Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

Nu lass du den doch auch mal ran, murmelt der alte Mann und schlägt mit seiner Linken nach dem flatterhaften Vogel. Is nich alles für dich! Hier kriegt jeder was ab, nich nur die Großen. Auf dem Rücken seiner rechten Hand wippt fett ein Spatz und sticht mit seinem Schnabel nach dem Krümel Brot in seiner linken.

So beginnt das Romandebüt des 1948 am Starnberger See geborenen Schauspielers und Schriftstellers

Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

Das Buch, das vom Spiegel als ein „Ereignis“ bezeichnet wurde, ist so etwas wie ein Gegenroman zu Blasmusikpop von Vea Kaiser. Hier ist der Blick auf Heimat, auf Provinz, genauer auf einen Hof und eine Gaststätte an einem See in Bayern nicht mehr liebevoll-ironisch, sondern ernüchtert und zutiefst pessimistisch.

Aber jetzt zum Inhalt

Den Rahmen des Romans bildet die Geschichte Viktors, des Knechts, den es nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bayern verschlagen hat und der nun die Geschicke der Seewirtsfamilie aus nächster Nähe beobachten kann. Zu Beginn des Romans füttert Viktor die Spatzen und zu dieser Szene kehren wir am Ende des Buches zurück. Zwischen diesen beiden Punkten begleiten wir über ca. 100 Jahre die Familien des jeweiligen Seewirts vom Vorabend des Ersten Weltkrieges bis 1984.

Mit den allmählich zahlreicher werdenden Sommergästen wird zunächst der Grundstock zu einem bescheidenen Wohlstand gelegt.

Mit den Gästen kam ein wenig Weitblick. Sie kamen in den kleinwinkligen Häusern so nahe heran, dass man ihnen nicht mehr auskommen konnte. Man machte ihnen Platz, wo es ging. Wo es nicht ging, saß man mit ihnen zusammen und hörte zu. Und langsam sickerte die Welt hinein, wo vorher Dunst und Erde war. (S. 15)

Im Zentrum steht vor allem die Familie der zweiten Generation: Pankraz, der seinen Traum auf eine Opernkarriere aufgeben muss, um die elterliche Seewirtschaft zu übernehmen, da sein Bruder nach einer Schussverletzung im Ersten Weltkrieg verrückt geworden ist. Der junge Seewirt heiratet seine Jugendliebe Agnes, doch seine Frau ist seinen ekelhaft rechthaberischen Schwestern ein ewiger Dorn im Auge, daran ändert auch die Geburt von drei Kindern nichts. Von diesen wiederum erfahren wir nur Näheres über Semi.

Immer wieder richtet sich der Blick des Erzählers auf die Scheinfrömmigkeit, die Fassade der Wohlanständigkeit, den Biedersinn, hinter dem sich Abgründe auftun. Weil gar nicht sein kann, was nicht sein darf, erklären die Eltern kurzerhand, dass der junge Semi sich den sexuellen Missbrauch im katholischen Internat nur einbildet. Er möge bitte nicht mehr davon reden. Und nach den großen Ferien muss das traumatisierte Kind wieder zurück in die Hölle.

Aber auch die Knechte, Mägde, die Sommergäste und die Flüchtlinge, die nach 1945 in die Gegend kamen, haben ihre Auftritte. Dabei entstehen aber keine vollständigen Charakterbilder, sondern eher Schnappschüsse von Typen oder wie Iris Radisch in ihrem Lesetipp sagt, von vormodernen Menschen, die ihr Leben lang am selben Ort blieben und sich noch nicht als Individuum mit einem eigenen Lebensentwurf verstünden.

Wir erfahren, wie die Dorfbevölkerung auf die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg reagiert, wie die ersten Fernsehgeräte Einzug ins Dorf halten und wie die Einheimischen ihre Ressentiments gegen die Flüchtlinge irgendwann auf die wachsende Zahl der „Gastarbeiter“ übertragen.

Die Gesellschaft wandelt sich: Im Wirtschaftswunderland bricht die junge Generation mit altehrwürdigen Traditionen. Und die Sommergäste von einst sind zu Touristen geworden, die das ganze Jahr anreisen und deren Verhalten immer freizügiger wird. Als die ersten Touristen „oben ohne“ oder ganz nackt die Liegewiese belagern, weiß sich ein Bauer zunächst noch zu helfen und gießt kurzerhand Gülle um die ausgebreiteten Handtücher. Doch nach und nach setzt sich der Kapitalismus durch und man erkennt, wie viel Geld mit dem zunehmenden Gästestrom zu machen ist, dafür enteignet man auch schon mal die Besitzer attraktiver Seewiesengrundstücke.

