Elisabeth Rynell: Schneeland (OA 1997; deutsche Ausgabe 2000)

Zuerst eine Erinnerung. Wir wohnten schon viele Jahre in Lappland. In einer kleinen Mulde in der Landschaft, die Wald und Berge offen gelassen hatten. Da warst du, da war ich, und dazu unsere Kinder. Sie waren klein damals.

So beginnt der Roman der schwedischen Lyrikerin und Autorin

Elisabeth Rynell: Schneeland (1997); im Original: Hohaj, ins Deutsche übersetzt von Verena Reichel

Zum Inhalt

Kapitelweise abwechselnd tauchen wir ein in zwei Geschichten. Da ist zum einen eine junge Mutter, die mitten in der Nacht einen Anruf vom Bezirkskrankenhaus bekommt. Nach einer scheinbar planmäßig verlaufenen Operation ist ihr Mann wenige Stunden später gestorben.

Auf einmal stand ich also auf einer endlosen Ebene aus Stille, in vollkommenem Schweigen. Die Stimme, die sagte: … und er starb um zweiundzwanzig Uhr und … Da gefror die Welt. Doch nur für einen Moment. Dann begann sie knackend und berstend in rasender Geschwindigkeit rückwärts zu taumeln, und alles wurde aus seiner Verankerung gerissen und hart ins Rückwärts gedreht, in den Schmerz hinein. Es zerriss, jeder Faden, jede Faser zerriss unter unbezwinglichen, wahnwitzigen Kräften. Rückwärts, rückwärts, gegen den Uhrzeigersinn, gegen den Uhrzeigersinn. (S. 13)

In den weiteren ihr gewidmeten Kapiteln denkt sie über die Geschichte ihrer Beziehung nach und das Wesen der Trauer. Zunächst reißt sie sich, sicherlich auch der Kinder wegen, zusammen:

Ich war stark. Ich war wahnsinnig stark. Doch die Stärke hatte nichts mit mir zu tun. Sie war nicht ich, sie war purer Wille: ein Tier, das ich in mir beherbergte. […] Nichts schwächt einen Menschen so sehr wie seine Stärke. Zum Schluss war ich so stark, dass ich einer ausgesogenen Schale glich. Einer verknöcherten Hülle für den Willen. (S. 52)

Doch die Verzweiflung sitzt zu tief: Irgendwann begibt sie sich – anscheinend ohne Proviant oder Ausrüstung – auf eine Art Pilgerschaft in die Weite der lappländischen Wälder.

Die Berge sind streng. Auf diese Weise gleichen sie der Vergebung. Von wo man sich ihnen auch nähert, sie bleiben stets genauso fern. Und nah. Zuweilen versinken sie vor einem, verschwinden ohne Erklärung. Dann türmen sie sich wieder vor einem auf, größer als je zuvor. Sie kommen nicht, wenn man sie ruft. Sie erhören kein Gebet. Sie sind auf andere Art. Ich bei dabei zu lernen. Nicht rufen, bitten, flehen. Nur still auf Antwort warten. Die Hoffnungslosigkeit betreten, als würde sie tragen. Wunder sind so still. Wie dünnes, dünnes Eis. (S. 30)

Die zweite Geschichte, die irgendwann die erste berührt, spielt ca. 50 Jahre früher, ebenfalls in Lappland. Aron, ein schweigsamer Mann, ist auf der Flucht, man weiß lange nicht, ob vor sich oder vor anderen. Er steht eines Abends hungrig und halb erfroren mit seinem großen Hund auf dem Hof von Helga und Salomon. Die nehmen ihn auf und akzeptieren ihn so, wie er ist. Er hilft bei der Arbeit und später wird er sogar von der Dorfgemeinschaft beauftragt, die Pferde des Ortes auf den Sommerweiden zu hüten. Dabei lernt er dann Inna kennen.

Inna, das erfahren wir schon früh, ist Halbwaise und lebt mit ihrem brutalen Klotz von Vater allein auf einem einsam gelegenen Hof, der von allen gemieden wird. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie all deren Pflichten zu erfüllen, nicht nur in Stall und Küche, sondern auch im Bett. Sie wird geschlagen und regelmäßig von ihrem Vater vergewaltigt.

Diese zwei versehrten Menschen, Inna und Aron, verlieben sich ineinander, ohne viele Worte, aber mit existenzieller Wucht.

Fazit

Mit diesen knapp über 200 Seiten habe ich mich schwergetan. Sie waren eine Mischung tiefer Trauer, poetischen und klugen Sätzen und einer scheußlich melodramatischen Handlungsführung.

Das Buch hat mich von der Stimmung her stark an Per Pettersons Sehnsucht nach Sibirien erinnert.

Rynell legt hier so etwas wie eine Versuchsanordnung über die Liebe vor, die ja immer an die Grenzen unserer Sterblichkeit rührt. Dass eine so tief verletzte Frau wie Inna mal eben die Liebe entdeckt, fand ich unglaubwürdig, die Verschränkung der zwei Geschichten war gekünstelt und das Ende sollte wohl dafür sorgen, dass wir nicht glauben, einen kitschigen Liebesroman vor uns zu haben. Aber, und es ist ein großes Aber:

Manche der Sätze waren weise, wunderschön und ganz offensichtlich selbst durchlitten. Man hörte noch in der Übersetzung die Lyrikerin, und diese Sätze würde ich am liebsten seitenweise zitieren. Sie stammen allesamt aus der Geschichte der jungen Witwe.

