Michael Hagner: Der Hauslehrer (2010)

Im Juni 1902 suchte das Berliner Bankiersehepaar Rudolf und Rosalie Koch einen Hauslehrer für seine beiden jüngsten Söhne. Der dreizehnjährige Heinz Koch war kurz zuvor aus dem thüringischen Internat Haubinda entlassen worden, sein zwei Jahre jüngerer Bruder Joachim machte trotz Nachhilfelehrer kaum Fortschritte in der Oberrealschule.

So beginnt Hagner, Professor für Wissenschaftsgeschichte, seine Aufarbeitung eines bedrückenden historischen Kriminalfalls:

Michael Hagner: Der Hauslehrer (2010)

Zum Inhalt

Rosalie Koch ist – gemäß den damaligen Gepflogenheiten der wohlhabenden Schicht – für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig, während der Bankiersgatte seinen beruflichen und gesellschaftlichen Pflichten nachgeht und seine zwei jüngsten Söhne nur sporadisch sieht.

Als Heinz und Joachim nicht die Leistungen zeigen, die von ihnen erwartet werden, engagieren die Kochs den jungen Studenten Andreas Dippold als Hauslehrer, der sich aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen hochgearbeitet hatte.

Dippold unterbricht sein Studium, tritt am 1. Juli 1902 seine Stelle an und zieht mit den beiden Kindern auf ein der Familie Koch gehörendes Gut. Zunächst scheint er Erfolg zu haben. Dippold achtet auf eine gesündere Ernährung der Jungen, sie werden weniger verzärtelt und müssen Sport treiben, sodass sich ihr körperlicher Zustand deutlich verbessert. Doch die schulischen Leistungen bleiben weiterhin unterdurchschnittlich. Der Lehrer wird strenger und um zu vermeiden, dass die Eltern seine Autorität durch verfrühtes Lob oder Versprechungen untergraben, schlägt er vor, den Briefkontakt zwischen Eltern und Kindern persönlich zu überwachen. Jeder Brief geht durch seine Hände, so wird schon früh verhindert, dass sich die Jungen unzensiert und ehrlich an ihre Mutter wenden können.

Allerdings muten die erhaltenen Briefe der Mutter ohnehin befremdlich an. Sie scheint unfähig gewesen zu sein, eine liebevolle Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Ihre Briefe sind eine wüste Mischung aus Beschimpfungen, Herabwürdigung, Androhungen, Appellen, Versprechungen und Selbstmitleid. Als die Leistungen von Heinz weiterhin Anlass zu Beanstandungen geben, schreibt sie:

Schlage die Hand, die wir Dir durch Herrn Dippold bieten, nicht aus, sondern nutze jeden Augenblick, damit Du es nicht bitter bereuen mußt, wenn es zu spät ist. Wie unglücklich Du mich noch ganz besonders durch Deine Faulheit machst, habe ich Dir oft genug wiederholt u ich kann Dir nur rathen, mißbrauche meine Geduld nicht zu lange, sonst könnte für uns beide ein recht trauriges Ende davon kommen. (S. 20 – 21)

An den jüngeren Sohn sind die Worte gerichtet, dass er

zu der ganz minderwertigen Sorte von Jungen [gehöre], die nur durch erneute geistige Peitschenhiebe zu ihrer Pflicht zu bringen sind. Schäme Dich, Joachim! (S. 24)

Dippold versteht es, auf der einen Seite den Eltern zu vermitteln, dass er mit seinen überdurchschnittlichen pädagogischen und wissenschaftlichen Kenntnissen genau der richtige Mann für diese Aufgabe sei, und auf der anderen Seite wird er nicht müde, den Rückstand seiner Schützlinge zu betonen und so die Dimension seiner Mission herauszustellen.

Die Entfremdung zwischen Söhnen und Eltern schreitet voran. Auf Empfehlung des Hauslehrers verbringen die Kinder noch nicht einmal die Weihnachtsferien im elterlichen Haus, sondern in nahe gelegenen einfachen Unterkünften. Irgendwann schickt der Gärtner des Guts, auf dem Dippold mit den Jungen lebt, beunruhigende Nachrichten nach Berlin: Dippold habe die Jungen über die Maßen schwer gezüchtigt. Die Mutter reist an und lässt sich doch wieder beschwichtigen.

