Markus Werner: Bis bald (1992)

P1020413

Mir wurde schwindlig, kaum daß ich eingestiegen war. Es roch nach Haarlack, es roch nach allem, wonach solche Menschen riechen.

So beginnt der Roman des 1944 geborenen Schweizer Lehrers und Autors, der mit einer Arbeit zu Max Frisch promovierte:

Markus Werner: Bis bald (1992)

Zum Inhalt

Lorenz Hatt, Mitte vierzig, leicht misanthropisch und Denkmalpfleger, macht Urlaub in Tunesien. Er bucht einen dieser vom Hotel organisierten Tagesausflüge und bereut das schon kurz nach dem Einstieg in den Bus:

… mich störte einzig das Geschwätz des Reiseleiters, der zwar vorzüglich Deutsch und Französisch sprach, aber alles so mechanisch hersagte, wie man nur tausendmal Gesagtes sagen kann. Auch die Späße waren erprobt, man lachte zuverlässig, meine Verstimmung wuchs. Ich sah überall abstoßende Hinterköpfe auf dürren Hälsen oder auf verspeckten Hälsen, überall sah ich die schauderhaftesten Ohren, das fleischigste gehörte meinem Vordermann […] Um mich abzulenken, betrachtete ich eine Weile lang Grünbergs Armbanduhr, aber auch sie war häßlich, klobig wie jede Uhr, die mehr als Uhr sein will. Die in Zeitzonen eingeteilte Weltkarte auf dem Ziffernblatt empfand ich als Hochstapelei, und daß der schlummernde Grünberg jetzt noch den Mund öffnete, was den geistreichsten Schläfer zum Trottel macht, verdroß mich vollends. (S. 8 der Taschenbuchausgabe)

Doch dann passiert es: In einer der antiken Anlagen erleidet Hatt einen Herzinfarkt und überlebt. Zurück in der Schweiz schenken ihm die Ärzte nach einem zweiten Infarkt irgendwann reinen Wein ein: Findet sich kein Spenderherz für ihn, wird er sterben. Ohne Spenderorgan geben ihm die Ärzte noch maximal sechs Monate.

Lorenz Hatt erinnert an den Walter Faber aus dem Roman Homo faber von Max Frisch:

… ich bin ein Vertreter der Sie-Form und kann dem schwindenden Distanzbewußtsein nichts abgewinnen. (S. 159)

Während er nun auf die Nachricht wartet, dass man ein passendes Organ für ihn gefunden hat, erzählt er einem Zuhörer, über den wir nichts Näheres erfahren, seine Erinnerungen, seine Gedanken und Assoziationen. Er denkt an Regina, seine Frau, von der er aber schon lange getrennt lebt, an seinen Sohn Hans, dessen Tod die Eltern endgültig voneinander entfremdet hat. An seinen Beruf, in den er sich geradezu blindwütig hineingestürzt hat, um nicht über das Scheitern seiner Ehe nachdenken zu müssen. Und in dieser Situation kann es natürlich nicht ausbleiben, dass er sich auch um sein Warten auf ein Spenderherz und um den Tod so seine Gedanken macht:

Ich dachte also in dieser tunesischen Toilette an Regina, weil sie für mich, auch lange nach der Trennung, für Heimat stand, für etwas Heimatähnliches auf jeden Fall, sie war der Mensch, dessen Nähe und Beistand ich mir damals gewünscht hätte und manchmal auch heute noch wünsche, wenn ich mich frage, wer mich begleiten könnte, falls das Geschick ein eigentliches Sterben für mich vorsieht und nicht den Überraschungstod, der keiner Begleitung bedarf und mir trotz seines gutes Rufs auch nicht genehm ist. Ich weiß, er gilt den meisten als der schönste, obwohl man ihn nur den bequemsten nennen dürfte. Er ist ein Massenwunschbild, Augen zu, wer abgeht, will’s nicht auch noch wissen, wer wunschgemäß abrupt, das heißt besinnungslos verendet, dem widerfährt gewissermaßen nicht viel Neues. (S. 37)

Wenn er zu erschöpft ist, unterbricht er sich, und der Handlungsfaden wird an anderer Stelle wieder aufgenommen. Und hin und wieder kommt Frau Guhl, die sich um den Haushalt kümmert.

