre damit zubringen, Tausende von Wörtern über ein einziges Buch oder selbst einen einzigen Schriftsteller zu schreiben, wenn es Hunderte von Büchern gibt, die darauf warten, gelesen zu werden. Du begreifst nicht, daß Du das Opfer eines schädlichen Systems bist. Und wenn Du Dir mein Werk als Thema ausgesucht hast und wenn Du eine Examensarbeit schreiben mußt […], warum liest Du dann nicht, was ich geschrieben habe, und wirst Dir klar über das, was Du denkst, und prüfst  es anhand Deines eigenen Lebens, Deiner eigenen Erfahrung. Kümmere Dich nicht um Professor Schwarz und Weiß.“

Doris Lessing, in ihrem Vorwort zu Das Goldene Notizbuch (1962)

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3 thoughts on “Fundstück

  1. Hallo Peggy, nun – vielleicht ist es ein „Sowohl – als auch“. Im Studium geht es ja auch um Hintergründe, Epochendefinitionen, geschichtliche und gesellschaftliche Einflüsse auf die verschiedenen Autoren, ihre Modernität (oder auch nicht), verschiedenste Interpretationsansätze – feministisch, marxistisch, biografisch etc. -, und das mal exemplarisch an verschiedenen Werken zu studieren, gehört sicherlich dazu und ist oft auch spannend und aufschlussreich gewesen. Ein Literaturstudium sollte im Idealfall wohl u. a. auch dazu dienen, seine Empfindungen zu einem Werk fundiert begründen zu können und sich seiner eigenen Kategorien und Kriterien bewusst zu werden. Aber leider wurde damals oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und manchen Professoren ging es weniger darum, uns ein ordentliches Handwerkszeug mitzugeben als vielmehr sich selbst zu profilieren. Ich erinnere mich an eine Vorlesungsreihe zur Literatur des Mittelalters: In jedem Semester schafften wir ca. 10 Jahre, d. h. kein Student hat während seines Studiums die gesamte Vorlesungsreihe gehört. Das finde ich im Nachhinein ziemlich absurd und wenig hilfreich, um einen soliden literaturgeschichtlichen Überblick zu gewinnen. Aber Doris Lessing hat auf jeden Fall recht, wenn sie schreibt, dass Lesen immer auch das Selber-Denken und Prüfen beinhaltet. Viele Grüße Anna

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