Elizabeth Strout: Olive Kitteridge (2008)

Meeschendorf_0093For many years Henry Kitteridge was a pharmacist in the next town over, driving every morning on snowy roads, or rainy roads, or summertime roads, when the wild raspberries shot their new growth in brambles along the last section of town before he turned off to where the wider road led to the pharmacy. Retired now, he still wakes early and remembers how mornings used to be his favourite, as though the world were his secret, tires rumbling softly beneath him and the light emerging through the early fog, the brief sight of the bay off to his right, then the pines, tall and slender, and almost always he rode with the window partly open because he loved the smell of the pines and the heavy salt air, and in the winter he loved the smell of the cold.

So beginnt das dritte Buch der 1956 geborenen amerikanischen Autorin, für das sie 2009 den Pulitzer Prize for Fiction erhielt:

Elizabeth Strout: Olive Kitteridge (2008); auf Deutsch: Mit Blick aufs Meer (2010)
– übersetzt von Sabine Roth

Das Werk besteht aus 13 mal mehr, mal weniger miteinander verbundenen Geschichten. Und mit diesem Mittelding – „a novel in stories“ – habe ich mich stellenweise durchaus schwergetan, denn manchmal ist der Zusammenhang zwischen den einzelnen Geschichten schon extrem lose. Wir folgen zwei Personen: Henry – einem ehemaligen Apotheker, der lange in seine Angestellte verliebt war – und später vor allem seiner Frau Olive, einer pensionierten Lehrerin.

Ab und zu verliert der Leser Olive und Henry aber dabei fast völlig aus den Augen. In manchen Erzählungen durchqueren die Kitteridges nur einen Raum oder grüßen ein paar Bekannte, während sie das Lokal verlassen. Auf diese Kapitel hätte ich gut verzichten können.

Louisa Thomas charakterisiert Olive in ihrer Besprechung in der New York Times vom 20. April 2008 kurz und treffend: „She isn’t a nice person. As one of the town’s older women notes, ‚Olive had a way about her that was absolutely without apology.‘ Olive’s son puts it more bluntly. You can make people feel terrible,‘ he tells her. […] After swapping discontents, she says to a friend, ‚Always nice to hear other people’s problems.’”

Die Geschichten spielen überwiegend in dem kleinen Küstenort Crosby in Maine. Wir treffen dabei auf ganz unterschiedliche Menschen, wie z. B. einen ehemaligen Schüler von Olive, der zurückgekehrt ist, um sich umzubringen, oder die alkoholabhängige Angela O’Meara, die in einer Bar Klavier spielt und schließlich ihrem langjährigen Geliebten, einem stadtbekannten Politiker, den Laufpass gibt. Wir begegnen einer magersüchtigen Jugendlichen oder der Mutter eines Mörders sowie dem Sohn der Kitteridges, der erst als erwachsener Mann die Angst vor seiner Mutter überwindet und sich nicht länger von ihr tyrannisieren lässt.

Jede der zahlreichen Figuren wird von der Autorin mit wohlwollender und menschenfreundlicher Anteilnahme bedacht. Niemand wird verurteilt, sondern in seiner Bedürftigkeit sichtbar. Und alle fügen anderen Wunden zu, oft ganz ohne böse Absicht, oder werden durch existenzielle Verluste in ihren Grundfesten erschüttert. Manchmal war mir das ein bisschen zu viel elegische Soße, die da unterschiedslos über alle gekippt wurde. Allerdings sorgte der ein oder andere sarkastische Seitenhieb Olives dann wieder für etwas klarere Luft.

Die letzten Kapitel waren hingegen großartig. Aus Olives Sicht erleben wir ihre Einsamkeit, nachdem Henry einen Schlaganfall erlitten hat. Das wird so harsch erzählt, dass einem auch ganz fröstelig wird, dabei hatten die beiden oft alles andere als eine liebevolle Ehe geführt. Beim Anschauen alter Fotos – Henry ist bereits im Pflegeheim – wird ihr bewusst, was für ein Hauch das menschliche Leben ist:

A picture of Henry as a small child. Huge-eyed and curly-haired, he was looking at the photographer […] You will marry a beast and love her, Olive thought. You will have a son and love him. You will be endlessly kind to townspeople as they come to you for medicine […] You will end your days blind and mute in a wheelchair. That will be your life. (S. 161)

Zwar hatten die beiden auch Geheimnisse voreinander, die dem anderen nicht so verborgen geblieben sind, wie sie das gedacht haben, aber erst als sie ihn verloren hat, wird Olive klar, dass Henry in all den Jahrzehnten ihrer Ehe der Freund war, dem sie – fast immer – alles erzählen konnte.  Und so hat sie – von oberflächlichen Telefonanrufen abgesehen – plötzlich niemanden mehr, dem sie überhaupt etwas erzählen kann und will.