Fazit

Dieser Lorenz rückt uns ganz nahe, sowohl in seinen Gedanken, die wir allerdings wohl nicht so klar und präzise und nicht so streng und schön ausdrücken könnten, als auch in seinen Versuchen, sich und anderen auf die Spur zu kommen. Dabei ist es egal, ob es um Nichtraucher, die Schweiz, die Tücken des Alleinreisens oder die Frage geht, ob er sich guten Gewissens den Tod eines jungen Motorradfahrers wünschen soll. Diesmal soll nichts unter den Teppich gekehrt, dem Anblick im Spiegel nicht mehr ausgewichen werden.

Eine Meldung kann noch so erschütternd sein, ein Vorfall noch so gräßlich: wenn die Meldung oder der Vorfall oder die Meldung über den Vorfall Elemente enthält, die meinen Standpunkt stützen und meine Sicht der Dinge als richtig erscheinen lassen, dann hat der Vorfall, hat die Meldung für mich auch etwas Lustbetontes. Ich nehme, wie jeder Mensch, am liebsten wahr, was mich bestätigt, das ist fatal, das ist der Anfang der Verblödung, verstehst du, eine Erfahrung müßte etwas sein, was uns widerlegt, was uns zumindest stutzig macht und das heißt weiterbringt und dehnt. Die Lust, die ich empfinde, wenn sich die Welt so gibt, wie ich sie sehe, ist erbärmlich, es ist die Lust des Spießers, der sich mit oder ohne Gartenzaun vom Leib hält, was ihm fremd und neu erscheint. (S. 84)

Scheinbar banale Situationen, die wir alle kennen, wie z. B. das Warten in einem beliebigen Wartezimmer eines beliebigen Arztes, lassen plötzlich und unaufdringlich noch eine ganz andere Dimension durchscheinen. Und Lorenz fragt seinen Zuhörer, also auch uns:

Du blätterst in einer Zeitschrift. Hast du nicht plötzlich das Gefühl, daß du nicht um des Blätterns willen blätterst? Scheint dir dein Blättern nicht ein wenig fahrig? Ist nicht der Augenblick, in dem die Tür sich öffnen wird und du gerufen wirst, für dein Bewußtsein vordringlicher als das, was du gerade liest? Liest du denn überhaupt? Wenn ja: Liest du nicht im Bewußtsein, daß du gerufen werden könntest, bevor du die Lektüre des Berichts beendet hast? Und nimmt dir der Gedanke an diese Möglichkeit  nicht alle Sammlung? Freilich, wenn du nicht blättern und nicht lesen würdest, nur sitzen, nur […] darauf lauern, bis die Tür sich öffnet, dann wäre deine Lage noch beschwerlicher, die Wartezeit verginge kaum … (S. 114)

Und über Sätze wie „Es scheint mir das Organ zu fehlen, das mich ein Ende fassen läßt als Ende.“ (S. 79) lässt sich nicht einfach mal eben hinweglesen …

Krankheit, hatte Sophie gesagt, sei kein Unglück, sondern eine Chance, da sie die gewohnte Lebensführung unterbreche und dadurch auch thematisiere, der Einschnitt, Einbruch, Unterbruch schaffe Distanz und damit Übersicht, kurz, die durch Krankheit erzwungene Atemrast ermögliche jene Besinnung, zu der wir, eingespannt wie wir seien, auf andere Weise kaum noch kämen. Ich hatte entgegnet, daß es für die meisten Menschen besser sei, gesund zu bleiben und nicht zur Besinnung zu kommen – im Klammern gesagt: ich habe auch mich ein wenig mitgemeint -, denn wenn sie zur Besinnung kämen, müßten sie außer mit ihrer Krankheit auch noch mit dem Entsetzen fertig werden, das sie befallen würde, wenn sie ihr Dasein musterten. (S. 189)

Kurz gesagt, Markus Werner berieselt uns nicht; er mutet uns die Auseinandersetzung mit der eignen Endlichkeit zu.

