Christian Grawe: Darling Jane (2010)

Jane Austens Lebenszeit umfasst eine der ereignisreichsten und turbulentesten Epochen der europäischen Geschichte. Sie wurde am 16. Dezember 1775 geboren und starb mit nur 41 Jahren am 18. Juli 1817. In dieser Zeit wurde in Frankreich von 1789 bis 1799 durch die Revolution der Staat vollständig umgeformt und durch die Herrschaft Napoleons von 1799 bis 1815 Europa in Krieg und Chaos gestürzt.

Ingrid machte auf ihrem Blog Druckschrift aufmerksam auf diese Biografie zu einer der bekanntesten englischen Schriftstellerinnen von

Christian Grawe: Darling Jane: Jane Austen – eine Biografie (2010)

Grawe (*1935), ein deutscher Germanist und Übersetzer, hat zusammen mit seiner Frau sechs Romane Jane Austens übersetzt und legt nun hier auf 245 Seiten eine im Wesentlichen chronologisch aufgebaute Biografie Austens vor, in der er auch die gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründe miteinbezieht, die für ein tieferes Verständnis der Romane hilfreich sein können.

Er gibt also nicht nur Informationen zu ihrer Familie und zu den Jugendwerken der Autorin, sondern geht beispielsweise auch auf Details wie die Erbrechtregelung des Fideikommiss (entail) ein, die in Pride and Prejudice eine so wichtige Rolle spielt.

Grawe erläutert nicht nur die Berufswahl der Söhne aus der Gentry, die damaligen politischen Verhältnisse in England, sondern arbeitet auch Austens soziale Stellung als gesellschaftlich angesehene ‚gentlewoman‘ heraus. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod finanziell so abhängig von ihren Brüdern war, dass sie nicht einmal selbstständig ihre Reisen und Besuche planen konnte.

Austens Romane sind aufgrund ihrer Kunst der Charakterisierung und Dialoggestaltung auf den ersten Blick für viele LeserInnen scheinbar mühelos zugänglich, doch Grawes Hintergrundinformationen z. B. zum hochgradig formalisierten Umgang – selbst innerhalb der Familie – in der Schicht der Gentry sind für eine Lektüre der Romane sicherlich erhellend.

Er arbeitet außerdem heraus, worin das eigentlich Neue, ja literarisch geradezu Revolutionäre der Romane Austens liegt. Sie sei die erste Schriftstellerin, die – noch bevor der Begriff überhaupt auf Literatur bezogen wurde – den Anspruch hatte, realistisch zu schreiben. Kein Grusel, keine Sensationen, keine Sentimentalitäten, keine engelgleichen Heldinnen, die immer an der passenden Stelle in Ohnmacht fallen, keine fremden Länder, Räuber und Entführungen, kurzum keine Unwahrscheinlichkeiten mehr, die doch typisch für die Romanproduktion der damaligen Zeit waren. Stattdessen psychologisch glaubwürdige Charaktere in dem ihnen gemäßen sozialen Raum:

Gesprochene Worte müssen dem Sprecher, der Situation und dem sozialen Milieu angemessen sein, Charaktere entsprechend ihrer Anlage als Person handeln, und dieses Handeln muss motiviert sein, damit es menschlich überzeugend erscheint. (S. 175)

Dieser Anspruch auf Natürlichkeit und Stimmigkeit gehe einher mit einer zutiefst ironischen Weltsicht. Die Wirklichkeit werde in ihren Romanen noch einmal auf das Wesentliche hin gefiltert. „Jane Austens Geschichten von den Liebes- und Lebenssorgen junger Damen sind eingehüllt in eine bezaubernde Atmosphäre des Komödiantischen, das Ausdruck einer ironischen Weltsicht ist.“ (S. 182)

Das dürfe aber nicht dazu führen, dass man Austens Gesellschaftskritik übersehe, denn in den Romanen „erscheint trotzdem die soziale Welt als ein Jahrmarkt der Eitelkeit, der Selbstsucht, Gedankenlosigkeit und Dummheit. […] Heute herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass Austen eine bissige Gesellschaftskritikerin war, die ihrer Umgebung sehr viel distanzierter gegenüberstand, als das auf den ersten Blick erscheint.“ (S. 184)

Zwar stelle Austen die Gesellschaftsordnung nicht grundsätzlich in Frage, doch kritisiere sie leidenschaftlich deren Missstände und menschliches Fehlverhalten.

