Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens (2009)

Damals, in meinen frühen Kindertagen, saß ich am Nachmittag oft mit hoch gezogenen Knien auf dem Fensterbrett, den Kopf dicht an die Scheibe gelehnt, und schaute hinunter auf den großen, ovalen Platz vor unserem Kölner Wohnhaus. Ein Vogelschwarm kreiste weit oben in gleichmäßigen Runden, senkte sich langsam und stieg dann wieder ins letzte, verblassende Licht. Unten auf dem Platz spielten noch einige Kinder, müde geworden und lustlos. Ich wartete auf Vater, der bald kommen würde, ich wusste genau, wo er auftauchte, denn er erschien meist in einer schmalen Straßenöffnung zwischen den hohen Häusern schräg gegenüber, in einem langen Mantel, die Aktentasche unter dem Arm.

So beginnt die leicht verfremdete Rückschau des Schriftstellers und Hochschullehrers, der 1951 in Köln geboren wurde, auf seine ersten 27 Lebensjahre:

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens (2009)

Das Buch, vom Erzähler selbst als Geschichte bezeichnet, ist in fünf große Abschnitte eingeteilt, die sich chronologisch von der frühen Kindheit des Johannes Catt – dem Alter Ego des Autors – bis hin zu dessen ersten schriftstellerischen Gehversuchen bewegen, obwohl für Johannes doch lange Zeit alles auf eine Karriere als Konzertpianist hinauszulaufen schien.

Dazwischen springt der Erzähler immer wieder in die Erzählgegenwart des reifen Mannes, der als über Fünfzigjähriger wieder nach Rom gekommen ist, um dort in der geliebten Stadt und doch fern genug von den Orten der Kindheit seine Geschichte aufzuschreiben. Dabei lernt er seine Wohnungsnachbarin und deren Tochter kennen, deren Klavierunterricht er schließlich unter seine Fittiche nimmt.

Mich haben vor allem die ersten beiden großen Teile Das stumme Kind und Lesen und Schreiben fasziniert.

Johannes stellt mit ca. drei Jahren das Sprechen ein und beginnt eine ungesunde Symbiose mit seiner traumatisierten Mutter zu leben, die ebenfalls nicht mehr spricht und ihre Tage vor allem lesend in der Kölner Wohnung verbringt. Wenn sie mit ihm am Rheinufer ist, müssen sie sich immer auf dieselbe Bank setzen und er darf sich dann immer nur wenige Meter von ihr entfernen. Deshalb ist es meist das Einfachste für ihn, sich neben sie zu setzen und völlig ruhig und bewegungslos zu sein.

Ich starrte auf einen winzigen Ausschnitt der Umgebung und beobachtete ihn so lange, bis es rings um diesen Ausschnitt zu schwanken und zu flirren begann. Manchmal wurde mir dann etwas heiß, und ich musste die Augen rasch schließen, ja es kam sogar vor, dass mir in solchen Augenblicken richtig übel und schwindlig wurde, dann hatte ich zu lange auf einen Punkt gestarrt und musste mich bemühen, den Blick wieder von diesem Punkt wegzubekommen. (S. 26)

Die Mutter kommuniziert mit Hilfe unzähliger kleiner Zettel, die dann abends der von seiner Arbeit als Vermessungsingenieur heimkommende Vater am Küchentisch vorliest.

