Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie. Denn eine Autobiographie ist das letzte Buch. Hinter der Autobiographie ist nichts. Alles Material verbraucht. Kein Erinnerungsrätsel mehr.

So beginnt also die Lebensrückschau des vielfach ausgezeichneten Autors, die es 2013 bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

Urs Widmer, einer der bekanntesten Schweizer Autoren, wurde 1938 geboren und erzählt hier nun seine ersten dreißig Jahre, quasi den Nährboden seines späteren schriftstellerischen Schaffens.

Der Leser freut sich und leidet und staunt mit ihm, wenn Widmer wie aus einer Wundertüte seine Geschichten hervorzaubert, z. B. als er darüber fabuliert, wie sich das wohl angefühlt haben mag, als er als Kleinkind laufen und sprechen gelernt und dadurch neue Welten erobert hat.

Wie viele Dinge gab es in dieser Welt, deren Namen ich noch nicht einmal kannte! Ist es nicht ein Wunder, wie locker ich inzwischen ‚Fensterfront‘, ‚Schrank‘ und ‚Welt‘ sage und noch viel mehr – alle Wörter dieses Buchs -, als sei das selbstverständlich? (S. 22)

Überhaupt stellt sich im Rückblick das Glück der frühen Kindheit als ein Schatz dar:

So etwas wie ein Notvorrat, der in einem tiefen Stollen in mir aufbewahrt liegt. Lebendig immer noch, warm, leuchtend. Natürlich habe ich inzwischen nicht nur Glück erfahren. Wem widerführe dies. Dennoch aber: Was für ein, ja, Massel: ein Leben lang kein Krieg, keine Fluchten, kein Hunger. Kein jähes Exil an einem fremden Ort, nach einem hastigen Aufbruch mitten in der Nacht. Keine gewaltsamen Tode um mich herum. Das, was ich heute bin, kommt bruchlos aus dem, was war. Glück. (S. 37)

Wir erfahren von – keineswegs immer ungefährlichen – Jungenstreichen, Familienurlauben, Verwandten, dem eher ungeliebten Schulbesuch und diversen Umzügen der Familie.

Schön auch das Denkmal, das er seinem ersten Freund mit dem Spitznamen Migger setzt:

Er nahm mich in die weite Welt mit, in die hineinzugehen ich bis dahin nie erwogen hatte. Die fernen Häuser, die Wälder, die Wiesen, die Gärten: Dass ich da hingehen könnte, ich, selber, allein und einfach so, das war ein undenkbarer Gedanke gewesen. Mit Migger schlich ich durch alle Gärten, ging über die Felder, in den Furchen zwischen den Kartoffeln und zwischen Löwenzahnblüten oder Mohn durch die Wiesen, bestieg den Kirschbaum neben dem Hundezwinger […] und auch die bezwingbaren Äste des Nussbaums. (S. 81)

Die Kindergarten- und Schulzeit steht allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern. Schon am allerersten Tag muss ihn die Mutter buchstäblich hinzerren, alles Toben und Brüllen hilft ihm nichts.

Durchs Fenster sah ich, wie meine Mama davonging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie trug ihren brauen Mantel, der aus Kamelhaaren gemacht war. Das war das. Ich wusste, dass ich von nun an mit Fräulein Vögeli und diesen völlig fremden Kindern durchkommen musste. (S. 88)

Doch je älter der Junge wird, umso klarer wird, dass sein Elternhaus nicht nur eine Quelle des Glücks ist. Der Leser reibt sich verwundert die Augen, wie der Autor es noch als erwachsener Mann rechtfertigt, dass ihm sein Vater die Bilder von Auschwitz zeigt, als Urs vielleicht gerade einmal acht Jahre alt ist.

