Friedrich Ani: Süden (2011)

‚Ich bin Tabor Süden und kein Japaner‘, sagte er unvermittelt, nachdem er zehn Minuten lang von der Tür aus stumm zugehört hatte. Und er unterbrach die Frau am Schreibtisch auch nur, weil sie sich eine Zigarette anzündete und mehrere Züge machte, ohne ihn anzusehen. Der Satz brachte sie zum Lachen. Rauch hüpfte aus ihrem Mund. Süden warf einen Blick zum Fenster, vor dem es dunkel wurde, und als er den Kopf abwandte, hörte Edith Liebergesell auf zu lachen.

So beginnt der siebzehnte Kriminalroman um den ehemaligen Hauptkommissar Tabor Süden:

Friedrich Ani: Süden (2011)

Ausnahmsweise möchte ich ein Zitat mit dem Autor aus der inzwischen eingestellten Interview-Reihe „Die Befragungen“ voranstellen, das gibt nämlich bereits einen guten Eindruck vom Autor und seinem Selbstverständnis. Gleich zu Beginn sagt der 1959 geborene Autor:

Der Kriminalroman zwingt zum Hinschauen in die Gegenwart, das Drama des in seinem Lebenszimmer gefangenen Menschen gelingt mir mit dem Krimi am besten, ohne dass es mir auf Mord und Totschlag und spektakuläre Plots ankäme. In meinen Krimis bestimmen die Langsamkeit und das Schweigen den Handlungsablauf, wobei in gewisses Maß an genreüblicher Spannung unerlässlich bleiben muss. Darüber hinaus lassen sich im Genre Krimi immer wieder neue Türen öffnen. So beschäftige ich mich fast ausschließlich mit Verschwundenen und Vermissten und der Suche nach ihnen.

Und im Buch heißt es:

Fast nie gab es nur einen Grund für das plötzliche Verschwinden eines Menschen, meist entstanden im Lauf von Monaten oder Jahren für andere unsichtbare, immer weiter wachsende Staubknäuel, die den Zimmerling allmählich ersticken ließen. Anfangs wehrte sich dieser noch, riss das Fenster auf, fuchtelte mit den Armen. Da niemand in seiner Umgebung angemessen reagierte, zog er sich in einen noch halbwegs staublosen Winkel zurück, bis er auch dort keine Luft mehr bekam und keine andere Möglichkeit mehr sah, als all dem an Ort und Stelle ein Ende zu bereiten oder das Haus zu verlassen, um anderswo zu sterben. (S. 50)

Jetzt aber zum Inhalt

Tabor Süden, inzwischen 51, kehrt nach mehreren Jahren im selbstauferlegten Exil als Kellner in Köln zurück nach München. Ein Anruf seines Vaters, der sich aus dem Staub gemacht hatte, als Tabor gerade einmal 16 war, hat ihn zurückgelockt. Doch das Telefonat wurde unterbrochen und so sucht er auf tage- und nächtelangen Streifzügen nach einem Mann, der sein Vater sein könnte. Dieses Umkreisen des alten Traumas führt ihn auch in seine berufliche Vergangenheit, hatte er doch in München zuletzt als Kommissar im Münchner Vermisstendezernat gearbeitet, bevor er dann den Dienst quittierte.

Da ihn doch mehr mit der Stadt, den Straßen, Plätzen und Kneipen verbindet, als er gedacht hat, und weil das Geld langsam knapp wird, nimmt er das Jobangebot der Detektei-Chefin Edith Liebergesell an. Sein Auftrag: etwas über den Verbleib des seit zwei Jahren vermissten Wirts Raimund Zacherl herauszufinden. Er geht die alten Akten durch und befragt noch einmal dessen Ehefrau, die ehemaligen Angestellten und zwielichtigen Freunde des Vermissten und fördert, wie könnte es anders sein, dabei Erstaunliches zu Tage.