Fazit

Bierbichler schafft es, eine ganz eigene und unverbrauchte Sprache für seinen Anti-Heimatroman zu finden. Manchmal allerdings störte mich die Allwissenheit des Erzählers, uns wird genau gesagt, wie die Menschen zu sehen und zu beurteilen sind, ohne dass das immer so den Menschen abzuspüren ist. Das kann auch manchmal ins Holzschnittartige abgleiten. Oft werden wesentliche Dinge oder längere Zeitabschnitte nur kurz rekapituliert, dann wieder stehen die Protagonisten quasi im Scheinwerferlicht auf der Bühne und haben ihren Auftritt.

Dabei ist Bierbichler nicht zimperlich, es gibt eine Passage, bei der man sich kurzzeitig in einen Splatterfilm versetzt sieht: Man findet die Leiche des Paters, der die Jungen im Internat missbraucht hat, auf äußerst unschöne Weise auf, man könnte auch sagen, fachmännisch zugerichtet. Semi, der Seewirtssohn, hatte kurz vorher noch bei einer Hausschlachtung assistieren müssen. Realität oder eine surreale Rachefantasie des Opfers?

Im Mittelreich zwischen Gut und Böse, Diesseits und Jenseits – auch so lässt sich der Titel lesen – geschehen Dinge, die in ihrer Grausamkeit keiner klassischen Sage nachstehen. Es wird gemordet, geschlachtet, geliebt, es treten Hermaphroditen, tragische Helden und Chöre auf. Doch geordnet nach klassischem Maßstab ist hier nichts. Auch wenn chronologisch einigermaßen stringent 80 Jahre Deutschland erzählt werden: Die Handlung erinnert an die braun getönten Wimmelgemälde von Bosch und Breughel, denn die Szenen stehen um kein Zentrum, sondern spielen auf vielen kleinen Bühnen ihre Tragödien durch. (Kathrin Schumacher, Deutschlandradio)

Für mich am interessantesten: Bierbichlers Blick auf die Natur des Menschen. Da gibt er sich keinen Illusionen hin: Anhand von scheinbar belanglosen Gesprächen und gedankenlosem Stammtischgerede macht er die politische Einstellung der Bewohner, ihre Verdrängung der Geschichte und ihre tief sitzenden Vorurteile, ihre Unbelehrbarkeit deutlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es vom Seewirt lapidar, er könne sich an Details des Krieges nicht weiter erinnern und „wünsche nicht länger danach gefragt zu werden. Ende.“ (S. 67/68)

Nur wenn beim Wirt alle Vorhänge schon zugezogen waren und kein Fremder mehr in der Gaststube saß, wenn genug Bier und ein paar Schnäpse die weichen Birnen noch weicher hatten werden lassen und die Sehnsucht nach Rechtfertigung des Gewesenen noch sehnsüchtiger geworden war – dann war auch in den letzten Jahren schon hie und da etwas von der trotzigen Aufsässigkeit zu spüren, die dem aufgepfropften Schuldgefühl mannhaft Paroli zu bieten bereit war, das alle haben sollten, wenn es nach den Besatzern gegangen wäre, aber keiner so richtig spüren konnte und wollte, der trotz allem unverbogen und standhaft geblieben war. Wenn alles passte und die richtigen Leute beieinandersaßen, dann war es ein Leichtes, den verlorenen Krieg noch einmal genau durchzugehen und nachträglich zu gewinnen. Und auch, wen der Führer und seine Mannen vergessen hatten damals, als die Zeit drängte und nicht mehr alles erledigt werden konnte, was noch zu erledigen gewesen wäre – das alles kam an solchen verschwiegenen Abenden zur Sprache und beschäftigte die Köpfe auch dann noch, wenn sie schon wieder nüchtern waren. (S. 150/151)

Nur Tucek, der tschechische Tagelöhner, wehrt sich nach dem Krieg gegen dämliche Nazisprüche und formuliert so etwas wie einen Appell, der immer und überall gilt:

Früher ihr immer habt gesagt: Nix wissen! Alle Deitsche. Und dann habt ihr doch was gewusst. Und jetzt ihr redet wieder, ohne was zu wissen. Also was? Hast du gewusst was, oder hast du nix gewusst. Wenn du nix hast gewusst, dann frage. Geh und frage! Aber rede nicht Quatsch. (S. 182)

Doch der Seewirt will sich von einem einfachen Knecht keine Vorwürfe machen lassen. Unverschämtheiten werde er an seinem Tisch nicht länger dulden.

Auch die anderen nicken murmelnd zu des Seewirts klarer Sprache und zeigen damit an, dass der Teppich, der das unter ihn Gekehrte bisher deckte, noch immer tadellos den Heimatboden ziert. (S. 184)

Am Ende bin ich zwiegespalten: 392 Seiten und keine einzige sympathische Hauptperson, alle verstrickt in ihre Schwächen, Bosheiten und blinden Flecken. Das sorgt für eine betrübliche Lektüre.