Als Grund für die schweren Prügel, die im Laufe der Monate immer heftiger werden, nennt Dippold das Onanieren der Jungen. Der Hauslehrer wirkt wie besessen und beginnt einen brutalen Kreuzzug. Doch stand er damals mit seinen Vorstellungen keineswegs allein:

Seit dem späten 18. Jahrhundert gehörten das Thema Onanie und ihre schonungslose Bekämpfung zu den stabilsten Säulen des pädagogischen und medizinischen Diskurses über Sexualität. Hundert Jahre später hatte sich daran nur wenig geändert, denn das bürgerliche Publikum hielt die Onanie weiterhin für den großen unberechenbaren Feind. […] Auch um 1900 waren drastische Bestrafungen und weitergehende Maßnahmen noch an der Tagesordnung, die sich sogar mit Verweis auf die neueste medizinische Literatur rechtfertigen ließen. (S. 36)

Rosalie Koch bricht sogar endgültig mit ihrem Sohn Heinz – vermutlich von Dippold provoziert, bekam er so doch einen noch größeren Machtbereich, in dem ihm niemand mehr reinreden sollte. Noch einmal flüchtet Heinz zum Gärtnerehepaar, weil er fürchtet, dass Dippold ihn und seinen Bruder totschlagen werde. Der Gärtner, der einzige, der sich in dieser Schauergeschichte menschlich verhält, informiert auch diesmal unverzüglich die Eltern. Doch so unglaublich es klingt, die Mutter vertraut dem Brief des Hauslehrers, in dem er seine Maßnahmen rechtfertigt. Er schreibt ganz offen, dass er nun sogar mit den Jungen in einem Bett schlafe, um deren  Orgien (die Jungen onanierten angeblich bis zu 40-mal am Tag) zu unterbinden, und dass er tagsüber auch ihren Hosenlatz kontrolliere. Sie kommt noch nicht einmal persönlich, sondern schickt einen Arzt, der die Jungen aber nicht untersucht, sondern nett mit Dippold plaudert und der Mutter Entwarnung gibt.

Da das Dienstpersonal Dippold jetzt aber wohl doch mehr als ihm lieb war auf die Finger sah, verlässt er mit dem Einverständnis der Eltern das Kochsche Anwesen und zieht mit den Jungen zurück in seine alte Pfälzer Heimat, wo er jeglicher Kontrolle enthoben seine sadistischen Bestrafungsfantasien auslebt. Am 10. März 1903 stirbt Heinz Koch, gerade einmal 14 Jahre alt, an den Folgen der Misshandlungen.

In einem aufsehenerregenden Prozess wird Dippold, der sich keiner Schuld bewusst ist, zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

In den weiteren Kapiteln rollt der Autor den Prozess gegen Dippold auf und untersucht die Rolle, die die Zeitungen bei diesem Skandal für die öffentliche Meinungsbildung und Vorverurteilung spielten. Außerdem geht er der Frage nach, wie die verschiedenen Fachbereiche versuchten, ihre eigenen Ansichten zu dem Fall als letztgültigen Stand der Wissenschaft in Stellung zu bringen. Juristen, Mediziner, Kriminalrechtler, Psychologen, Befürworter und Gegner der Prügelstrafe, alle meldeten sich lautstark zu Wort.

Fazit

Die Schilderung dieser Lehrer-Schüler-Beziehung geht streckenweise wirklich an die Nieren. Die Verquickung aus fehlender Elternliebe, dem Vertrauen in selbsternannte Experten, Härte, Sadismus, Ignoranz, der Angst vor Tabuthemen wie Sexualität und Onanie und dem „Das-Beste-Wollen“ ist fürchterlich.

Hagners Interesse geht aber über die bloße Darstellung des historischen Falls hinaus und so untersucht er u. a. eine Reihe theoretischer Fragen, z. B. wie sich dieser Fall in den Augen der Öffentlichkeit zu einem solch publikumswirksamen Skandal ausweiten konnte, bei dem schließlich jeder meinte, ebenfalls seine Meinung kundtun zu müssen, und zwar in zum Teil extrem schrillen Tönen.

Dabei geht er besonders auf die Rolle der Zeitungen ein. In diesem Zusammenhang bezieht Hagner sich ausführlich auf Foucault und dessen von ihm geprägte Begriffe wie Diskurs, Dispositiv etc. Da wurde die Lektüre streckenweise sehr theorielastig und schwierig, da ich mich nie näher mit Foucault beschäftigt habe. Man muss dann schon mal durch Sätze durch wie:

Foucault legt großen Wert darauf, daß die vier Dispositive [gemeint sind: vier strategische Komplexe, die um den Sex spezifische Wissens- und Machtdispositive entfaltet haben] historisch zwar nicht zur selben Zeit entstanden sind, aber doch eine Kohärenz auf der Ebene der Macht und des Wissens gewonnen haben und im Diskurs über die Sexualität ein eng miteinander verflochtenes Knäuel bilden. Nimmt man diese These ernst, so schließt sie kategorisch aus, daß diese Dispositive sich idiosynkratisch zueinander verhielten. (S. 100)

Da beschlich mich dann der Zweifel, ob man das für Laien nicht doch weniger abstrakt hätte ausdrücken können.