Fazit

Die Grundidee, die Spannung in einem Kriminalroman eben nicht durch immer mehr Splatter und notdürftig motivierte Brutalität zu erzeugen, sondern durch die  unaufgeregte Suche nach einem Vermissten, hatte mir schon in den anderen Büchern um Tabor Süden total gut gefallen. Und auch hier gelingt ihm das – ich will wissen, was mit Raimund Zacherl geschehen ist, aber es bleibt auch genügend Raum und Aufmerksamkeit für die anderen Figuren und deren Geschichten. Ani denkt die Vergangenheit und die Zukunft seiner Charaktere quasi immer mit, das macht sie selbst in den Nebenrollen unglaublich plastisch.

Auch in seiner Sprache zeigt Ani, dass er Klassen über vielen anderen Krimi-Schriftstellern steht. Manche Kritiker meckerten allerdings, weil er selbst schlichtesten Nebenfiguren so großartige Metaphern in den Mund legt. So erklärt ein Stadtstreicher Süden das Verhalten eines vor sich hin fuchtelnden, innerlich tobenden Mannes:

Der Werner. Hat seine Frau verloren, sie war vierzig, Unterleibskrebs, innerhalb von vier Wochen. Wir waren alle bei der Beerdigung, ich hab gespielt. Ostfriedhof, verstehst? Da wirst irre, wenn deine Frau auf einmal tot ist, und du wachst in der Früh auf und die Erde ist weg und du hängst allein im Weltall. Weil die Erde war die Frau. Verstehst? (S. 23)

Das Zuhören und das Den-Mund-halten-Können sind sicherlich die zwei wichtigsten „Methoden“ des Detektivs. Dabei geben die von ihm Vernommenen fast immer mehr von sich preis, als sie das ursprünglich geplant hatten, denn zum einen halten sie das Schweigen nicht aus und zum anderen ist es so ungewohnt, dass da einer ist, der zuhört.

Doch nicht nur in der Bloßstellung der Worthülsen, mit denen sich die Menschen belügen, porträtiert er unsere Gesellschaft. Quasi im Vorbeigehen werden wir daran erinnert, in welcher Verwahrlosung Kinder hier leben müssen, welche Ängste sie aushalten und welche äußeren und inneren Spuren das in ihrem Leben hinterlassen wird. An den Obdachlosen in seinen Büchern ist manchmal schwieriger vorbeizugehen als an denen, die wir auf den großen Plätzen sehen, denn Ani macht sie sichtbar.

Dennoch, und das ist die Kehrseite dabei, war es mir in diesem Roman ein bisschen zu viel des „lonely cowboy“-Klischees, ein Held, der zu viele Bierchen in zu vielen Kneipen trinkt:

Wie er [Süden] so dastand, schweigend, fremd und doch absolut anwesend, seit er diesen Raum betreten hatte, wäre sie am liebsten zu ihm hingegangen und hätte sich neben ihn gestellt, ins sinkende Licht dieses nachösterlichen Tages. (S. 11)

Es gab gar zu viel Schweigen, Sprachlosigkeit und zu viel Melancholie. Vielleicht schwingt da etwas von Anis Einstellung mit, dass jeder Mensch am Ende scheitere:

Ohne Scheitern ist ja ein reales Leben gar nicht möglich. Das Leben an sich ist ja ein Scheitern. In dem Moment, in dem wir begreifen, dass wir irgendwann sterben werden, wissen wir, dass wir scheitern am Leben. Wir versuchen halt uns was einzureden. Wir versuchen uns einzureden, dass wir überleben können, dass wir weiterkommen. Aber wir sind natürlich im großen Ganzen schon dazu verurteilt mit unserem Leben zu scheitern.

Gescheiterte Beziehungen und Einsamkeit im Buch, egal wohin man schaut. Entweder sind die Menschen unfreiwillig alleinstehend, verwitwet oder in Ehen gefangen, die man nur noch als „betreutes Schnarchen“ bezeichnen kann und wo man den anderen schon seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich wahrnimmt, oder man kennt nur noch die schnelle Nummer. Und der Showdown vielleicht einen Hauch zu melodramatisch.

