Siegfried Lenz: Fundbüro (2003)

Endlich hatte Henry Neff das Fundbüro entdeckt. Heiter betrat er den kahlen Vorraum, in dem nur ein schwarzes Schreibpult stand, setzte die Segeltuchtasche ab, zwischen deren Griffen ein Hockeyschläger lag, und nickte dem alten Mann zu, der vor dem breiten Schiebefenster stand und – anscheinend – zum wiederholten Mal – einen Klingelknopf drückte.

So lässt Lenz (*1926), der mit seinem Roman Deutschstunde 1968 Literaturgeschichte geschrieben hat, seinen Roman beginnen:

Siegfried Lenz: Fundbüro (2003)

Henry Neff steht in der literarischen Nachfolge von Heinrich Bölls Clown Hans Schnier. Auch der Mitzwanziger Henry kommt aus einer wohlhabenden Familie; auch er weigert sich, die mögliche Karriereleiter hochzusteigen. Stattdessen geht er zur Bahn. Als die Arbeit als Zugbegleiter zu unangenehm wird, lässt er sich ins Fundbüro der Bahn versetzen.

Sowohl bei seiner Familie als auch bei seinem neuen Vorgesetzten stößt Henry zunächst auf Unverständnis, als er vergnügt erklärt, dass ihm nicht an Laufbahn und Aufstiegsmöglichkeiten gelegen sei.

Kein Bedarf, Herr Harms, wirklich, das Aufsteigen überlasse ich gern anderen, mir genügt’s, wenn ich mich wohl fühle bei der Arbeit. (S. 11)

Und so flirtet er mit der neuen Kollegin Paula, nimmt Anteil am Schicksal des älteren Kollegen Albert, der dem Sparzwang der Bahn zum Opfer fallen soll, und hat vor allem Spaß an seiner Arbeit, die ihn täglich mit anderen Menschen und den unterschiedlichsten „Verlierern“ in Kontakt bringt.

So kommen Kriminelle ins Fundbüro, arrogante Geschäftsleute, Kinder oder auch eine junge Frau, die völlig verzweifelt ist, weil sie ihren Verlobungsring verloren hat. Henry sinniert, weshalb fast niemand eine Verlustmeldung für verlorengegangene Gebisse aufgibt oder wie man es schafft, einen kompletten Vogelkäfig samt Inhalt irgendwo zu vergessen. Henry besteht – manchmal etwas unkonventionell – auf dem vorgeschriebenen Beweis, dass der verlorene Gegenstand tatsächlich dem angeblichen Besitzer gehört. Eine Schauspielerin muss beispielsweise aus dem verlorenen Text Passagen deklamieren, einem Messerwerfer stellt er sich als Assistent zur Verfügung.

Schließlich lernt er den ein wenig altmodisch wirkenden und sensiblen Baschkiren Fedor Lagutin kennen, der als Mathematiker ein Stipendium an der Technischen Hochschule bekommen hat und der auch Henrys Schwester Barbara sehr gut gefällt.

Eine merkwürdige Szene spielt im Völkerkundemuseum, wo Barbara ihren Bruder und Fedor zu der Szenerie „Baschkiren vor ihrem Festzelt“ führt. Fröhlich macht sich Fedor zu einem Teil der ausgestellten Szenerie und verwickelt den Museumsführer noch in eine kleine Fachsimpelei. Anschließend heißt es:

Erst nachdem sie eine Weile gefahren waren, hatte Barbara das Bedürfnis, etwas zu sagen, sie sprach langsam, wie im Selbstgespräch und als suchte sie nach einer Antwort auf das, was sie bewegte: ‚Ich weiß nicht, wie einem zumute ist, Fedor, fern von zu Hause, in einem fremden Land – plötzlich steht man vor einem vertrauten Bild, plötzlich blickt man auf einen Ausschnitt heimatlichen Lebens; das muss doch ein eigenartiges Gefühl sein, oder? Ich kann mir vorstellen, daß man den Ort seiner Herkunft anders sieht, ich weiß nicht, wie, aber ich glaube, anders – schon deshalb, weil ein Vergleich sich wie von selbst aufdrängt. (S. 164)

Ich habe das dem gebildeten Mathematiker gegenüber als unglaublich herablassend empfunden, auch wenn es nicht so gemeint war.

Ebenfalls wenig authentisch für mich die Szene bei einer Studentenfete, an der aus geheimnisvollen Gründen neben Fedor auch Professoren und Sponsoren teilnehmen. Fedor trägt einen Russenkittel und lederne Stiefel. Die Speisen, die am Büffet gereicht werden, klingen nach sechziger Jahren. Einige Studenten führen einen Sketch auf, dessen Sinn selbst eher Arglosen sofort aufgehen müsste, man tanzt – old style – als Paar zu „Rock around the clock“ und Fedor wird mit ausländerfeindlichen Sprüchen gedemütigt.

