Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China (2008)

Dass mein Großvater zu dem Zeitpunkt, als mich seine vorletzte Postkarte erreichte, bereits tot war, konnte ich nicht wissen. Ich hatte sie ungelesen beiseitegelegt, so wie ich auch die vorangegangenen Postkarten ungelesen beiseitegelegt hatte. Gemeinsam mit den Rechnungen und Wurfsendungen, zwischen denen sie fast täglich lauerten, bildeten sie unter dem Schreibtisch einen immer waghalsigeren Stapel, den ich mit einer alten Zeitung abdeckte, auch wenn das wenig half, ich wusste schließlich, was sich darunter verbarg.

So beginnt der Roman des 1975 geborenen Autors, der dafür 2008 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt:

Tilmann Rammstedt: Der Kaiser von China (2008)

Zum Inhalt

Keith Stapperpfennig wächst elternlos, mit vier vermutlich leiblichen Geschwistern beim nicht ganz leicht zu beeindruckenden Großvater auf, der nicht nur die Freundinnen des Enkels anflirtet, sondern seinen Enkeln jede Sommersaison eine neue und möglichst junge Geliebte präsentiert.

In eine dieser Frauen, Franziska, die 26 Jahre jünger ist als der muntere Alte, verliebt sich auch Keith. Und die wechselt dann halt kurzerhand die Betten. Das erste Mal übrigens, als der Großvater mit Herzflimmern auf der Intensivstation im Krankenhaus liegt, und passenderweise ist das Nachbarbett gerade nicht belegt…

Die Enkel schenken nun dem genesenden Großvater eine gemeinsame Reise. Dummerweise will der ausgerechnet nach China. Keiner will ihn dahin begleiten. Es bleibt an Keith hängen, doch der verzockt das Reisegeld und erfindet nun – während sich der Großvater allein auf den Weg macht – eine wilde Geschichte von seinen Reiseabenteuern mit Opa in China, die er seinen Geschwistern in immer längeren Briefen erzählt. Alles wüst zusammengeklaut aus dem Lonely Planet.

Dummerweise verstirbt der Großvater irgendwo im Westerwald und Keith soll ihn nun identifizieren. Das ist natürlich alles nicht ganz einfach, weil für den Rest der Sippe die beiden ja noch in China weilen und weil just für den Tag geplant war, Franziska zu heiraten. Folglich bleibt er erst mal unter dem Schreibtisch hocken und überlegt, was zu tun ist.

Fazit

Also, Gewinner des Bachmannpreises, weil das Werk so komisch, so traurig, so brillant sei. Eine Geschichte über den Generationenkonflikt, ein Abschiednehmen. Nun gut.

Samuel Moser äußerte sich am 7. April 2009 in der Neuen Zürcher Zeitung schon etwas zurückhaltender: „Zu seinen Stärken gehört zweifellos auch das verführerisch rasante Erzählen nach vorn, das Erzählen um des Erzählens willen. Auch die Klagenfurter Jury hat diesem Sog nicht widerstanden und Tilman Rammstedt im vergangenen Jahr mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Irgendeinmal aber wird man sich die Augen reiben. Das Raffinement des Romans erscheint einem dann als pures Arrangement und seine rhetorische Brillanz als Redseligkeit. Der Grossvater ist zwar eine rührende Karikatur und die Chinareise listig aus dem «Lonely Planet» herausgeschrieben. Daraus macht der Autor auch gar kein Hehl, dass auch er nur bis in den Westerwald gekommen ist. Aber gerade die Geschichte derer, die nie weiter kamen, kommt zu kurz. Sie wird überspült von all den Tricks einer geschmierten Satzmaschine, die dann eben doch ein Ziel hat: (gute) Unterhaltung.“

Ich weiß, ich bin ja selbst schuld, ich hätte mir denken sollen, dass das kein Buch für mich ist. Einige skurrile Dialoge, ein paar gelungene Formulierungen und Figuren, die eher Karikaturen ähneln, eine Geschichte, die man auch nicht einen Moment lang glauben kann und soll, ein Humor, der für mich in Klamauk umkippte, das kam mir vor wie jemand, der mir eine Stunde lang versucht, einen Witz zu erzählen, bei dem ich am Ende nicht einmal lachen muss.

Eine interessante und faire Besprechung gab es noch von Wiebke Poromka in der Taz am 13. Dezember 2008.

