Will Schwalbe: The End of your Life Book Club (2012)

We were nuts about the mocha in the waiting room at Memorial Sloan-Ketteridge’s outpatient care center. The coffee isn’t so good, and the hot chocolate is worse. But if, as Mom and I discovered, you push the „mocha“ button, you see how two not-very-good things can come together to make something quite delicious. The graham crackers aren’t bad either.

So beginnt das Buch, in dem der Amerikaner Will Schwalbe die letzten zwei Jahre seiner an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Mutter Mary Anne verarbeitet, die 2009 im Alter von 75 Jahren verstarb:

Will Schwalbe: The End of your Life Book Club (2012)

Die deutsche Übersetzung von Henriette Zeltner erschien unter dem Titel An diesem Tage lasen wir nicht weiter.

Zum Inhalt

Das Buch ist der Tribut eines Sohnes an seine außergewöhnliche Mutter. Mary Anne Schwalbe war berufstätig, als das noch unüblich war, und schließlich in der Universitätsverwaltung in leitender Stellung tätig. Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Thailand engagierte sie sich in ihren letzten zwei Jahrzehnten vor allem für die Belange von Flüchtlingen weltweit. Sie war u. a. Gründungsdirektorin der Women’s Refugee Commission und Wahlbeobachterin in Bosnien. Nebenbei organisierte sie das Leben der eigenen Familie mit drei Kindern, gründete den britischen Ableger des International Rescue Commitee und setzte sich bis kurz vor ihr Lebensende noch für die Gründung von mobilen Bibliotheken in Afghanistan ein.

If our family was an airline, Mom was the hub and we were the spokes. You rarely went anywhere nonstop; you went via Mom, who directed the traffic flow and determined the priorities: which family member was cleared for takeoff or landing. Even my father was not immune to Mom’s scheduling, though he was given more leeway than the rest of us. (S. 10)

Im Sommer 2007 kommt sie nach einer ihrer zahlreichen Reisen nach Pakistan und Afghanistan nicht wieder richtig auf die Füße, doch erst im Oktober wird eine unheilbare Bauchspeicheldrüsenerkrankung diagnostiziert. Ihr Sohn Will erfährt das, während er beruflich bedingt in Frankfurt auf der Buchmesse ist.

I realize now that all of us had reached a mad, feverish pitch of activity in the days leading up to Mom’s diagnosis. Dinners, drinks, visits, benefits, meetings, scheduling, picking up, dropping off, buying tickets, yoga, going to work, cardio at the gym. We were terrified to stop, stop anything, and admit that something was wrong. Activity, frenzied activity, seemed to be the thing we all felt we needed. […] Everything would be all right, everything would be possible, anything could be salvaged or averted, as long as we all kept running around. (S. 23)

Später erzählt er seiner Mutter, dass er sich in dieser Nacht nur noch durch die Fernsehprogramme gezappt hat. Sie findet das höchst merkwürdig:

Throughout her life, whenever Mom was sad or confused or disoriented, she could never concentrate on television, she said, but always sought refuge in a book. Books focused her mind, calmed her, took her outside of herself; television jangled her nerves. (S. 25)

Eigentlich ist auch Will, sowohl aufgrund der familiären Prägung als auch durch seine langjährige Arbeit im Verlagswesen, begeisterter Leser. Und immer, wenn Will in den kommenden Monaten seine Mutter bei den mehrstündigen Aufenthalten im Krankenhaus begleitet, bei denen sie ihre Chemo-Infusionen bekommt, tauschen sie sich aus über die Bücher, die sie gelesen haben und noch lesen wollen. Das wird dann als „End of your Life Book Club“ mit nur zwei Mitgliedern hochstilisiert.

Diese Gespräche über Bücher haben den beiden sicherlich viel gegeben und in einem Interview erläutert Will Schwalbe die Bedeutung, die das gemeinsame Lesen für die beiden hatte:

… for as long as I can remember, we always talked with each other about books. So the main thing the book club did was kept our relationship the way it always had been. When we were reading, we weren’t a sick person and a well person but a mother and son exploring books together. The book club also allowed us to tackle painful and difficult subjects—big topics like death and courage and loneliness. Books gave us a way to talk about those subjects obliquely, not head-on. We could talk about them by talking about characters in books who were dealing with similar issues. Finally, the book club was a source of pleasure—while we were reading, we were discovering new writers, new voices, new characters, new worlds. Reading was one of the ways Mom continued to live even as she was dying, and our discussions about books gave me new memories not directly connected to her illness that I would be able to have and share as long as I live.

