Fundstück

Am Radio habe ich einmal gehört, wie ein Schriftsteller gefragt worden ist, warum er schreibe – eine Frage übrigens, die nur Schriftstellern gestellt wird, noch nie ist ein Geiger gefragt worden, warum er geige, nur Mörder und Schriftsteller fragt man nach dem Motiv ihrer Tätigkeit -, der Schriftsteller hat geantwortet, er schreibe, um der Wirklichkeit standzuhalten. Das tönt sehr tapfer. Und braucht trotzdem nicht mehr zu heißen, als daß Erzählen eine Technik ist, die dazu dient, der Wirklichkeit das Wirkliche zu nehmen, das unerträglich Scharfe und also Schneidende. Gern wird ein Gnädiger die Umwandlung der Welt in Sätze als eine Form des Standhaltens begreifen, der Strenge aber ahnt darin mit gleich viel Recht nur Feigheit vor dem Feind. So oder so, wer Überstandenes erzählt, der übersteht das Überstandene zum zweiten Mal und fühlt sich munter, auch wenn er manchmal weiß, daß alle Fabuliererei nur provisorisch rettet: Das Ende läßt sich nie erzählen.

aus: Markus Werner: Bis bald (1992)

Dieser Beitrag wurde unter Zitate veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s