Doch auf der anderen Seite ist diese fast ein Jahrhundert überspannende Chronik faszinierend. Die Geschichte sichtbar gemacht an einer allmählich zerbröckelnden Familie. Sperrig, wuchtig und von einem Menschenkenner erzählt, der für die menschliche Natur nur noch Spott und wenig Hoffnung hat. Der vorletzte Satz des Romans lautet:

Die Erde ist keine Heimat.

Hier findet man ein Interview aus dem Spiegel mit Bierbichler.

9 thoughts on “Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

    • Hallo B.ee, „Mittelreich“ könnte man wirklich gut in Verbindung mit „Blasmusikpop“ lesen. Aber egal, was auf deiner Leseliste weit oben steht, viel Freude damit. LG Anna

  1. Ich habe das Buch im Regal stehen, weil ich es mir vor einiger Zeit aus einem spontanen Impuls heraus gekauft habe. Gelesen habe ich es aber noch nicht, deine Rezension hat es mir nun aber zurück ins Gedächtnis gerufen. Nächste Woche liest Josef Bierbichler aus diesem Roman in Bremen vor und ich freue mich schon sehr darauf, dort hin gehen zu können. Danke für die schöne Einstimmung auf die Lesung durch deine Besprechung.🙂

    • Oh, das ist ja toll, dass du Bierbichler live hören kannst, er ist sicherlich der ideale Sprecher für diese Lesung. Und ich bin sehr gespannt, wie dir Lesung und dann vielleicht auch das Buch gefallen werden. Auf jeden Fall wünsche ich dir eine anregende Veranstaltung. LG Anna

  2. Zu der Lesung würde ich ja auch gerne gehen! Es ist bestimmt toll, den Autor selbst zu hören, zumal er ja auch Schauspieler ist.
    Deine Besprechung, liebe Anna, hat mir auch gut gefallen, vor allem🙂 weil ich, wegen Deiner ehrlichen Zwiegespaltenheit, mich dann erst einmal an“Blasmusikpop“ halten werde (liegt auch schon auf dem Stapel, im Moment sind nur alle Romane so dick) und die dunklen und unsympathischen Seiten der Menschen dieses Romans – für den Moment zumindest – erst einmal meiden werde.
    Liebe Grüße, Claudia

  3. Hallo Claudia, ja, schade, dass Bremen nicht gerade um die Ecke liegt, sonst hätte man einen kleinen Bloggerinnenausflug veranstalten können🙂 Geht mir auch so, dass manchmal das eher Dunkle und Unsympathische nicht passend ist. Mir geht es gerade so, dass ich arbeitsbedingt am liebsten nur „leichte“, unterhaltsame Bücher lesen möchte. Und dann bin ich unzufrieden, weil es mir doch wieder zu seicht ist… Dir einen guten Wocheneinstieg und viele Grüße, Anna

  4. Ich habe Mittelreich irgendwann abgebrochen – ja, ich bin ja jetzt auch nicht die Leserin nur leichter Romane – mir war aber dieses düstere, bayerische, hinterwäldlerische Bild zu dunkel. Wobei es, wie ich den Erzählungen meiner niederbayerischen Großmutter entnehmen konnte, durchaus der Realität entsprach – aber vielleicht auch deshalb konnte und wollte ich nicht weiterlesen.

    • Schön, dass du ein wenig durch den Blog stöberst! Ja, das Unterschiedliche in den Leseeindrücken ist doch großartig, wobei wir sogar wieder bei dem Thema wären, wie viel wir von uns selbst auf unseren Blogs preisgeben, eigentlich pausenlos… Und ich fand „Hals der Giraffe“ viel dunkler und kaum zu ertragen. Das Düstere, Biestig-Verknöcherte schon künstlich und für mich ohne Erkenntnis- und ohne Unterhaltungsgewinn. Während „Mittelreich“ immer mal wieder Passagen hatte, die mich bei der Stange hielten. Und gerade das Weiterwirken von Ressentiments im Untergrund, sozusagen hinter den verschlossenen Vorhängen, nach dem Zweiten Weltkrieg fand ich grandios eingefangen. Und dass der steigende Wohlstand die Menschen nicht liebenswürdiger oder zufriedener gemacht hat … Aber zu meinen Lieblingsbüchern gehört es sicherlich nicht. Dir einen schönen Abend und einen sonnigen Freitag. LG Anna

      • Persönliches preisgeben: Unbewußt sicherlich. Waren es doch diese Ressentiments, die mich an Mittelreich so abstießen, weil ich deren Wirkung familiär erfahren habe. Schalansky war dagegen vielleicht eher zu verdauen, da ja auch der Osten, aber auch das Biotop Schule für mich weit weg sind. Wie auch immer – auf die Sonne morgen freue ich mir auch, wünsche Dir dasselbe. Birgit

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