Er schildert eine stumme, von Ängsten und Zwängen beherrschte Kindheit, die Fixierung auf seine Mutter, die er beschützen wollte, wenn er auch nicht wissen konnte, wovor eigentlich die Mutter beschützt werden musste. Auch der Vater stellt dieses stumme Familienleben nicht in Frage und lässt zu, dass sein Sohn weder Kontakt zu anderen Kindern noch kindgerechte Erfahrungen machen kann. In diese Erinnerungen schiebt sich dann die Gegenwart und noch der erwachsene Erzähler staunt:

Niemand, der mich heutzutage über diese römische Piazza gehen sieht und bemerkt, wie ich hier und da stehen bleibe, einen Anwohner grüße und mich unterhalte, wird vermuten, dass derselbe Mensch als Kind kein einziges Wort gesprochen und vor jedem Gang ins Freie erhebliche Angst ausgestanden hat. (S. 33)

Die Isolation und die fehlenden Anregungen in der Kindheit führen dazu, dass Johannes sich immer mehr in sich zurückzieht, stundenlang Dinge sortiert, diverse Spleens entwickelt, in die Gegend starrt und genau auf die Geräusche der vorbeifahrenden Autos achtet – später stellt sich heraus, dass er das absolute Gehör hat.

Er wird auf dem Spielplatz gehänselt und muss sich zusammen mit seiner Mutter herablassende oder mitleidige Kommentare anhören, wenn die Mutter in den Einkaufsläden nur rasch einen Zettel reicht, auf dem steht, was für sie zusammengepackt werden soll, sodass sie es dann später abholen kann.

Er ist einsam und wünscht sich doch so sehr einen Freund:

Da ich aber weder Freunde, geschweige denn einen richtigen, guten Freund hatte, dachte ich mir ab und zu einen aus. Mein Freund hieß Georg, Georg war stark und freundlich und etwas größer als ich, leider war er nicht immer da, wenn ich mich auf dem Kinderspielplatz aufhielt, doch wenn ich ihn dringend brauchte, kam er meist rasch vorbei und setzte sich neben mich, und dann spielten wir zu zweit oder unterhielten uns über die Zeitschriften, die wir uns gegenseitig ausgeliehen hatten. (S. 60)

Wohl fühlt er sich bei den Gottesdiensten im Kölner Dom, dort ist er kein Außenseiter, wird nicht kritisiert und nicht angesprochen:

Überhaupt war es schön, dass die Menschen während eines Gottesdienstes so viel gemeinsam und meist auch noch dasselbe taten, endlich redeten sie nicht ununterbrochen, sondern nur dann, wenn sie darum gebeten wurden, und endlich bewegten sie sich auch nicht laufend von einer Stelle zur andern, sondern hielten es eine Zeit lang singend und betend auf einem einzigen Platz aus. […] Die einzige Störung des Gottesdienstes, die jedes Mal nur schwer zu ertragen war, war die Predigt. (S. 69/70)

Bei seiner Mutter lernt er Klavierspielen, das er nun mit Hingabe praktiziert. Doch das fragile System des Alltags bricht zusammen, als Johannes in die Schule kommt. Es dauert nicht lange, bis Mitschüler und Lehrer ihn schikanieren. Er kann dem Unterricht nicht folgen. Die Hoffnung des Vaters, dass sein Sohn zwar stumm ist, aber mühelos lesen und schreiben lernen werde, erweist sich als Illusion.

Es kommt ein gehässiger Brief des Lehrers, der den Eltern empfiehlt, ihrem Kind mit seinen „verminderten und verwirrten Fähigkeiten“ eine andere „Aufbewahrungsanstalt“ zu suchen. Das ist der Moment, an dem der Vater erkennt, dass sich etwas Grundlegendes ändern muss. Er nimmt auf unbestimmte Zeit Urlaub und fährt allein mit dem Sohn, d. h. ohne die Mutter, auf den großelterlichen Hof im Westerwald, wo die beiden Teil einer großen Hofgemeinschaft werden.

Was dann folgt, ist so schön zu lesen, dass ich das hier nicht vorwegnehmen möchte.

Fazit

Die ungewöhnliche Kindheits- und Jugendgeschichte des Schriftstellers, die auch übel hätte enden können, wird so einfühlsam und mit so vielen Details vergegenwärtigt, dass man glaubt, ebenfalls in dieser stillen Kölner Wohnung zu sein. Und dem Weg des Kindes ins Leben und in die Sprache bin ich fasziniert und mit Anteilnahme gefolgt.