Dennoch sind dem Buch interessante Einsichten zu verdanken: Schon damals sahen sich sowohl Rechtsprechung als auch Medizin vor die Frage gestellt, ob ein Täter überhaupt zurechnungsfähig ist oder nicht. So kam es schließlich zu dem seltsamen Konstrukt, dass Dippold im Jargon der Zeit zwar als abnorm, minderwertig, sadistisch etc. klassifiziert wurde, er aber trotzdem als voll verantwortlich angesehen wurde. Er selbst hat übrigens nie einen Hehl aus seinen Misshandlungen gemacht, diese aber bis zum Schluss als gerechtfertigt angesehen und deshalb jede Schuld am Tod seines Zöglings abgestritten. Als es immer enger für ihn wurde, führte er als mögliche Todesursachen ein Nierenversagen oder eine generelle Schwächung durch übermäßiges Onanieren an.

Die damalige Berichterstattung, von Hagner akribisch recherchiert, zeigt die gleichen Schattenseiten, wie wir sie aus der heutigen Medienlandschaft kennen: Sensationsgier, das Ausgraben immer weiterer Details aus dem Privatleben aller Beteiligten, egal, ob sie in einem Zusammenhang mit dem Verbrechen stehen oder nicht, und der Kampf der Fachleute um die Deutungshoheit des Geschehens: Wer trägt Schuld, die Eltern, die Pädagogik, der Lehrer, der Arzt, der die Kinder auf dem Gut besuchte, aber nicht untersuchte? Waren die Kinder schuld? Darf man Kinder prügeln? Ist Dippold zurechnungsfähig oder nicht? Welche Strafe ist angemessen? Wie schädlich ist nun die Onanie? Experten und solche, die sich dafür hielten, argumentierten und versuchten mit aller Kraft, ihre jeweiligen Sichtweisen als die allein richtige und von der Wissenschaft abgesicherte darzustellen. Und schon damals gab es das Phänomen, dass Ärzte und Fachleute Gutachten erstellten, ohne je mit dem Angeklagten überhaupt gesprochen zu haben. Alles rein nach Aktenlage bzw. nach dem, was in den Zeitungen stand.

Interessant auch die Rolle der Eltern, die sich nun flugs eine Strategie überlegen mussten, weshalb sie bis zum bitteren Ende so große Stücke auf den Hauslehrer gehalten haben und den Warnungen z. B. des Gärtners nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit nachgegangen sind. Sie gingen dann zum Gegenangriff über und stilisierten Dippold plötzlich als sadistischen Kinderschänder. Die Frage nach der Onanie und ihrer Bewertung rückte damit – auch im Interesse der Familie – allmählich in den Hintergrund.

Hagner ordnet das alles ein in die damals gängigen zutiefst autoritären Welterklärungsmodelle und zeigt, dass Dippold wie auch die Gesellschaft um ihn herum ganz selbstverständlich von Ideen des Antisemitismus, Sozialdarwinismus, von Untertanenmentalität und Prügelpädagogik geprägt war.

Das liest sich alles akribisch recherchiert und sauber belegt, und doch war der Erkenntnisgewinn für mich nicht so hoch, dass ich jetzt völlig aus dem Häuschen wäre. Am Ende stellt das Buch letztlich die Frage: Woher können wir wissen, dass unsere Werte und Maßstäbe die richtigen sind und wir nicht nur einem gerade angesagten Zeitgeist hinterhertaumeln?

Und an der entscheidenden Stelle ist das Buch ganz still: Die Kinder selbst kommen kaum zu Wort, und das bleibt das Fürchterliche, der eigentliche Skandal bis heute: Misshandelte, missbrauchte, verhungernde oder zu Tode geprügelte Kinder sind leise, ihre Peiniger sorgen schon dafür, dass möglichst niemand ihre Stimme hört.

Anmerkungen

Hans Ulrich Gumbrecht schreibt in der NZZ vom 4. Oktober 2010:

Der Autor droht, so scheint es, in der von ihm gekonnt aufgefächerten Diskursvielfalt zu verschwinden – und mit ihm auch eine Antwort auf die Frage, was von dem ‚zeitlosen Lehrstück‘, als das der Klappentext die Geschichte ankündigt, denn gelernt werden kann.