Lasset die Kindlein zu mir kommen, hat Jesus doch gesagt. Ich glaube, es ist wegen ihrer Fähigkeit, sich lieben zu lassen, dass den Kindern das Himmelreich gehört. Liebe empfangen zu können, wie man Regen empfängt, der auf einen fällt; sich erlauben, nass zu werden, obwohl man den Hahn nicht selbst geöffnet hat. (S. 210)

Auch der Schmerz braucht eine Heimstatt. Einen Ort, der nur ihm gehört, mit Gesichtern und Häusern, die erkennbar sind. Es muss Plätze für den Schmerz geben, Räume, Schneisen, lange Straßen. Leid ist eine Spur, die einen mitzieht, man muss ihr folgen, weiterkommen: Brücken über Gewässer, Steg über Moore, Wege im Weglosen. Fast wie eine Witterung ist diese Spur. Man muss ihr mit seinem ganzen Wesen folgen, konzentriert, aufmerksam. Nicht wegschleichen, nicht abweichen. Vielfältig sind die Gerüche. Wie wilde Sehnsucht oder wie hauchdünnes, hart gespanntes gräuliches Licht. Oft geht es bergab, hoffnungslos bergab, und das Leid ist verschlungen und sammelt sich in schwarzen Knoten. Aber das kann sich jederzeit ändern, es kann sich wie eine Sturmbö drehen, in einem Rausch. […] Fehlt dem Schmerz ein eigener Ort, ist er überall. Dann verwandelt er sich in einen Luftgeist, und es besteht die Gefahr, dass er aufquillt und über alle Grenzen wuchert. all die verschiedenen Schichten und Muster, aus denen er besteht, vermengen sich und werden ein und dasselbe. Und dasselbe ist ohne Farbe, dasselbe hat keine Schattierungen, keine Merkmale, keine Unterscheidungszeichen. Es ist ein Land, in dem man sich verirrt. (S. 229)

Das Buch wurde 2004 von Hans J. Geißendörfer verfilmt.

3 thoughts on “Elisabeth Rynell: Schneeland (OA 1997; deutsche Ausgabe 2000)

  1. Eine sehr schöne Besprechung, die mich vor der Lektüre des Buches eindringlich warnt. Angesichts des wachsenden Stapels an ungelesenen Büchern schätze ich das neuerdings sehr…
    Es hört sich so an, als ob dem Buch ein bisschen mehr Lektoratsarbeit vielleicht ganz gut getan hätte. Am Ende, darf man das sagen, ist es aber wohl so, dass mir der skandinavische Schwermut manchmal einfach auf den Keks geht… ich muss gestehen, ich ertrage das inzwischen nur noch, wenn es einhergeht mit einer Lars Gustafsson’schen Leichtigkeit.

    Den Film, den Geissendörfer schon 2004 daraus gemacht hat, habe ich nicht gesehen. Ob darin wohl die skandinavische Schwermut mit der deutschen Ernsthaftigkeit gepaart wird. Oh, ich bin heute wohl ein wenig sarkastisch-destruktiv aufgelegt, ich glaube, das liegt an der anstehenden Steuererklärung.
    Meine Anfangsbemerkung meinte ich übrigens ganz ernst (da isser wieder). Ich bin immer froh, wenn nicht alles so über den grünen Klee gelobt wird.
    Liebe Grüsse, Kai

    • Hallo Kai,
      geht mir auch so, dass ich ganz froh bin, wenn ich denke, ach das ist mal ein Buch, das ich nicht auf die Liste setzen muss. Und mir geht die Schwermut der Bücher auf die Nerven, die ich als gekünstelt und eher melodramatisch empfinde. In meiner Besprechung von Bakker „Der Umweg“ weise ich auf einen englischsprachigen Blogger hin, der für solche Bücher eine ganz neue Romankategorie eingeführt hat; die der „gorse novel“ (Ginsterroman), für deine sarkastische Seite vielleicht genau das Richtige. Ich habe mich jedenfalls über die Veräppelung köstlich amüsiert. Während es andere Bücher gibt, wo das Traurige genau richtig ist und einem ans Herz geht.
      Dass auf vielen Blogs sehr viel gelobt wird, stimmt schon. Hat vermutlich verschiedene Gründe, manche schreiben über die Bücher, die ihnen nicht gefallen haben, vielleicht gar nicht erst. Auf der anderen Seite lesen sich manche Besprechungen auch wie Texte aus den Werbezeitschriften. Nett und unverbindlich. Muss wohl jeder als BloggerIn und LeserIn das finden, was für einen passt.
      Steuerklärung klingt wirklich nach unangenehmer Pflicht – aber nett, wenn man es hinter sich gebracht hat. In diesem Sinne, noch einen hoffentlich steuerfreien Montagabend und viele Grüße, Anna

      • PS: Und habe ganz vergessen zu fragen: Was empfiehlst du denn von Gustafsson – der Name sagte mir nämlich noch gar nichts und das macht ja neugierig. Anna

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