Jane Austen: Emma (1815)

Emma Woodhouse, handsome, clever, and rich, with a comfortable home and happy disposition, seemed to unite some of the best blessings of existence, and had lived nearly twenty-one years in the world with very little to distress or vex her.

So beginnt einer der bekanntesten Romane der englischen Literaturgeschichte

Jane Austen: Emma (1815)

Zum Inhalt

Mit der für Austen typischen spitzen Zunge wird uns die Hauptperson gleich zu Beginn als eine junge Frau vorgestellt, die von zwei Gefahren bedroht sei:

The real evils indeed of Emma’s situation were the power of having rather too much her own way, and a disposition to think a little too well of herself; these were the disadvantages which threatened alloy to her many enjoyments. (S. 2 der schönen, in dunkelgrünem Leinen gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Emma, eine attraktive junge Frau, von ihrem verwitweten und wohlhabenden Vater verwöhnt, von einer intelligenten, aber vermutlich zu nachgiebigen Gouvernante erzogen, findet es selbstverständlich, bewundert zu werden und stets ihren Willen zu bekommen. In dünkelhafter Überheblichkeit weiß sie genau, was für alle anderen richtig ist. Sie macht nun die Bekanntschaft der 17-jährigen Harriet.

Harriet ist – ein enormer Makel in der damaligen Gesellschaft – unehelich geboren und niemand weiß, wer ihre Eltern sind. Sie ist ein wenig naiv und ihre Schulbildung und ihr Intellekt lassen zu wünschen übrig. Doch sie ist gutherzig, bescheiden und von Herzen dankbar für die Aufmerksamkeit, mit der sie von Emma bedacht wird.

Für Emma ist sonnenklar, dass ihre junge Freundin von einem „gentleman“ abstamme und viel zu gut für den jungen Farmer Robert Martin ist, zu dem sich Harriet hingezogen fühlt. Emma nimmt kein Blatt vor den Mund:

It would be a degradation. (S. 60)

Emma hat keine Skrupel, ihren Einfluss auf Harriet geltend zu machen, und erreicht tatsächlich, dass Harriet den Heiratsantrag Martins ablehnt und sich allmählich Hoffnungen auf den gesellschaftlich höher stehenden Pfarrer Mr. Elton macht. Und so nehmen die Verwicklungen ihren Lauf.

Emma muss dabei erkennen, dass sie – die sich so viel auf ihre Menschenkenntnis eingebildet hatte – nahezu alle ihre Freunde missverstanden und Motive und Verhaltensweisen falsch gedeutet hat. Und besonders Harriet ist die Leidtragende dieser Selbstüberschätzung und der daraus resultierenden Ratschläge.

With insufferable vanity had she believed herself in the secret of everybody’s feelings; with unpardonable arrogance proposed to arrange everybody’s destiny. She was proved to have been universally mistaken; and she had not quite done nothing – for she had done mischief. (S. 423)

Emma durchläuft einen charakterlichen Bildungsprozess, an deren Ende auch sie reif genug ist, zu erkennen, wer der richtige Partner für sie sein wird. Bei der damaligen Rolle der Frau war eine Eheschließung sicherlich von ganz anderer Bedeutung als heute, auch wenn Emma als wohlhabende Erbin unter keinem existenziellem Druck stand, unbedingt heiraten zu müssen.

Fazit: Unbedingt lesenswert

Austen wäre allerdings nicht Austen, wenn wir hier „nur“ einen gut konstruierten Liebesroman mit diversen Verwicklungen und Happy End-Garantie vor uns hätten.

Die Autorin ist eine Meisterin der Figurenzeichnung. Zwei Seiten genügen und man hat den Eindruck, mit den Figuren im selben Raum zu sitzen. Jede der Personen hat ihre eigene unverwechselbare Stimme. Man denke nur an die freundliche, aber einfältig-geschwätzige Miss Bates oder die snobistisch-plumpe Mrs Hawkins. Austens Dialoge, die wie mit einem Rekorder aufgezeichnet wirken, veranschaulichen nicht nur die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, sondern helfen dem Leser die Distanz von 200 Jahren nahezu mühelos zu überspringen.