Und dann wäre da noch die miese Motorradgang, die alle Bewohner des Hochhauskomplexes, in dem auch Henry wohnt, in Angst und Schrecken versetzt. Als der Konflikt mit ihnen eskaliert und sie immer brutaler vorgehen, muss Henry erkennen, dass sich nicht alle Probleme mit gutem Willen und Gesprächsbereitschaft lösen lassen.

Fazit

Ein Stück Literatur, deren Grundidee ich zunächst wunderbar fand. Ein Lebenskünstler, der auf Karriere und Statussymbole pfeift, und stattdessen täglich bemüht ist, sich und den anderen das Leben angenehm(er) zu machen. Und das Fundbüro als Sinnbild. Wir verlieren. Wir finden. Wir tragen dazu bei, ob es – für uns, für andere, für die Fremden in unserem Land – ein guter oder ein arger Tag wird. Doch die Umsetzung halte ich für grandios gescheitert.

Schon den Stil fand ich oft betulich und auch mit der inhaltlichen Umsetzung tat ich mich schwer: Henry kann sich das ja locker leisten, immer vergnügt und heiter – überhaupt sind das zwei Adjektive, die ständig zur Charakterisierung Henrys herhalten müssen – vor sich hin zu werkeln, denn im Hintergrund gibt es stets die Möglichkeit, ins elterliche Geschäft einzusteigen, und seine Schwester hilft ihm mehr als einmal finanziell aus der Klemme.

Die Hauptperson wirkte auf mich oft eher künstlich naiv statt menschenfreundlich. Wenn er mit seiner Arbeitskollegin darüber debattiert, ob ein Bericht zu einer Verlustsache rein sachlich sein müsse oder auch persönliche und emotionale Aspekte beinhalten dürfe, dann fand ich das einfach nur noch grummpff.

Oft wird die Deutung des Geschehens gleich aufdringlich mitgeliefert. Nachdem ein Koffer mit schäbigen Klamotten gefunden wurde, heißt es:

‚Es ist doch einfach lächerlich zu glauben, daß  neue Klamotten einen neuen Anfang erleichtern, es gibt keine neuen Anfänge, ich meine, so im reinen Sinn; etwas von früher bleibt immer an einem haften, etwas, das man nicht abschütteln kann.‘  Henry blickte sie verwundert an, er sagte: ‚Tatsächlich? Ich bin mir da nicht sicher. Manchmal passiert etwas, und ohne daß man darauf aus war, ist man schon in einem neuen Anfang.‘ (S. 112)

Und wer’s immer noch nicht begriffen hat, dem wird es halt noch einmal erklärt:

Irgendeine Geschichte könnte wohl jeder Koffer erzählen […] überhaupt: An jeder Fundsache hängt etwas, du glaubst nicht, was da manchmal zum Vorschein kommt. Aber das wirst du schon noch selbst erleben. (S. 130)

Eine lesenswerte „Verteidigung“ von Andreas Isenschmid findet sich in der NZZ vom 29. Juni 2003 unter dem Titel Oasen der Menschlichkeit.

4 thoughts on “Siegfried Lenz: Fundbüro (2003)

  1. Liebe Anna,
    wieder fasst Du mein Unbehagen mit dem Roman wunderbar treffend zusammen. Auch ich war ganz angetan von der Grundidee des Romans – Karriereverzicht, Arbeit im Fundbüro (was für ein Bild!) usw. Und natürlich hat meine Suche nach Romanen mit Bezug zu Wirtschaft und Arbeitswelt, also die Suche nach geeigneter Schullketüre, meine Neugier auch beflügelt – so weit ist es also schon gekommen! Und dann habe ich es, wenn ich mich richtig erinnere, nichtmals geschafft, das Werk bis zum Ende zu lesen, zu betulich, zu langatmig, zu merkwürdig fand ich das Ganze. Wirklich schade. — Wie witzig, dass wir so oft zu ähnlichn Beurteilungen kommen :-)!!!
    Viele Grüße zum Wochenende, Claudia

    • Hi, das freut mich ja, dass du das ganz ähnlich gesehen hast. Ja, die Suche nach geeigneter Schullektüre ist immer so eine Sache🙂
      Entdeckung der Langsamkeit fand ich in seinen Bezügen zur heutigen Welt und ihrem Tempo ganz lesenswert. Auch dir viele Grüße! Anna

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