Ich selbst fand die Abschnitte, in denen sie über Bücher gesprochen haben, nicht immer sehr tiefsinnig. Manchmal ging das Ganze über Name Dropping nicht hinaus. Mary Anne war beispielsweise der Meinung, dass man durchs Lesen lernen könne, Grausamkeit schneller zu erkennen.

… when you read about it, it’s easier to recognize. […] But people can be cruel in lots of ways, some very subtle. I think that’s why we all need to read about it. […] You need to learn to recognize these things right from the start. Evil always starts with small cruelties. (S. 151)

Will Schwalbe schreibt ehrlich über seinen anfänglichen Aktionismus, das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen, um so dem Unausweichlichen nicht ins Gesicht zu sehen, hatte man ihnen doch mitgeteilt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung nach der Diagnose drei bis sechs Monate betrage, da der Krebs schon gestreut hatte.

Will ist es auch, der seiner Mutter vorschlägt, einen Blog zu betreiben, um so ihre vielen Freunde, ehemaligen Kollegen und Schüler in aller Welt auf dem Laufenden zu halten, da eine individuelle Korrespondenz sicherlich bald zu anstrengend würde. Sie stimmt dem zu, doch unter dem Vorbehalt, dass Will den Blog schreiben solle. Das führt dann zu der merkwürdig Verrenkung, dass sie zwar die Posts schreibt, jedoch aus der Perspektive Wills.

Fazit

Abgesehen vom Stil, der manchmal schlicht und anrührend, manchmal aber auch nur simpel und weitschweifig war, hat das Buch eine große Schwäche. Es krankt ab und zu an Heldenverehrung, die hart an der Kitschgrenze vorbeischrammt. Man sieht den Sohn dann förmlich zu Füßen seiner Mutter sitzen und ihr die letzten Fragen stellen. Dabei stilisiert er sich als jemand, der vorher noch nie über bestimmte Fragen nachgedacht hat, was ich kaum glauben mag. Dürfe man – wenn man sich denn sozial engagiere – überhaupt noch ein teures Restaurant besuchen? In einem anderen Gespräch versucht er beispielsweise sie dazu zu bewegen zuzugeben, dass sie eine mutige Frau sei, was sie aber völlig unbeeindruckt verneint. Stattdessen nennt sie Beispiele von Menschen, die ihrer Meinung nach mutig gewesen sind.

Ihre eigenen Ängste und die Trauer, vom Leben Abschied nehmen zu müssen, werden nur kurz gestreift, allerdings gibt ihr der christliche Glaube existenziellen Trost und Gewissheit:

‚I do know that there is life everlasting.‘ Usually Mom said believe. Recently, I noted, she said know. (S. 170)

Das ist zwar ein Punkt, den der Sohn nicht nachvollziehen kann, doch beide akzeptieren sich in ihren jeweiligen Sichtweisen.

Die Ecken und Kanten der Hauptperson dürfen nur sehr dezent durchschimmern, dabei hätten gerade sie dem Buch mehr Tiefe verliehen. Wie zum Beispiel Wills Erinnerung daran, dass Mary Anne gerade das Lieblingsstofftier ihres sechsjährigen Sohnes spendet, als eine ihrer Studentinnen Spielzeug für ein Waisenhaus sammelt. Als er sie nun Jahrzehnte später auf den „Tod“ von Turtle, der Riesenschildkröte, anspricht, gibt sie ehrlich zu: „You had so many stuffed animals! I didn’t really think about it. But I also didn’t give any thought to what we were going to tell you.“ (S. 87)

Vielleicht wollte der Autor auch noch nach dem Tod der Mutter ihre Privatsphäre respektieren, das ist zu loben, sorgt aber auch für eine gewisse Beliebigkeit, wenn man eben kein begnadeter Biografienschreiber ist, zumal er sich sicherlich oft nur noch auf seine Erinnerungen berufen kann, da er nicht jedes Wort mitprotokolliert haben dürfte.

Mom went on to tell me, as we sat there, that she really believed your personal life was personal. Secrets, she felt, rarely explained or excused anything in real life, or were even all that interesting. People shared too much, she said, not too little. She thought you should be able to keep your private life private for any reason or no reason. (S. 58)

Das Buch hat aber auch eine große Stärke: Eine zweifelsohne faszinierende Hauptperson: Nicht nur ihr beruflicher Lebenslauf und ihre vielfältigen sozialen Engagements, ihre Reisen in die Flüchtlingslager der Welt, ihre Rolle als Ehefrau und Mutter und nicht zuletzt auch Leserin wären allein schon Stoff genug für ein Buch.