Wer noch eine Besprechung lesen möchte von jemandem, der sehr angetan von dem Buch war, dem empfehle ich den Blog Schöne Seiten.

6 thoughts on “Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China (2008)

  1. Liebe Anna,
    es tut mir leid, dass deine erste Annäherung an Rammstedt scheinbar etwas missglückt geendet ist. Ich habe von ihm ja vor kurzem sein neuesten Roman „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ gelesen und war unheimlich angetan. Weniger von den skurrilen Momenten, sondern viel mehr von der traurigen Schwere des Buches, die mich unheimlich erreichen konnte. Den Kaiser von China kenne ich noch nicht, aber Caterina von SchöneSeiten hat ihn bereits sehr positiv besprochen. Ich bin gespannt, wie mir das Buch gefallen wird. Im Moment stecke ich noch mitten in Bodo Kirchhoffs dickem Roman, danach kann ich mich aber auch anderen Leseprojekten zuwenden.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Hallo Mara, danke für deine netten Worte. Ja, „missglückt“ ist wohl das richtige Wort. Ich hatte auch noch ein wenig deine Besprechung im Ohr und fand die Idee mit Bruce Willis so angenehm skurril, dass ich ganz frohgemut an die Lektüre ging. Aber gerade mit dem, was man als witzig, komisch, skurril empfindet, ist das vermutlich so eine Sache. Ich bin jetzt ein bisschen „verschreckt“🙂 und werde mich erst mal anderen Autoren zuwenden. Auf deine Kirchhoff-Besprechung bin ich schon gespannt! Viele Grüße aus der winterlichen Provinz. Anna

  2. Ursprünglich habe ich ja die Bedenken zu Tilman Ramstedt gehabt, die auch Anna in ihrer Besprechung geäußert hat (zu skurril). Nach den so schönen und positiven Besprechungen von Mara und Caterina habe ich aber doch gedacht, auch zu Tilmann Ramstedts Romanen greifen zu müssen. Nun, nach der Lektüre von Annas Rezension bin ich wieder etwas weniger optimistisch, ob das die richtigen Romane für mich sind, es scheint darin ja doch sehr abgedreht zuzugehen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia, abgedreht ist der Roman auf jeden Fall. Allerdings gibt es auch Bücher, bei denen ich das total genossen habe und meinen Spaß hatte, z. B. bei den Büchern von Jasper Fforde über sein literarisches Paralleluniversum. Aber das Buch von Rammstedt ist ja durchaus in der „realen Welt“ angesiedelt und mir war das dann irgendwann zu „dünn“, zu belanglos. Aber auf Inhalt und Humor des Buches reagieren Leserinnen und Leser einfach sehr unterschiedlich, siehe die faire Besprechung in der TAZ oder die Bloggerinnen, die du schon erwähnt hast. Ich bin jedenfalls gespannt, ob ein Buch von Rammstedt jetzt doch auf deine Leseliste kommt. Viele Grüße, Anna

  3. Dass nicht jeder etwas mit Rammstedts Humor anfangen kann, finde ich nachvollziehbar. Er ist doch sehr skurril und driftet mitunter ins Absurde – für manch einen ist das wahnsinnig geistreich, für den anderen einfach nur klamaukhaft. Aber ich gebe Mara recht darin, dass das Besondere an Rammstedt nicht so sehr der Witz ist, sondern diese kluge Verknüpfung zwischen Skurrilität und Melancholie, zwischen vergnüglichen, rasanten Passagen und solchen, die eher stiller sind, tiefgründiger. Gerade diese Mischung gefällt mir besonders gut, das gilt für den Bankberater genauso wie für den Kaiser. Mich haben beide Romane bestens – und auf hohem Niveau – unterhalten, was will man mehr. Schade, dass das bei dir nicht der Fall war. Aber wie du schon sagst: Auf Humor reagieren die Leute sehr unterschiedlich, und das ist vollkommen in Ordnung so. Jedes Buch findet seine Leser.

    Liebe Grüße,
    caterina

    PS: Vielen Dank für die Verlinkung.

    • Hallo Caterina, schön, dass du – völlig zu Recht – noch einmal auf die melancholischen und ruhigeren Töne im Buch hinweist. Deine Besprechung habe ich sehr gern verlinkt, denn gerade verschiedene Sichtweisen finde ich anregend, weil sie mich herausfordern, nicht nur meine Sicht wahrzunehmen. LG Anna

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