Astrid Lindgren: Das entschwundene Land (OA 1975; deutsche Ausgabe 1977)

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Jetzt will ich eine Liebesgeschichte erzählen, keine, die ich gelesen oder mir ausgedacht, sondern nur eine, die ich gehört habe. Oft gehört habe. Darin ist mehr Liebe als in allen, die ich in Büchern fand, und für mich ist sie rührend und schön. Aber das liegt vielleicht daran, daß sie von zwei Menschen handelt, die meine Eltern werden sollten.

So beginnt das einzige Buch, das die vielleicht berühmteste Kinderbuchautorin der Welt für ein erwachsenes Publikum geschrieben hat.

Astrid Lindgren: Das entschwundene Land (1977); ins Deutsche übersetzt von Anna-Liese Kornitzky und im Original 1975 unter dem viel nüchternen Titel Samuel August från Sevedstorp och Hanna i Hult erschienen

Zum Inhalt

Der nur 126 Seiten schmale Band – überdies in großer Schrift – umfasst sechs Kapitel. Das erste und mit ca. 45 Seiten längste Kapitel schildert die Liebesgeschichte von Samuel August von Sevedstorp und Hanna in Hult, also den Eltern von Astrid Lindgren (1907– 2002). Die Kinderbuchautorin „wurde als zweites Kind des Pfarrhofpächters Samuel August Ericsson (1875–1969) und seiner Ehefrau Hanna Ericsson (1879–1961) geboren. Sie hatte einen älteren Bruder, Gunnar (1906–1974), und zwei jüngere Schwestern, Stina (1911–2002) und Ingegerd (1916–1997).“ (Wikipedia)

In der Liebe dieser Eltern sah Lindgren das Fundament ihrer glücklichen Kindheit.

Es war schön, dort Kind zu sein, und schön, Kind von Samuel August und Hanna zu sein. Warum war es schön? Darüber habe ich oft nachgedacht, und ich glaube, ich weiß es. Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit. (S. 44 der dtv-Ausgabe)

Und tatsächlich weht den Leser da noch etwas an von einer anscheinend wahrhaft idyllischen Kindheit:

Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten, wenn wir sie brauchten, uns im übrigen aber frei und unbeschwert auf dem wunderbaren Spielplatz, den wir in dem Näs unserer Kindheit besaßen, herumtollen ließen. Gewiß wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so wie es dazumal Sitte war, aber in unseren Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht. Und wir spielten und spielten und spielten, so daß es das reine Wunder ist, daß wir uns  nicht totgespielt haben. Wir kletterten wie die Affen auf Bäume und Dächer, wir sprangen von Bretterstapeln und Heuhaufen, daß unsere Eingeweide nur so wimmerten, wir krochen quer durch riesige Sägemehlhaufen, lebensgefährliche, unterirdische Gänge entlang, und wir schwammen im Fluß, lange bevor wir überhaupt schwimmen konnten. (S. 44 – 45)

Gehorsam gegenüber den Eltern und Mithilfe sowohl im Haushalt als auch auf dem Feld waren dabei von klein auf selbstverständlich.

Daß wir zur Arbeit angehalten wurden, war die natürlichste Sache von der Welt. Schon mit sechs Jahren mußten wir beim Rübenverziehen und Rupfen der Brennnesseln für die Hühner helfen. Mit dem Heranwachsen wurden wir auch, sofern es nötig war, bei der Erntearbeit eingespannt. […] Was einem aufgetragen war, das hatte man zu tun. Ich glaube, es war eine nützliche Lehre, die einem später im Leben half, auch mit eintöniger Arbeit ohne allzuviel Gestöhne und Gejammer fertig zu werden. (S. 46)

Schön war auch die Beschreibung der Familienfeste. Zu denen musste man oft ja erst stundenlang mit dem Pferdewagen anreisen. Und dann gingen die Erwachsenen sozusagen nahtlos von einer guten Mahlzeit zur anderen über, während die Kinder die Gelegenheit ergriffen, mit all ihren Kusinen und Vettern so viel Unsinn wie möglich zu treiben.

Im nächsten Kapitel erzählt Lindgren dann noch ein wenig mehr aus dem Alltag des elterlichen Pachthofes mit seinen Mägden und Knechten, die ein karges Leben fristeten und kaum etwas ihr Eigen nennen konnten. Aber vor allem gelten ihre Erinnerungen der Natur.

Sie umschloß all meine Tage und erfüllte sie so intensiv, daß man es als Erwachsener gar nicht mehr fassen kann […] In der Natur ringsum war auch all das angesiedelt, was unsere Phantasie zu erfinden vermochte. Alle Sagen und Märchen, alle Abenteuer, die wir uns ausgedacht oder gelesen oder gehört hatten, spielten sich nur  dort ab, ja sogar unsere Lieder und Gebete hatten dort ihren angestammten Platz.  (S. 78)

Und die kleine Astrid war höchst empört, als sie erfuhr, dass ihr Bruder Gunnar das Gebet „Ein reines Herz“ immer mit dem Weg hinterm Kuhstall verknüpfte.

Wie gut hatte es da doch mein „Ein reines Herz“, das so fromm den kleinen Pfad zwischen Faulbaum und Haselstrauch dahinwandern durfte, den Bach entlang, wo im Frühling die Sumpfdotterblumen gelb leuchteten, am Feldrain vorüber mit all den Walderdbeeren und danach an der Quelle, der tiefen und geheimnisvollen, wo in der Sommerhitze die Milch gekühlt wurde, bis hin zu dem uralten Waschhaus, das dort so einsam im Grünen versteckt lag, um schließlich – amen! – am Graben aufzuhören, wo das Goldmilzkraut wuchs. (S. 79)

Im dritten Kapitel erfahren wir, das ihre Leseleidenschaft den Anfang in der Küche einer armen Bauernfamilie nahm. Dort nämlich las die Häuslertochter der kleinen Astrid Märchen vor und von da an war es um Astrid geschehen und als sie selbst lesen konnte und ab und an der Luxus möglich wurde, nicht nur Bücher auszuleihen, sondern sich sogar eines zu kaufen, war die Freude grenzenlos.