Vielleicht täusche ich mich, aber mein Lesegefühl war, dass es im Roman entweder regnete, dunkel war oder beides.

Sein Vater blieb unsichtbar wie die Nymphe Echo, und nur seine Stimme hallte durch Südens Kopf wie durch einen schwarzen Wald. Und er wusste nicht einmal, ob es überhaupt die Stimme seines Vaters war und nicht womöglich die eines Fremden, der im Namen seines Vaters angerufen hatte, aus welch dunklem Grund auch immer. (S. 42)

Anmerkungen

Volker Albers schrieb am 14. März 2011 im Hamburger Abendblatt: „Ani hat ein ungemeines Gespür für seine Charaktere, mögen sie noch so kaputt sein, er erleuchtet ihre Verlassenheit, ihre Einsamkeit von innen heraus, sodass auch sie Licht sind und Schatten werfen. Und er vermag wunderbar anrührend zu erzählen. Seelische Bedrängungen und soziale Milieus – seien es staubig gewordene Lebensräume oder verschwiegene Schlupfwinkel – schildert Friedrich Ani, der neben Romanen auch Drehbücher und Jugendbücher schreibt wie wohl kein zweiter deutscher Kriminalschriftsteller. Und das Lesen der Tabor-Süden-Romane entführt in Welten, die man eigentlich nie betreten wollte. Dort aber angekommen, ist man froh, es getan zu haben. Es öffnet Augen und Sinne.“

Und hier geht’s lang zu dem Artikel „Friedrich Ani ist der Simenon von München“ von Elmar Krekeler in der Welt.

7 thoughts on “Friedrich Ani: Süden (2011)

  1. Schöne Besprechung. Macht neugierig auf das Buch! Ich habe erst einen Tabor-Süden-Krimi gelesen und da ging es mir ähnlich wie Dir: Fast ein wenig zuviel Melancholie. Aber jetzt im November würde das ja passen…

  2. Liebe Anna,
    ich habe schon oft überlegt, doch ml wieder zu einm Krimi zu greifen – und dann zu einem Ani. Durch Deine schöne Besprechung ist der Wunsch nun wieder sehr viel größer geworden. Und ich finde auch nichts zu meckern, wenn Stadtstreicher „schön“ sprechen. Warum sollten sie nicht in Bildern und Metaphern denken, vielleicht fällt es ihnen viel leichter, als uns sehr verkopften Menschen? Vielen Dank für die Tabor Ani-Empfehlung.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia, freut mich, wenn Ani auf deinem Stapel in greifbare Nähe rückt. Ich finde seine Grundidee in den Süden-Romanen einfach umwerfend, „nur“ nach einem Vermissten zu suchen und daraus die Spannung zu beziehen. Ich kann so gar nichts anfangen mit diesen Metzelkrimis, die immer grellere Schockeffekte brauchen. Und wie ich schon dem Kaffeehaussitzer schrieb, das Wetter würde ja gerade stimmungsmäßig passen🙂 LG Anna

  3. Liebe Anna,

    von Friedrich Ani habe ich bisher nur seine Bücher für Jugendliche gelesen, die Lektüre liegt allerdings schon eine ganze Weile zurück. Deine Rezension klingt interessant, wenn auch etwas düster – damit aber sicherlich passend zur aktuellen Wetterlage. Da das Buch hier noch eingeschweißt im Regal steht, werde ich in den nächsten Tagen einfach mal zugreifen.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Hallo Mara, da wäre ich schon gespannt auf deinen Eindruck. Ich könnte mir vorstellen, dass Ani mit seinem genauen Blick auf die Menschen und mit seiner Sprache dir vielleicht gefallen könnte. Ich hatte vorher gar nicht auf dem Schirm, dass er auch Jugendbücher geschrieben hat. Vielleicht wäre da ja sogar etwas für meine Schüler dabei … Ein gutes Wochenende. LG Anna

  4. Pingback: Friedrich Ani: Der namenlose Tag (2015) | buchpost

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