Vor allem eines hat mich aber beeindruckt und nachdenklich gemacht: Weder lamentiert sie, nachdem sie die Diagnose erhalten hat, noch verfällt sie in Selbstmitleid. Weder hadert sie pausenlos mit dem Schicksal noch kreiselt sie nur noch um sich und ihren Gesundheitszustand. Stattdessen kümmert sie sich um ihre Projekte, pflegt ihre zahlreichen Freundschaften, gewinnt neue Freunde, nimmt Anteil am Leben ihrer Kinder und Enkelkinder, ist dankbar für das, was sie hat, betet, liest, reist, solange es eben geht, und bis zum Schluss bleibt ihr Horizont herrlich weit. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich das Buch keinesfalls als auf „die Tränendrüse drückend“ empfunden habe. Ganz im Gegenteil.

Aus literarischer Sicht hätte ich mir so ein Buch als Autobiografie oder von einem Außenstehenden gewünscht, sodass ihre eigene Stimme deutlicher zu hören gewesen wäre. So bleibt das Buch eine merkwürdige Mischung aus sorgfältig ausgewählten Erinnerungsstücken, Nabelschau des Sohnes und einer Biografie, die bewusst wesentliche Teile ausklammert. Wills Geschwister und der Ehemann der Verstorbenen spielen nur am Rande eine Rolle. Und auch wie Mary Anne als Christin mit dem eigenen Sterben zurande kommt, erschließt sich eher indirekt, indem wir z. B. erfahren, welche Bücher und Menschen ihr geholfen und gut getan haben. Nur an den wenigen Stellen, an denen wir glauben, sie direkt zu hören, gewinnt das Buch eine Eindrücklichkeit, die mir den Menschen Mary Anne Schwalbe wirklich näher gebracht hat. So heißt es bei der ersten Präsidentschaftskandidatur Obamas:

She told all of us that if Obama didn’t win, she was leaving the country, cancer or no. (S. 190)

Sie geht vorbereitet: Selbst den Text für die Karten hat sie bereits formuliert, mit denen ihre Familie sich für die zu erwartende Kondolenzpost bedanken soll, und benutzen möge die Familie dazu bitte blaue Tinte, keine schwarze.

‚The black is too somber.‘ (S. 171)

Anmerkungen

Am Ende findet sich eine Liste mit all den Titeln, die Mutter und Sohn gelesen haben. Darunter sind natürlich eine Reihe von Büchern, die man sich selbst sofort auf die Wunschliste setzen kann.

Schließen möchte ich mit einem Fazit Will Schwalbes:

We’re all in the end-of-your-life book club, whether we acknowledge it or not; each book we read may well be the last, each conversation the final one. (S. 281)

Eine faire, aber zu Recht kritische Rezension von Christopher R. Beha findet sich in der New York Times. Gern verweise ich außerdem auf die Besprechungen auf aus.gelesen, bei der Lesenden Stillwasserquelle und auf Buzzaldrins Blog.

9 thoughts on “Will Schwalbe: The End of your Life Book Club (2012)

    • Hallo Petra, das hätte ich vielleicht noch erwähnen sollen, das Buch drückt überhaupt nicht auf die Tränendrüse. Im Gegenteil, dadurch dass Mary Anne so aktiv ihre letzten Monate gestaltet und man eher den Eindruck gewinnt, sie geht ihr Sterben an wie ihr Leben – aktiv, unsentimental, diskret und im Glauben geborgen – fand ich es eher ermutigend. Die Trauer der Familie – gerade des Ehemannes – wird ja nahezu komplett ausgeblendet. Nein, man braucht hier keine Taschentücherstapel. Zu deiner Frage: Lesen oder lassen? Literarisch fand ich es unerheblich, die Frau selbst ist interessant… Liebe Grüße Anna

  1. Liebe Anna,

    mit Interesse habe ich deine tolle, kritische und ausführliche Beschäftigung mit diesem Buch gelesen. Mich überkommt die Befürchtung, dass das ich das Buch etwas zu unkritisch gelesen haben könnte. Mich hat es schlichtweg gepackt und begeistert und ich habe es in einem Zug durchgelesen – die Kritikpunkte die dir ins Auge gefallen sind, sind mir dadurch gar nicht so bewusst aufgefallen.

    Ich kann euch, Ingrid und Petra nur empfehlen, das Buch selbst einmal in die Hand zu nehmen und es anzulesen. Mir hat es gut gefallen.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      ich finde nicht, dass du nun befürchten musst, das Buch zu unkritisch gelesen zu haben. Es hat dich gepackt und begeistert. Du hattest Freude mit und an dem Buch. Was wäre daran verwerflich???
      Liebe Grüße von Leserin zu Leserin
      Anna

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