Interessant auch, wie Grawe die Happy Ends der Austenschen Romane deutet, nämlich als „Erfüllung des Menschen aus der schlechten, korrupten, selbstischen Alltagswelt“ und nicht als Eskapismus oder romantische Schönfärberei. Das glückliche Ende sei „ein zentrales Element ihrer Menschensicht, nach der die liebende Beziehung den Hoffnungsschimmer in einer ungenügenden Welt ausmacht.“ (S. 190)

So werde Austen zur Vorläuferin des später entstehenden bürgerlichen Familienethos, das dem traditionellen, aristokratischen Verständnis von Ehe als einem Mittel der Familienpolitik diametral entgegenstehe.

Außerdem arbeitet Grawe heraus, dass Austens Romane als ’novels of manner‘ mit ihrem „Gewicht, das darin den Lebens- und Umgangsformen für das reibungslose Funktionieren des häufigen Miteinanderumgehens“ zugeschrieben wird, „Jane Austens eigene soziale Welt und ihre eigenen moralischen Maßstäbe“ widerspiegeln. (S. 90)

Er versteht Austen als eine Autorin in der Tradition der Aufklärung:

Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand und den Wert der Kultur, Unsentimentalität und Toleranz, die Überzeugung von der Selbstbestimmung der menschlichen Vernunft und ihrer Fähigkeit, die Leidenschaften zu kontrollieren, und das Streben nach einer Balance zwischen Individuum und Gesellschaft sind für diese Tradition wesentlich. (S. 189)

Fazit

Grawe selbst betont immer wieder, wie schwierig es gewesen sei, dem Menschen Jane Austen gerecht zu werden, da so unbefriedigend wenig persönliche Zeugnisse von ihr überlebt haben. Ihre Schwester Cassandra hatte nach dem Tode Janes viele Briefe vernichtet oder Stellen in den noch erhaltenen Briefen geschwärzt. Spätere Erinnerungen der Nichten und Neffen sind ebenfalls von Familiendiskretion und dem Wunsch geleitet, ein möglichst gefälliges Bild zu entwerfen.

Trotz dieser Einschränkung ist Grawe eine knappe, gut lesbare und informative Einführung in die Welt Austens gelungen, auch wenn ich manchmal seinen Stil etwas trocken fand. So schreibt Grawe – akademisch korrekt – von sich als dem „Verfasser der vorliegenden Biografie“ und spricht davon, dass Austen, wäre sie nicht so früh gestorben, sicherlich eine „Zelebrität“ hätte werden können.

Meine Lieblingsstelle beschäftigt sich mit dem Ideal „der gesellschaftlich geformten Persönlichkeit“, an dem sich die Figuren Austens messen lassen müssen. Dieses Ideal

umfasste auf eine für uns heute nur noch schwer vorstellbare Weise das ganze körperliche und geistig-seelische Wesen des Menschen. Gang, Gestik, Haltung, Eleganz, geschmackvolle und der Situation angemessene Kleidung, Gesichts- und Augenausdruck, sprachliche Gewandtheit und die Fähigkeit, sich in jeder Gesellschaft je nach dem erforderlichen Verhalten leutselig, zwanglos oder respektvoll zu bewegen, machten zusammen mit geistiger Lebhaftigkeit, höflichem Umgangston, menschlichem Empfinden, künstlerischem Interesse und Gespür, seelischem Feingefühl die Gesamtheit der ‚manners‘ aus. […] Schon eine laute  Stimme, eine indiskret wiederholte Frage, ein undelikates Gesprächsthema, eine brutale Wahrheit gegenüber einem wehrlosen Menschen […] können einen bedauerlichen Mangel an gesellschaftlicher Vollkommenheit bedeuten. (S. 90/91)

Und hier geht’s weiter:

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