Heute weiß ich, dass ich sie gerade zur rechten Zeit sah, zu ihrer Zeit, denn ein solches Entsetzen auch nur eine Minute lang zu verschweigen wäre unmöglich gewesen und hätte unsere Welt verstummen lassen. (S. 77)

Noch als Erwachsener ist er „unendlich erleichtert“, wenn die Weihnachtszeit vorbei ist:

Wie sehr gaben sich meine Eltern Mühe, uns Kinder glücklich zu sehen – und selber glücklich zu sein -, und wie sehr misslang ihnen das. (S. 171)

Widmer, der Student, wäre wohl heutzutage der Schrecken all der stromlinienförmigen Schnellstudierer und Kostenevaluierer. Über den Beginn seines Studienaufenthaltes in Montpellier heißt es nur:

Es gab tatsächlich eine Uni, die aber ein so düsteres Gebäude war, dass ich sie ein einziges Mal betrat – ich meldete mich an -, und dann nie mehr. Wieso sollte ich in dieses staubige Gefängnis gehen, wenn ringsum eine Welt strahlte, die mir das Paradies zu sein schien? Die einzige universitäre Einrichtung, die ich in den nächsten Monaten benutzte, war die Mensa. (S. 199)

Fazit

Wir begegnen skurrilen Verwandten, seinen Professoren, diversen Liebschaften und inzwischen verstorbenen Freunden. Dabei schreibt Widmer mit so viel Schwung, dass viele der Szenen und Geschichten ganz gegenwärtig wirken, selbst wenn sie über 70 Jahre zurückliegen, und diese launige Erzählfreude ist ansteckend. Die Sprache ist dabei ganz oft tatsächlich die des Erzählens, der Übertreibung, der Ironie, der feinen Beobachtung, der Andeutung. Fällt ihm ein Name nicht ein, lässt er das so stehen und reicht das ein paar Absätze später nach.

Dabei bettet er in mehreren großen Kapiteln die Geschichte seiner ersten 30 Jahre in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext ein, indem er in groben Zügen die Schweizer Zeitgeschichte rekapituliert. Die allerdings tragen nicht so riesig viel zum Verständnis bei.

Die NZZ, die ansonsten von einem großartigen Lesevergnügen spricht, grämt sich denn auch:

Man versteht, wie Urs Widmer auf die Idee verfallen konnte: Neben dem Intimen und biografisch Zufälligen mochten ihm Zeitkolorit und Weltgeschehen zu kurz gekommen sein. Und doch ist es ein Jammer, dass niemand im Verlag Tapferkeit vor dem Freund bewies und ihm diese paar Seiten aus dem Manuskript strich. Denn die Intermezzi sind so unbeholfen wie überflüssig […]. Aber sei’s drum, es sind nur ein paar Seiten. Am besten, man beachtet sie nicht.

Doch trotz der vermeintlichen Offenherzigkeit, was Liebesgeschichten, die Entdeckung Frankreichs und Italiens auf diversen Reisen, die Begeisterung über die erste Vespa, das erste Auto etc. angeht, ist dies an vielen Stellen eine erstaunlich diskrete Autobiografie.

Widmer erzählt zwar von wesentlichen Stationen seines Lebens, manches wird dabei aber gnadenlos gerafft. Seine universitären Leistungen werden heruntergespielt, sodass ich ganz verblüfft war, als er plötzlich auf seine Promotion zu sprechen kommt. (Auch wenn es viel Spaß macht zu lesen, wie seine Notizen zur Dissertation in einem französischen Wolkenbruch unterzugehen drohen.) Wichtiger scheint die befremdliche Reaktion des Vaters gewesen zu sein:

Ich öffnete die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters, steckte meinen Kopf durch den Türspalt und sagte, ich hätte eben die Doktorprüfung bestanden. Mein Vater hielt mit dem Schreiben inne, schaute mich an und sagte: ‚Na prima!‘ Dann tippte er weiter, und ich schloss die Tür. (S. 318)

Doch wie sich derlei Elterngebaren – die Depressionen der Mutter, die ständigen lautstarken Auseinandersetzungen der Eltern, das Schweigen des Vaters, der in der Wahrnehmung des Sohnes sein Leben komplett im Arbeitszimmer verbracht hat – auf die Psyche des Sohnes ausgewirkt haben, darüber schweigt sich der Autor aus. Er erzählt zwar, wie er als Kind davon überzeugt war, nur er könne die Familie zusammenhalten, nur er könne die Mutter vom Selbstmord abhalten. Die Innenseite, die Gefühlsseite lässt er den Leser nur erahnen, indem er von seinen Panikattacken, diversen Ticks und dem Asthma spricht, das er sich als psychosomatisch erklärt.