Der Stil ist unaufgeregt, geradezu gemächlich, dabei überaus anschaulich und angelehnt an den klassischen Bildungsroman. Hier spürt einer dem eigenen, oft genug schmerzhaften Werdegang nach und schreibt:

All mein ewiges Schreiben, könnte ich nämlich behaupten, besteht letztlich nur darin, aus mir einen anderen Menschen als den zu machen, der ich in meiner Kindheit gewesen bin. Irgendwann soll nichts mehr an dieses Kind erinnern, irgendwann möchte ich Geschichten erzählen, die nicht mehr den geringsten Anschein erwecken, noch etwas mit meiner Kindheit zu tun zu haben. Bisher ist mir das selbst in mehreren Jahrzehnten noch nicht gelungen … (S. 470)

Vielleicht trug dieses Buch für den Erzähler dazu bei, sich nicht länger zu einem anderen Menschen machen zu wollen, indem sich da einer zu seiner Geschichte bekennt. Nichts ist mehr zu spüren von Verbitterung oder Anklage.

Für den Spannungsbogen sorgt dabei u. a. natürlich die Frage, wieso es überhaupt zu diesem Stummsein in der Familie gekommen ist.

Für mich hätte das Buch nach dem zweiten Teil aufhören können. Zwar geht der Erzähler immer wieder auch der Frage nach, wie er von seiner Kindheit geprägt worden ist, was durchaus interessant ist. Aber sein Leben in Rom als Student am Konservatorium und sein Alltag in Rom als ca. Fünfzigjähriger, während er seine Erinnerungen aufschreibt, waren für mich eher blass und längst nicht so mitreißend und außergewöhnlich, wie es die beiden ersten Teile dieser Annäherung an die eigene Biografie waren. Manches wirkte da durchaus ein wenig konstruiert.

Anmerkungen

Ulrich Baron schreibt in der ZEIT vom 15. Februar 2010 „Mit Die Erfindung des Lebens hat Hanns-Josef Ortheil eine eindrucksvolle Künstler- und Entwicklungsgeschichte geschrieben. Seine Beschreibungen von Köln, der bukolisch anmutenden Provinz am Flüsschen Sieg und einem fast naturwüchsigen Katholizismus runden sich zu Momentaufnahmen und literarischen Stillleben der Nachkriegszeit, die sich tief ins Gedächtnis einprägen. Selten ist ein kommoder Kerker aus banger Fürsorge so eindrucksvoll beschrieben, ist von der Befreiung daraus so liebevoll erzählt worden. Doch wozu die Fiktionalisierung? Wozu ein fingierter Ich-Erzähler? Wohl als poetische Lizenz, vom eigenen Leben sub specie aeternitatis schreiben zu können, denn darauf läuft es am Ende hinaus.“

Hier stellt Ortheil sein Buch selbst vor, allerdings enthält das Video diverse Spoiler.

Weitere Blog-Besprechungen und Hinweise zum Inhalt bei

Literarische Nachbarn

6 thoughts on “Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens (2009)

