Vea Kaiser: Blasmusikpop (2012)

Alle Holzfäller schworen, sie hätten jenen Stammrutsch, der Johannes Gerlitzen zu Sommerbeginn 1959 die Schulter ausrenkte und den rechten Arm brach, nicht kommen sehen. Zu Johannes‘ Glück waren es nur fünf gefällte Fichten – Äste und Zweige waren bereits abgeschlagen -, die so schwer auf dem feuchten Waldweg lasteten, dass dieser abrutschte.

So beginnt das aberwitzig-gute Romandebüt einer Autorin, die bei Erscheinen des Buches 23 (!) Jahre alt war.

Vea Kaiser: Blasmusikpop (2012)

Zum Inhalt

Johannes Gerlitzen wird nun also von den anderen Männern nach Hause gebracht, mit dem ortstypischen Starrsinn lehnt er es ab, einen Arzt aus der Stadt kommen zu lassen. Unter Zuhilfenahme einer kompletten Schnapsflasche wird ihm die Schulter eingerenkt und der Arm geschient. Dabei geraten die Männer in Streit.

Erst als Elisabeth [die Frau Johannes] einen Kübel Brunnenwasser über ihnen ausgoss, ließen sie voneinander ab. Seit sie Kinder waren, ging das so, und Elisabeth hatte, da sie unmittelbar neben den Ötschs wohnten, immer einen Kübel kalten Wassers parat. Am Gartenzaun standen fünf davon. (S. 12)

Johannes ist auf längere Zeit nicht in der Lage, seiner Arbeit als Holzschnitzer nachzugehen und vertieft sich stattdessen in die Bestände der kleinen Gemeindebibliothek in seinem abgelegenen Bergdorf in den Alpen. Diese Lektüre hat ungeahnte Folgen: Er findet seine große Leidenschaft, die Wissenschaft, und beschließt, Frau und Kind zurückzulassen, in die Hauptstadt zu reisen und dort Doktor zu werden.

Für die Dorfbewohner, die ihn davon abhalten wollen, sich in die feindliche Welt der „Hochgeschissnen“ hinauszuwagen, steht fest: Johannes ist verrückt geworden. Doch nichts kann ihn umstimmen, und so und marschiert er einfach mal los.

So kann nun eine furiose Familien- und Dorfgeschichte über drei Generationen ihren Lauf nehmen, über die ich gar nichts weiter verraten möchte, weil ich jeden beneide, der diese Fülle an Geschichten, Lebensfreude, Menschenfreundlichkeit, eigenwilligen Figuren und unbekümmerter Situationskomik noch vor sich hat.

Fazit

Zunächst war ich unsicher und befürchtete, dass das Ganze wie eine hübsche Seifenblase nicht wirklich für fast 500 Seiten reichen würde. Es schien sich zunächst in einer launigen Dorfchronik zu erschöpfen, die über die wenigen traurigen Stellen rasch und nicht wirklich überzeugend hinweghuschte.  Und die quasi-wissenschaftlichen Exkurse des Enkels von Johannes zur Geschichte St. Peters fand ich manchmal arg erschöpfend. Dieser hat sich seinen Helden Herodot zum Vorbild genommen, um das Leben der „Bergbarbaren“, wie er seine Mitbürger freundlich-spöttisch nennt, zu erforschen.

Aber das Gegenteil passiert. Die lange Vorgeschichte passt am Ende wunderbar zu der Geschichte des Enkels, der seine liebe Not hat, mit seiner Herkunft aus dem Dorf der Barbaren zurande zu kommen; einem Dorf, das sich jedem Kontakt mit höherer Schulbildung, Hochsprache und Zivilisation so weit wie möglich entzieht und seine eigenen Regeln und Gepflogenheiten hat. Und das Ende des Buches ist so köstlich, dass ich selbst als kompletter Fußballmuffel kurz davor war, mein Herz für den Fußball zu entdecken.

Johannes, der Enkel, durchlebt seinen ganz eigenen Bildungsroman und er zeigt, dass wir erst dann sinnvoll in die Zukunft gehen können, wenn wir Frieden mit unserer Herkunft geschlossen haben, vielleicht sogar die Blindheit ablegen können, mit der wir diese bisher betrachtet haben.

Im Gegensatz zu Sigrid Löffler, die dem Buch eine naive Feier des Hinterwäldlertums unterstellt, halte ich den Roman für eine anregende Auseinandersetzung mit der Frage, was Provinz und Heimat für uns bedeuten. Sigrid Löffler schreibt:

Vea Kaiser ist eine opulente Fabuliererin; sie schwelgt in skurrilen Details und kann sich gar nicht genug tun, die Schrullen der kauzigen Dörfler genüsslich und liebevoll auszumalen. Sie ist auch eine begnadete Ausblenderin großer Realitätsbereiche, die ihr nicht ins Harmonisierungskonzept passen. Ihr positives, gänzlich unproblematisches Heimatbild lässt sie sich nicht trüben, auch nicht dadurch, dass ihre Dörfler alle Erscheinungsformen der urbanen Moderne ablehnen. Eine kritische oder auch nur ironische Distanz der Erzählerin zur Zivilisations- und Bildungsfeindlichkeit der Dörfler ist nirgends bemerkbar. Im Gegenteil. Es herrscht ein wohliger Ton heiteren und behaglichen Einverständnisses mit jedem noch so plumpen Zeichen der demonstrativen Rückständigkeit der Dörfler. (Kulturradio vom rbb, 13. August 2012)

Als Beispiel für die Tumbheit der Dorfbewohner führt Löffler ihre angebliche Technikfeindlichkeit an, ihre Ignoranz gegenüber Internet, Facebook und Handys. Sie hat dabei leider übersehen, dass gerade Johannes, der einzige Gymnasiast, der Verehrer Herodots, der Anhänger der „Zivilisation“ in diese Techniken erst durch seine neugewonnenen Freunde im Dorf eingeweiht werden muss.

