Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936)

The day before the disaster, Iris Carr had her first premonition of danger. She was used to the protection of a crowd, whom – with unconscious flattery – she called ‚her friends“. An attractive orphan of independent means, she had been surrounded always with clumps of people. They thought for her – or rather, she accepted their opinions, and they shouted for her – since her voice was rather too low in register for mass social intercourse.

So beginnt ein lesenswerter kleiner Roman (218 Seiten), der mit dem Etikett „Kriminalroman“ nur unzureichend beschrieben wäre:

Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936), ursprünglich unter dem Titel The Wheel Spins veröffentlicht

Das Buch weist einige Parallelen mit Rebecca von Daphne du Maurier auf. Nicht nur sind die beiden Bücher in den dreißiger Jahren erschienen und von Hitchcock verfilmt worden (deshalb der neue Titel), beide weisen auch auf interessante und durchaus beunruhigende Fragestellungen hin.

Iris Carr ist zu Beginn keineswegs eine Protagonistin, die sofort das Herz des Lesers gewinnt. Sie ist Mitläuferin in einer unbekümmerten und finanziell sorglosen Horde junger Briten, die irgendwo auf dem Kontinent in Osteuropa ihren Urlaub verbringen und allen anderen Gästen durch ihre Arroganz und Rücksichtslosigkeit gehörig auf die Nerven fallen. Ein Gruppen-Phänomen, das man bis heute beobachten kann:

The crowd had gloried in its unpopularity, which seemed to it a sign of superiority. It frequently remarked in complacent voices, ‚We’re not popular with these people,‘ or ‚They don’t really like us.‘ Under the influence of its mass-hypnotism, Iris wanted no other label. (S. 22 der Taschenbuchausgabe)

Nach einem Streit mit einigen ihrer ‚Freunde‘ beschließt Iris, die Heimreise erst zwei Tage später als die anderen anzutreten. An ihrem letzten Tag jedoch verläuft sie sich in den Bergen und ist das erste Mal auf sich allein gestellt, eine ganz ungewohnte Erfahrung für sie.

Doch das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sie auf der ersten Etappe der Heimreise, der langen Zugfahrt bis Triest, durchmachen muss. Geschwächt durch einen Hitzschlag schafft sie es erst in der letzten Minute, überhaupt noch in ein Abteil zu gelangen. Dort herrscht eine frostige Stimmung, nur eine britischen Gouvernante in mittlerem Alter kümmert sich ein bisschen um die junge Frau und gemeinsam gehen sie zum Tee ins Zugrestaurant. Zwar redet Winifred Froy zu viel, doch ist sie dabei hilfsbereit und aufmerksam. Sie gibt Iris ein paar Aspirin gegen ihre Kopfschmerzen und Iris ist froh, ein wenig schlafen zu können.

Doch als Iris aufwacht, sind Miss Froy und ihr Gepäck wie vom Erdboden verschwunden. Iris, das haben die ersten Kapitel ja deutlich gemacht, ist eigentlich niemand, der sich allzu viele Gedanken um andere Menschen macht, doch ihre zunächst nachlässige Suche nach Miss Froy steigert sich allmählich zu ernstlicher Besorgnis, Panik, ja fast Hysterie, und zwar vor allem deshalb, weil außer ihr angeblich niemand die kleine unauffällige Dame im Tweedkostüm gesehen hat. Und so wird die Sorge um das Verschwinden der Frau eng mit der Frage verknüpft, ob Iris auf ihrer eigenen Wahrnehmung beharrt. Oder soll sie nachgeben und den Einflüsterungen Glauben schenken, die ihr einreden wollen, dass sie durch den Sonnenstich ein bisschen durcheinander sei und phantasiert habe. Hätte sie sich Miss Froy nur eingebildet, könnte sie ihrer eigenen Wahrnehmung nie wieder trauen und müsste Angst haben, verrückt zu werden. (Man denke an die Konformitätsstudien von Solomon Asch.)