Gern hätte ich mehr darüber gelesen, wie Widmer selbst sich von seinen Eltern, seiner Herkunft geprägt weiß. Nicht nur, weil in seinem Leben – genau wie in dem seines Vaters – die Literatur eine so große Rolle gespielt hat.

Auch über die Ehe mit der Psychoanalytikerin May, die nun schon seit fast 50 Jahren hält – was für eine Riesenseltenheit heutzutage – hätte ich gern mehr erfahren, als die Frage, wie sie sich kennengelernt haben.

Durch das Nicht-Ausloten der inneren Vorgänge wurde das Buch stellenweise zu einer Anekdoten- und Geschichtensammlung, von der ich mir, egal wie lesbar das war, doch mehr Tiefgang oder zumindest Anteil an einer gewissen fröhlichen Altersweisheit erhofft hatte.

Vermutlich deshalb haben mir besonders die eher nachdenklichen Passagen gefallen, die aus der Sicht des reifen Mannes geschrieben sind, z. B. die ganz zu Beginn, in denen der Erzähler darüber nachsinnt, warum er nun eigentlich eine Autobiografie schreibt, obwohl „jedes Erinnern, auch das Genaueste, ein Erfinden ist.“ (S. 7)

Vermutlich aber gehorche ich nur einem banalen Gesetz der Menschen: Erst träumen wir von der Zukunft, dann leben wir sie, und am Ende, wenn diese gelebte Zukunft vergangen ist, erzählen wir sie uns noch einmal. (S. 7)

Anmerkungen

Diejenigen, die schon mehr von Widmer gelesen haben, wissen, dass er 2009 den Roman Herr Adamson veröffentlicht hat. Dieser Name taucht auch in Widmers Erinnerungen auf, und zwar als Titel eines der ersten von ihm gelesenen Bücher:

Adamson war ein einsamer älterer Herr mit drei einzelnen Haaren auf dem Kopf und einer Oberlippe, die sehr der meines Vaters glich. Auch er war ein lieber Tollpatsch. (S. 179)

Ein lesenswertes Interview mit Widmer findet sich in der Welt vom 21. Mai 2013 und Claudia vom Grauen Sofa hat mich mit ihrer Besprechung überhaupt erst neugierig auf den Roman gemacht.

Irrelevante Fußnote

Während ich dies schreibe, habe ich 50 Oberstufenarbeiten um mich herum drapiert, die dafür sorgen, dass mir die Herbstferien nicht zu unbeschwert geraten, und nur deshalb möchte ich noch folgendes Zitat aus Widmers Erinnerungen an seine Schulzeit ergänzen:

Herrn Schindler, der – leider, leider nicht während er uns unterrichtete – mitten in einer stinknormalen Schulstunde, als ein Schüler schon wieder das Passé simple mit dem Imperfekt verwechselte, sich langsam hinter seinem Pult erhob, ‚Jetzt reicht’s mir aber‘ murmelte, die Schule verließ und sie nie mehr betrat. Ein Schüler musste ihm seinen Hut nach Hause bringen, den er im Lehrerzimmer liegengelassen hatte. (S. 116)

7 thoughts on “Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

  1. Dann hoffe ich mal, dass es Dir mit den Oberstufenarbeiten nicht so geht wie Herrn Schindler😉 Bei uns sind uebrigens auch gerade Herbstferien. Der Kleine Entdecker hat schon die ersten drei Buchstaben gelernt und hat sich jetzt wirklich eine Pause verdient. Lieben Gruss aus dem regnerischen London, Peggy.

    • Wie schön das klingt, die ersten drei Buchstaben gelernt! Ich wünsche eurem Sohn, dass er ganz, ganz viel Freude mit diesen seltsamen Zeichen auf Papier haben wird. – Gedanken an Herrn Schindler überkommen einen schon ab und an, besonders wenn manche Schüler Sprache und Texte geradezu massakrieren… Aber ich hatte mir das Ganze durch unseren Ostsee-Urlaub doch trotz allem sehr nett gestaltet. Liebe Grüße nach London! Anna