Marcel Reich-Ranicki schrieb 2004 in einer Besprechung von Am Hang: Markus Werner „vermag exakt zu denken und glänzend zu formulieren. Seine Intelligenz kann sich sehen lassen, was man unseren Romanciers nur selten nachrühmen darf, und er hat viel zu sagen. [… und er] gehört spätestens jetzt zu den besten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Generation.“

12 thoughts on “Markus Werner: Bis bald (1992)

  1. Lieben Dank für diese interessante Rezension, die mich auf einen Autor neugierig macht, von dem ich zu meiner Schande bisher weder etwas gehört habe, noch gelesen. Danke für diesen tollen Tipp und das schöne Foto!🙂

    • Freut mich, dass ich dich neugierig machen konnte. Ging mir übrigens auch so, dass ich Markus Werner bisher gar nicht auf meinem „Radar“ hatte. Es ist doch immer wieder toll, wie man ganz überraschend Schriftsteller „entdeckt“. Und das Foto passt doch ganz schön zum „Warten“ und „Verweilen“ und zur „Ruhe kommen“. Dir noch einen schönen Abend. Anna

      • Liebe Anna,
        ich finde es auch immer wieder spannend, neue Autoren zu entdecken und auf Schriftsteller aufmerksam zu werden, von denen man vorher noch nichts gehört hatte. Ich habe bereits letztes Jahr einige spannende Schriftsteller auf der Schweiz entdeckt und freue mich schon darauf, etwas von Markus Werner zu lesen. Danke auch für den Tipp, liebe Buechermaniac, „Am Hang“ habe ich mir gleich notiert.
        Liebe Grüße
        Mara

  2. Eine schöne Besprechung, liebe Anna. Und auch ein Dankeschön, dass du hier auf einen grossartigen Schweizer Schriftsteller aufmerksam machst. Ich stelle immer wieder fest, dass unsere Autoren viel zu wenig bekannt sind, obwohl sie sich im deutschsprachigen Raum durchaus zeigen dürfen und sich nicht verstecken müssen. Diesen Roman kenne ich noch nicht von ihm, aber „Am Hang“ habe ich, als das Buch erschienen war, in unserem Lesezirkel vorgestellt und es hat begeistert. Ich bin gespannt, was du dazu sagen wirst.

    Herzliche Grüsse aus der Schweiz
    buechermaniac

  3. Vielen Dank für die netten Grüße aus der Schweiz! „Am Hang“ liegt schon bereit, aber leider warten zunächst zwei Klassenarbeiten auf die Korrekturen, aber dann🙂 Wenn du magst, würde ich mich freuen, wenn du mir/uns noch weitere Schweizer Schriftsteller empfehlen würdest, die hier zu Unrecht vielleicht noch nicht so bekannt sind.
    LG von Anna

  4. Ich melde mich mal als Neuling hier zu Wort. Du hast eine sehr erfrischende Art, ein Buch uin deiner eigenen Sprache zu präsentieren. Nach dieser Lektüre könnte ich mir vorstellen, das Buch zu lesen. Über Deinen Zugang zu den Zitat auf S. 79 kann ich nur sagen: Es gibt Formulierungen, mit denen ein Thema oder Motiv „zu Ende erzählt“ ist. So etwas zu finden, ist wie ein kleines Bugget in einem Haufen Erde zu finden. Grüße Leo

  5. Pingback: Jakob Arjouni: Hausaufgaben (2004) | buchpost

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s