Gleichzeitig erfahren wir auch, warum einige der anderen Mitreisenden verneinen, je Miss Froy gesehen zu haben. Was steht uns näher, das Wohl einer völlig Unbekannten oder unsere eigenen Sorgen und die potentiellen Unannehmlichkeiten, wenn man sich in fremde Angelegenheiten mischt?

Hier haben wir es nicht mehr ausschließlich mit einem netten kleinen cozy mystery zu tun, zwar sind die Schurken noch arg holzschnittartig, doch die Untertöne sind zu dunkel, zu ernsthaft und der Leser spürt, es hätte wirklich alles auch ganz böse ausgehen können. Das Happy End ist nur noch Zufall.

Von meiner Seite eine klare Empfehlung für eine Autorin, die laut Wikipedia in den dreißiger und vierziger Jahren zu den bekanntesten Crime Writers in Großbritannien und Amerika gehörte. Und wer Interesse an der Hitchcock-Verfilmung hat, bitte hier entlang.

12 thoughts on “Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936)

    • Ja, Ingrid, so sehe ich das auch, das Buch ist dunkler, skeptischer in seinem Blick auf die Menschen als beispielsweise ein Agatha Christie, und gleichzeitig hat es eben diese Versatzstücke des cozies. LG Anna

  1. Danke für die Empfehlung, da ich bislang nur den Hitchcock-Film kannte. Die Autorin war mir bis heute gänzlich unbekannt.
    Herzliche Lese-Grüße von Stefan

    • Die Autorin war auch mir unbekannt, ich bin durch einen engl. Literaturblog auf sie aufmerksam geworden. Und jetzt werde ich mir den Film anschauen, der aber wohl wesentlich heiterer ausfallen soll als das Buch. LG Anna

      • Dankeschön Anna. Der Film ist eine unterhaltsame Mischung aus Komödie und Krimi. Und man kann schon sehr gut die Handschrift von Hitchcock´s späteren Filmerfolgen erkennen. Vielleicht auch interessant, zumindest aus der gleichen Zeit, kommt Dashiel Hammetts „Thin Man“ http://en.wikipedia.org/wiki/Nick_and_Nora_Charles , eine ebenso unterhaltsame Mischung aus Humor und Krimi und die Verfilmung(en) aus den 30er Jahren sind auch heute noch sehenswert.
        Liebe Grüße
        Stefan

      • Hallo Stefan, auch da habe ich noch eine Filmlücke:-) Aber ich erinnere mich, dass ich in dunkler Vorzeit mal einige Hammett-Krimis gelesen habe, aber Raymond Chandler gefiel damals noch besser. Gestern bin ich doch nur kurz dazu gekommen, mal in die englische Verfilmung reinzuschauen und war überrascht, die Atmosphäre im Buch ist gleich wesentlich dunkler. Und die Cricketfans gibt es im Buch gar nicht. LG Anna

  2. Wegen Deiner schönen und neugierig machenden Besprechungen habe ich im Moment riesige Lust, alte (Hitchcock-)Filme anzuschauen.
    Vielen Dank für die spannenden Anregungen🙂, Claudia

    • Hallo Petra, interessanterweise ist das Buch wohl viel dunkler als der Film, z. T. richtig alptraumhaft. Gestern hatte ich dann doch nur wenig Zeit und war überrascht über den komödienhaften Beginn der Verfilmung. Ganz weit entfernt von dem Beginn des Buches. Ein interessanter Wechsel zwischen Vorlage und Verfilmung, die ich mir unbedingt noch mal in Ruhe anschauen möchte. Ach, es gibt so viel zu tun. Leider stapeln sich auf meinem Schreibtisch gerade ganz andere Dinge. LG Anna

      • Ja, zumindest den Anfang des Films habe ich auch als eher heiter in Erinnerung, es wird dann aber noch spannend, doch nie alptraumhaft. Ich sollte mal die Vorlage lesen …

  3. Pingback: Blogbummel Juli/August 2015 | buchpost

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