Austen ist darüber hinaus auch die erste englischsprachige Autorin, die das Mittel der erlebten Rede unglaublich effektvoll einzusetzen verstand. Man hört ihren Protagonistinnen förmlich beim Denken zu.

Außerdem ist Austens Blick auf die menschliche Natur klar, unbestechlich und von manchmal beißender Ironie, auch wenn die grundlegenden Werte der damaligen Gesellschaft, wie die ungleiche Besitzverteilung, im Wesentlichen nicht in Frage gestellt werden. Als sich herausstellt, dass Harriets Vater „nur“ ein Kaufmann ist, muss Emma sich eingestehen:

The stain of illegitimacy, unbleached by nobility or wealth, would have been a stain indeed. (S. 493)

Die „Moral“, dass nur intellektuell ebenbürtige Partner eine glückliche Ehe führen können, war damals sicherlich noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Und in einem Punkt finde ich Austen nicht nur zeitlos, sondern hochmodern: Ihre Protagonisten plädieren für so etwas wie „elegance of mind“, einen taktvollen, höflichen Umgangston, der von Respekt geprägt ist und sich jeder Distanzlosigkeit verweigert.  Man spielt sich nicht auf und vermeidet alles Prahlen und Protzen. Man stellt einen anderen nicht bloß und macht sich nicht lustig über die, die weniger Geld oder weniger Geist haben. Und da wo es möglich ist, bietet man nachbarschaftliche Hilfe an und unterstützt die Armen, ohne sie zu beschämen.

Anmerkungen

Wer möchte, kann sich hier den Roman vorlesen lassen.

Und DruckSchrift hat gerade auf die passende Sekundärliteratur hingewiesen: die Biografie von Christian Grawe mit dem hübschen Titel Darling Jane. Damit stünde dann schon mal ein Titel meiner Sommerferienlektüre fest.

Eine weitere Besprechung findet man bei den Wortumdrehungen.

13 thoughts on “Jane Austen: Emma (1815)

  1. Eine schöne Rezension für eine wunderbare Autorin, die viel zu früh verstarb, mit 42 Jahren. Ihr Werk ist auch nach fast 200 Jahren immer noch unterhaltsam und lesenswert. Und nicht zu vergessen, ihr Humor. „Es ist mir unmöglich, etwas zu Papier zu bringen, wenn ich den Kopf
    voller Hammelknochen und Rhabarber habe.“ (Jane Austen in einem Brief an Cassandra)
    Liebe Grüße
    Stefan

    • Danke, dass du deinen Hinweis auf den besonderen und spitz-feinen Humor der Autorin sogar mit einem Zitat unterlegt hast. Sollte man sich die Briefe besorgen? Ich finde die Romane von Austen auch nach zwei Jahrhunderten zugänglicher als so manches, das uns zeitlich näher ist. Und dabei ist sie nie trivial. Auch dir einen schönen Abend und viele Grüße von Anna

      • Liebe Anna, danke Dir. Für mich ist Jane Austen auch eine feine Beobachterin gewesen und fleißige Briefe-Schreiberin dazu. Ich glaube, es gibt ihre kompletten Briefe nur im Original. Bislang sind nach meiner Erinnerung in Deutsch nur Auslesen ihrer Briefe erschienen. Die sind zwar ein guter Einstieg, befriedigen aber nicht wirklich. Darum empfehle ich die Englische Originalausgabe der „Jane Austen´Letters“. Ich denke, dass sie eine Sprache besaß, die auch heute noch modern ist. Für mich besaß sie ein Talent, die Probleme und Gefühle alltäglicher Charaktere zu schildern. Und das, wie Du richtig beschriebst, mit einer feinen Feder für Humor.
        Dir bitte auch den schönen Abend und beste Grüße von Stefan

      • Hallo Stefan, auf der einen Seite wären die Briefe schon sehr reizvoll, auf der anderen Seite steht dann immer die Frage, wie tief man bei einer Autorin, einem Autor eintauchen möchte. Und mein „Problem“: Es gibt noch so viele Bücher, die allein hier im Haus darauf warten, gelesen zu werden, sodass Austens Briefe erst einmal auf die ohnehin lange „Liste für später“ gesetzt werden🙂 LG Anna

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