Unter der kantigen und rechthaberischen Schale Olives verbirgt sich aber auch viel menschliche Anteilnahme und oftmals ein klarer Blick in die Nöte ihrer Mitmenschen, die sie jedoch kaum auszudrücken in der Lage ist. Sie würde gern eine alte Bekannte trösten, die während der Begräbnisfeier anlässlich der Beerdigung ihres eigenen Mannes erfährt, dass dieser sie mit ihrer Cousine betrogen hat.

She would like to rest a hand on Marlene’s head, but this is not the kind of thing Olive is especially able to do. (S. 180)

Fast alle scheitern an der Liebe, an den Sehnsüchten, die sie mit sich herumtragen, und sei es, dass man sich wünscht, dass einen der eigene Sohn besucht und man die Enkel aufwachsen sieht.

Sometimes, like now, Olive had a sense of just how desperately hard every person in the world was working to get what they needed. For most, it was a sense of safety, in the sea of terror that life increasingly became. People thought love would do it, and maybe it did. But even if, […] it was never enough, was it? (S. 211)

Eva Menasse hat in der Zeit vom 15. Juli 2010 erklärt, dass sie das Buch sogar ein wenig getröstet aus der Lektüre entlassen habe: „Nein, hier wird uns nichts erspart. Wenn man nur ein bisschen verengt daraufschaut, geht es im Leben doch, sobald die Jugend vorbei ist, nur noch bergab. Mit Blick aufs Meer ist auch ein Buch des Abschieds, von Jugend und Freiheit, von den eigenen Kindern, die sich einem, einmal erwachsen, entfremden, und schließlich vom Leben selbst. Das große Wunder beim Lesen besteht darin, dass man sich mit dieser eigentlich unerträglichen Wahrheit plötzlich abfinden kann und sogar heiter und getröstet ist, weil man den einzelnen, verwirrt hin und her krabbelnden Menschen als Teil eines gleichbleibenden Ganzen begreift. So findet Strout, genau wie damals Sherwood Anderson, gerade über die Zersplitterung wieder zur Ganzheit zurück.“

4 thoughts on “Elizabeth Strout: Olive Kitteridge (2008)

  1. Mir hat das Buch, in deutscher Übersetzung gelesen, sehr gut gefallen. Ist einem Olive, mit ihrer Hammermethode, am Anfang noch eher unsympathisch, schlägt dies irgendwann in Verständnis und auch Mitleid um. Sie ist mir irgendwann ans Herz gewachsen. Harter Kern und innen doch sehr verletzlich, fand sie manchmal einfach nicht den richtigen Ton für ihre Mitmenschen. Mir tat sie leid, als sie plötzlich alleine in ihrem Haus sass. Und die Krankenhausszene, die von der Komödie zur Tragödie wurde, fand ich grossartig.

    LG buechermaniac

    • Hallo, Büchermaniac, danke für deinen Kommentar. Ja, Olive wurde zu einer immer interessanteren Figur, über die ich auch noch mehr gelesen hätte. Und die Einsamkeit ihrer Witwenschaft öffnete sogar den Blick auf unsere Gesellschaft, auf uns, denn wann machen wir uns das wirklich deutlich, was es für denjenigen bedeutet, der erst kürzlich seinen Partner verloren hat? Aber die anderen Geschichten blieben für mich zu blass. Und was ich nicht verstanden habe, was ihr Mann eigentlich in ihr gesehen hat. LG Anna

      • Das ist eine gute Frage, Anna. Nur, wir wissen nicht, wie Olive als junge Frau wirklich war. Sie hatte sicher auch ihre guten Seiten, nur kommt das halt nicht immer so zum Ausdruck. Wir ordnen doch selbst viele Menschen falsch ein und jene Personen, die diesen nahe sind, erleben sie auch von einer anderen Seite, die sie offenbar zu schätzen wissen. Das wird bei Olive mit Henry auch so gewesen sein. Sie war ja auch in einen Lehrerkollegen verliebt. Das Ehepaar Kitteridge gehört noch zu einer Generation, in der man sich nicht so leicht trennte wie die Paare heute. Beide sind ihren geheimen Träumen nachgehangen und konnten sich trotzdem aufeinander verlassen.

        LG buechermaniac

  2. Hallo Büchermaniac, ja, das stimmt, ganz am Anfang sagt Henry ja sogar, dass er Olive nicht verlassen könne, das wäre so, als ob er sich ein Bein absägen würde. Ich fand dann später vor allem die Stellen anrührend, als sie ihn angerufen hat und ihm vieles erzählt hat, obwohl er sie da vermutlich gar nicht mehr verstehen konnte. Viele Grüße Anna

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