  1. LIebe Anna,
    beim Lesen Deiner Buchbesprechung hat mich schon sehr beeindruckt, aus welcher traumatischen Kindheit sich da ein Mensch herausgearbeitet hat. Wie lange der Vater gewartet hat, bis er endlich eingreift! Was da Kindern immer wieder angetan wird. Und was für ein Glück und eine persönliche Stärke, doch noch als Erwachsener ein „gutes“ Leben führen zu können. Erinnert fühlte ich mich sehr an Ulla Hahns Kindheitserinnerungen „Das verborgene Wort“, deren filmische Umsetzung auch gerade gestern im WDR gezeigt wurden. Auch in Ulla Hahns Erinnerungen wird ein ganz starkes Kind gezeigt, dass sich, den häuslichen, ärmlichen Verhätlnissen und vor allem dem „Proletarier-Stolz“ des Vaters zum Trotz, auf den Weg zu einer umfassenden Bildung macht und sich so den Platz im Leben erkämpft.
    Viele verregnete Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      ja, das ist wirklich beeindruckend, bei Ortheil findet der Vater allerdings, nachdem er so lange mehr oder weniger passiv der Katastrophe zugeschaut hat, intuitiv einen genialen und einfühlsamen Weg, seinen Sohn ins „Leben“ zu holen. Überhaupt fand ich es erstaunlich, dass ich das Buch – selbst in seinen dunkelsten Momenten – nicht als deprimierend empfunden habe. Vermutlich, weil die spät gewonnene Sprache den Leser ja gleich vom ersten Satz an umfängt. Die ersten beiden Teile habe ich wirklich sehr, sehr gern gelesen.
      Danke auch für die Erinnerung an Ulla Hahn. Das habe ich auch mal gelesen, ist aber leider so lange her, dass ich mich nicht mehr wirklich erinnern kann. Schien also damals keinen allzu tiefen Eindruck hinterlassen zu haben. Überhaupt scheint eine schwierige Kindheit doch sehr inspirierend zu sein, jedenfalls wenn man SchriftstellerIn wird… Auch von hier verregnete Grüße🙂 Anna

  2. Liebe Anna,
    ich danke dir sehr für diese wunderbare Besprechung, die mich animiert, das Buch, das hier bereits steht, in die Hand zu nehmen und sofort loszulesen. Die Meinungen, die ich über Ortheil gelesen habe, sind bisher immer sehr zwiespältig ausgefallen. Mir hat der erste Roman, den ich zu Anfang diesen Jahres von ihm las („Das Kind, das nicht fragte“) ausgezeichnet gefallen und ich glaube, dass mir auch dieser Roman gefallen wird.

    Dir danke ich, dass du mir das Buch durch deine wunderbare Besprechung zurück ins Gedächtnis gerufen hast.
    Liebe Grüße
    Mara

    • Hallo Mara, schön, dass ich vielleicht dafür sorgen konnte, dass das Buch auf deinem bestimmt beachtlichen Bücherstapel wieder auf eine vordere Position rückt. Ich freue mich schon auf deine Besprechung. Regnerische Samstagsgrüße – ein Wetter, bei dem ich Hundebesitzer immer ein klitzekleinwenig bedauere🙂 Anna

      • Liebe Anna,
        da muss ich mich jetzt mal als Auch-Hundebesitzer etwas dazwischendrängeln: Wenn man die richtige Kleidung hat (eine der wichtigen Anschaffungen, wenn der Hund erst einmal eingezogen ist), dann ist es ganz wunderbar, bei dem feuchten und kühlen Wetter durch den Wald und das auch bei Nieselregen wunderbar leuchtende Laub am Boden zu laufen. Du weiß also gar nicht, was Dir da entgeht ;)! — Leider sind die Nachwanderaufgaben (nasse Klamotten ausziehen, dreckige, nasse und ziemlich riechende (obwohl einem der Gestank irgendwann auch wie das tollste Parfum vorkommt) Hunde abrocknen, sehr zeitaufwendig🙂.
        Viele grinsende und heute wieder sonnigere Grüße, Claudia

      • Hi Claudia,
        das hatte ich ja fast vermutet, dass das eine der lesenden Hundebesitzerinnen klarstellen möchte🙂 Ich würde dir – vom späteren Geruch der Vierbeiner mal abgesehen – da sogar zustimmen. Ob es draußen schön ist, hängst nur bedingt vom Wetter ab. Aber mit Hund muss man – zumindest stelle ich mir das so vor – bestimmt auch auf die Zeiten des Vierbeiners achten, oder? Und kann nicht einfach sagen, weißt du was, lass uns noch zwei Stunden warten. Aber wie löst ihr das Problem, wenn Hund nicht nur nass, sondern auch fröhlich matschig ist? LG Anna

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