Überhaupt ist gerade das eine der Stärken des Buches, dass Kaiser Schwarzweiß-Malerei vermeidet. So wenig wie sie das Misstrauen der Dorfbewohner gegenüber der Welt da draußen verschweigt, so offen bleibt am Ende auch, ob die nun denkbare Öffnung z. B. gegenüber dem Tourismus nun wirklich das Gelbe vom Ei sein wird. Und Löfflers Vorwurf der Ironiefreiheit lässt mich zweifeln, ob wir überhaupt das gleiche Buch gelesen haben.

Viel eher könnte man an Kleinigkeiten herummäkeln, am Titel, an sprachlichen Patzern wie „senile Altersbettflucht“ oder Metaphern, die wiederholt werden, oder daran, dass Simona, die im letzten Teil des Romans eine entscheidende Rolle spielt, ein bisschen zusammenkonstruiert wirkt. Aber ehrlich gesagt, das ist völlig unerheblich, ich war nach den 479 Seiten enttäuscht, dass der Roman schon zu Ende war, und wäre auch noch die nächsten dreißig Jahre den Leuten in St. Peter am Anger treu geblieben.

Sollte es also wider Erwarten noch einige wenige Menschen in der Nische der Bücherblog-LeserInnen geben, die das Buch nicht kennen: eine begeisterte Leseempfehlung von mir. Hier noch ein Interview mit Vea Kaiser, das Video-Porträt auf YouTube und ihr Gespräch mit Denis Scheck in der Sendung Druckfrisch vom August 2012.

Und für das Buch verweise ich gern auf weitere Besprechungen, z. B. auf den Blogs von deepread,  lesewelle und buzzaldrins. Dort findet man auch ausführlichere Informationen zum Inhalt.

Allgäu0045

14 thoughts on “Vea Kaiser: Blasmusikpop (2012)

    • Danke für deinen Hinweis. Ich verlinke deine Besprechung gern direkt im Artikel, in Ordnung? Ja, das Buch hat mir immer mehr Spaß gemacht, sodass ich am Ende gar nicht mehr „aussteigen“ mochte. Noch einen schönen Ostermontagsabend. Anna

      • Gern geschehen, ich habe deinen Artikel sehr gern verlinkt. Das habe ich auch schon überlegt, wer so ein Debüt hinlegt, der muss sich wahrscheinlich – falls das überhaupt möglich ist – von allen Erwartungen und allem Druck freimachen. Aber gespannt bin ich schon sehr, was sie als nächstes veröffentlichen wird. LG Anna

  1. Liebe Anna,
    ich fühle mich sofort und auf der Stelle „erwischt“, denn ich habe den Roman, trotz der vielen begeisterten Besprechungen in der Blogwelt noch nicht gelesen! Und jetzt fängst Du auch noch an und machst mir mit Deinem schönen Text den Mund so wässrig. – Ich ergebe mich jetzt auch: Der Titel kommt auf jeden Fall auf meine Lese-Wunschliste, vielleicht liegt ja am kommenden Wochenende in meinem Lieblingsbuchladen noch ein Exemplar herum. Hier wird man vielleicht verführt…
    Liebe Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      ja, das kenne ich auch, kicher, da will man die Zahl der Neuerwerbungen ein bisschen drosseln oder zeitweise mal gegen Null fahren und dann wird man an der Stelle erwischt, an der man leider, leider keinen Widerstand mehr leisten kann. – Ich war bei diesem Buch sogar ein bisschen skeptisch, da ich Rammstedts „Der Kaiser von China“ so enttäuschend flach fand und der auf Blogs doch auch sehr empfohlen wurde. Humor ist schon etwas sehr Individuelles, aber „Blasmusikpop“ ist eben nicht nur witzig (manchmal auch zum Quitschen komisch), sondern auch eine tolle Geschichte, übers Erwachsenwerden, über Dorfgemeinschaft, Heimat und Provinz. Schon auch ein bisschen Heile-Welt, aber unendlich liebenswürdig. Ich bin schon neugierig, was du zu dem Buch sagen wirst. Liebe Grüße, Anna

      • Spätestens in den Sommerferien werde ich es lesen, ganz bestimmt. Dann passt es gut in die Umgebung, denn wenn ich vom Buch aufschauen werde, werde ich Berge und Täler sehen und kleine Dörfer. Liebe Grüße, Claudia

  2. Hallo Anna,
    ich sitze hier und grinse, weil ich mich so sehr darüber freue, dass dich Blasmusikpop auch verzaubern konnte. Mich hat Vea Kaiser ganz schön und auch nachhaltig begeistert mit ihrem Debütroman, ich finde es immer noch erstaunlich, dass sie bei dem Erscheinen erst 23 Jahre alt gewesen ist.
    Ich freue mich schon sehr auf ihr nächstes Buch, an dem sie ja bereits arbeitet und auch auf die Verfilmung bin ich schon gespannt.

    Liebe Grüße
    Mara

      • Oh, bestimmt wird sie das – ich hoffe zumindest. Vea Kaiser hat ja, soweit ich weiß, die Regisseurin selbst ausgewählt, die nicht nur noch recht jung ist, sondern auch noch nie einen solchen langen Film gedreht hat. Ich bin auf jeden Fall gespannt!🙂

    • Hi, da du auf deinem Blog geschrieben hast, dass du gern Bücher übers Erwachsenwerden liest, würde auch dieser Aspekt für das Buch sprechen🙂 Viele Grüße aus der eisigen Provinz Anna

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