Hier geht’s lang zu einem Gespräch des Autors mit Stephan Speicher auf dem Blauen Sofa.

8 thoughts on “Michael Hagner: Der Hauslehrer (2010)

  1. Puh, da liest sich schon Deine Besprechung ganz niederschmetternd, wie ist es dann erst beim Lesen des Originals, kaum zu ertragen, oder? Es ist zu hoffen, dass in späteren Jahren nicht auch unser pädagogisches Verständnis so an den Pranger gestellt wird, weil dann ganz deutlich wird, dass auch wir irgendwelchen dubiosen Ideologien hinterherlaufen – lückenlose Einpassung in die Erfordernisse der Arbeitswelt würde mir z.B. einfallen. Immerhin und zum Glück haben wir eine völlig andere Einstellung zur körperlichen Gewalt.
    Sehr nachdenkliche Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      manche Stellen waren wirklich bedrückend, das Leid und die Ausweglosigkeit für die Kinder entsetzlich. Die heutigen Ideen und Ideologien zielen zumindest schon mal nicht mehr auf das Zerbrechen der Persönlichkeit und nicht auf Demütigung ab. Aber wie du schon sagst, ideologiefrei sind wir deswegen nicht: die von dir genannte „lückenlose Einpassung in die Erfordernisse der Arbeitswelt“, die Theorie, dass Lernen grundsätzlich IMMER Spaß machen muss, dass Schüler grundsätzlich intrinsisch motiviert seien, dass es immer die Schuld des Lehrers sei, wenn der Schüler eine Fünf schreibt, die einseitige Betonung des Kognitiven bei Vernachlässigung musischer, kultureller und sportlicher Fähigkeiten, das Diktum, dass die Klassengröße für den Unterrichtserfolg unerheblich sei etc., diese wildgewordenen Aussagen kursieren auch bei uns im Kollegium.
      Allerdings erinnerte mich das Buch auch an andere Missbrauchsfälle in Heimen und Internaten. Vermutlich immer ungut, wenn ein System so abgeschlossen agieren kann, dass niemand mehr genau weiß, was innerhalb des Systems passiert und wenn die Schutzbefohlenen keine Möglichkeiten haben, sich Hilfe von außerhalb zu suchen.
      Bei der Lektüre hätte ich gern mehr über den Gärtner erfahren, denjenigen, der eigentlich so gehandelt hat, wie es richtig war. Doch leider tauchte er dann nicht mehr auf.
      Merkwürdig, nun habe ich Agnes Grey von Anne Bronte begonnen. Schon wieder eine Geschichte um Lehrer und Schüler. Das fiel mir aber erst im Nachhinein auf, danach muss wirklich mal was Anderes ins Hirn. Liebe Grüße und einen guten Sonntag, ich hoffe, du bist inzwischen „klausurfrei“! Anna

  2. Liebe Anna,
    Dich scheinen ja die schönen neuen Pädagogik-Theorien genauso zu erfreuen wie mich🙂 (Stichwort „Jedes Kind ist ein Genie“)… Manchmal graust es mich, dass ich mich noch sooo laaange von solch verquasten Blödsinn behelligen lassen muss.
    Ich stimme Dir völlig zu, dass abgeschlossene Systeme oft nicht gut sind. Das haben wir ja tatsächlich auch bei den lange Zeit immer hochgelobten Reformschulen gesehen. Und ein weiterer Roman kommt mir da in den Sinn und zwar von Peter Hoeg „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“, in dem er auch von seinen Internatserfahrungen in den 1960 und 1970er Jahren in Dänemark erzählt. Das liest sich immer wieder wie schlimme Vergangenheit, ist aber alles noch gar nicht so lange her.
    Klausurfrei dauert leider noch (grummel, grummel). Dafür habe ich ja aber freie Herbstferein gehabt.
    Viele Grüße und einen schönen Sonntag, Claudia

  3. Danke, Anna, für diese ausführliche Buchvorstellung! Ich würde diesen harten Tobak nicht selbst lesen wollen, bin aber dankbar, durch deine Kritik von diesem grausamen historischen Fall erfahren zu haben. Lg, Karo

    • Hallo Karo, das war wirklich kein Buch, das ich irgendwann noch einmal lesen möchte oder das ich dringend empfehlen würde, auch wenn es durchaus einen interessanten Einblick in damals stattfindende Diskussionen und verbreitete Denkmuster ermöglichte. LG Anna

  4. Pingback: BuchSaiten Blogparade 2013 | buchpost

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