  2. Liebe Anna,
    Deine Besprechung hat mir viele Details der Biografie noch einmal vor Augen geführt, so die wunderbaren Passagen über das Studium, insbesondere das „Auslandssemester“, in dem er die Uni nur betreten hat, um in der Mensa zu essen, sonst aber lieber Land und Leute kennenglernt hat, aber auch die nicht immer leichten Begebenheiten in der Familie, die Widmer oft eher nebenbei erwähnt, und die Folgen auf ihn nur an seinen Krankheiten abzulesen sind. — Und Herr Schindler ist natürlich ein ganz großer Charakter – solche mutigen Menschen gibt es ja heute nicht mehr, zumal ja auch kaum noch jemand mit Hut ins Lehrerzimmer kommt ;)!
    Vielen Dank fürs Verlinken, viele Grüße und viel Geduld mit den 50 Klausuren
    Claudia

    • Danke für den Wunsch um Geduld für die Klausuren!! Habe gerade die Hauptkorrektur beendet. Haah! Und verlinkt habe ich deinen Artikel sehr gern. Ohne dich hätte ich das Buch vermutlich nicht weiter beachtet, und ich bin froh, dass ich es gelesen habe. Jetzt würde ich gern noch etwas Weiteres von Widmer lesen. Hast du da eine Empfehlung?
      Jetzt liegen hier die Erinnerungen von Ortheil. Die fangen ganz spannend an. Liebe Grüße und hoffentlich sind die Marketingarbeiten schon Geschichte🙂 Anna

      • Liebe Anna,
        die Marketingarbeiten sind zum Glück fertig. Ich habe Tempo gemacht, damit ich keine Klausuren mit in die Ferien nehmen muss. Da erwarten mich jetzt „nur “ zwei Projektarbeiten aus der Fachschule mit jeweils 80 Seiten. Naja, so ist es eben – und so ganz schlimm ist es ja nicht, das Arbeiten als Lehrer.
        Von Widmer habe ich schon einiges gelesen, das Buch vom Vater, das von der Mutter und das vom Zwerg . Und auch „Herr Adamson“. So richtig in Erinnerung geblieben sind sie mit nicht, vielleicht, weil ich da noch nicht gebloggt habe und den Büchern nicht so sehr auf die Pelle gerückt bin wie jetzt. Gut zu lesen waren alle. Und wahrscheinlich sind sie nun, nach der Biografie, auch leichter zu verstehen, wenn man schon ein bisschen Lebenskontext kennt. — Und einen Nachtrag habe ich noch zum „Universum“ – der drängte sich so beim Hundespaziergang auf (über die Verfertigung der Gedanken beim Gehen :-)): Ich finde die zusammenfassenden Kapitel über die politischen Verhältnisse in den 1950er, 1960er Jahren usw. doch sehr gut und hilfreich, um neben den sehr persönlichen Erinnerungen auch noch einmal das roße Ganze in den Blick nehmen zu können, zumal hier ja auch ein wenig die Schweiz und die Entwicklungen und Wertvorstellungen dort thematisiert werden. Diese Passagen sind schon anders formuliert – aber „unbeholfen und überflüssig“ sind sie gar nicht, da muss ich der großen NZZ widersprechen, zumal ja nicht alle Leser schon die 70 erreicht haben und sich mal eben an die Zeit erinnern können…
        Viele Grüße – an die Ostsee?, Claudia

      • Hallo Claudia,
        sorry, dass ich jetzt erst antworte, dein Kommentar war mir durch den Radar gerutscht. Sehr sinnvoll, keine Klausuren mit in die Ferien zu nehmen! Aber zum Glück ging die Korrektur im Urlaub relativ zügig, der vor Ungeduld mit den Hufen scharrende Gatte hat immer dafür gesorgt, dass ich mich direkt nach dem Frühstück gleich zwei Stunden hingesetzt habe, sodass wir dann zu unseren Ausflügen starten konnten.
        Schön, dass du die Kritik aus der NZZ relativierst. Ich fand sie auch etwas überzeichnet, aber so nett ironisch formuliert, da konnte ich nicht widerstehen. Allerdings standen die Kapitel ja wirklich in keinem notwendigen inneren Zusammenhang mit der Autobiografie, aber interessant fand ich den ein oder anderen Hinweis schon. Liebe Grüße Anna

  3. Pingback: BuchSaiten Blogparade 2013 | buchpost

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