Ein Buch ganz für sich allein zu besitzen – daß man vor Glück nicht ohnmächtig wurde! (S. 86)

Zu ihren familiären Pflichten gehörte, ihre kleine Schwester in den Schlaf zu singen, da diese sonst nicht einschlafen wollte. Um trotz der knappen Freizeit Zeit fürs Lesen zu finden, sang Astrid kurzerhand dem Schwesterchen die Bücher vor, die sie gerade las.

Natürlich wird auch – was für ein Zeitsprung – jener Märztag 1944 erwähnt, an dem Lindgren mit verstauchtem Fuß liegen musste und vor Langeweile die Geschichten um Pippi Langstrumpf aufschrieb, die sie sich 1941 für ihre Tochter ausgedacht hatte.

Im vierten Teil des Buches hält sie ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Lesen als dem grenzenlosesten aller denkbaren Abenteuer.

Heutzutage wissen ja wohl alle Eltern, daß ihre Kinder Bücher brauchen … oder etwa nicht? Ich weiß zwar nicht, was ihr euch für euer Kind erträumt und erhofft, aber ich weiß, daß es für alle Wechselfälle des Lebens besser gerüstet ist, wenn es lesehungrig ist. (S. 98)

Das vorletzte Kapitel ist überschrieben mit „Kleines Zwiegespräch mit einem künftigen Kinderbuchautor“. Darin finden sich Banalitäten wie die Empfehlung, so zu schreiben, dass die Sprache für die Zielgruppe verständlich sei, und das ironische „Rezept“, mit dem sich Lindgren von modernen Kinder- und Jugendbüchern absetzt.

Nimm eine geschiedene Mutti – möglichst Klempnerin von Beruf, aber eine Atomphysikerin tut es notfalls auch, Hauptsache, sie „näht“ nicht und ist auch nicht „lieb“ – vermische diese Klempnermutti mit ein paar Teilen Dreckwasser und ein paar Teilen Luftverschmutzung, füge ein paar Teile weltweiten Hunger sowie ein paar Teile Elterntyrannei oder Lehrerterror hinzu, ziehe einige Löffel voll Geschlechterdiskriminierung darunter und streue schließlich reichlich Beischlaf und Drogensucht darüber, dann hast du ein deftiges und gepfeffertes Gulasch … (S. 107)

Im letzten Teil geht sie kurz der Frage nach, wo eigentlich ihre ganzen Einfälle herkommen.

Fazit

Dieser Band zerfällt in völlig disparate Teile, wobei der erste Teil der eigentlich lesenswerte war. Die Liebesgeschichte ihrer Eltern hat mir in ihrer Innigkeit und Schlichtheit sehr gefallen. Ein bisschen, als ob die alten Fotos, die wir alle aus irgendwelchen Familienalben kennen und bei denen wir manchmal nicht einmal mehr wissen, wer die Personen waren, plötzlich zum Leben erwachen. Eine märchenhaft schöne und ganz zeitlose Liebesgeschichte, zumal Lindgren noch aus den Briefen ihrer Eltern zitiert, die diese sich während ihrer langen Brautwerbezeit geschrieben haben. Das Ganze garniert mit ein wenig trockenem Humor.

Noch immer kutschierte er den Pfarrer […] und bisweilen auch die Witwe des Propstes, da Hanna in einem Brief besonders betont: ‚ Wenn Du willst, kannst Du am Sonntag auch ohne Pröpstin kommen.‘ Man hat Verständnis dafür, bei einem Stelldichein sind Pröpstinnen bestimmt nur im Wege. (S. 31)

Aber vor allem fand ich es anrührend, weil diese Liebe über all die Jahrzehnte gehalten hat. Selbst als hochbetagter Witwer hat Samuel August noch immer dankbar der großen Liebe seines Lebens gedacht.

… beide alterten, doch das änderte nichts. Ich erinnere mich ihrer, als sie beide schon die Achtzig überschritten hatten und das Leben um sie herum still geworden war, wie er dort saß und ihre Hände hielt und so zärtlich sagte: ‚Meine kleine Inniggeliebte, hier sitzen wir nun, du und ich, und haben’s schön.‘ (S. 48)

Doch die übrigen Kapitel weisen zwei große Mankos auf: Zum einen verrät Lindgren wenig über sich und ihre tatsächliche Biografie, schwierige Zeiten und konkrete Rahmenbedingungen werden ausgeblendet, und zum andern rutscht ihr Stil oft ins unpassend Simple ab. Ihr Rat, dass ein Kinderbuchautor den sprachlichen Horizont seiner Leser berücksichtigen müsse, kehrt sich hier gegen sie selbst. Ein Buch für erwachsene Leser sollte sich auch einer erwachsenen Sprache bedienen und auch die Gedanken dürften den Schwierigkeitsgrad und die Psychologie eines Pippi Langstrumpf-Bandes übersteigen. Ich möchte da nicht in so einer pseudokindlichen tantenhaften Sprache mit Belanglosigkeiten angesprochen werden.

Anmerkungen

Literaturwissenschaftler haben herausgearbeitet, dass Lindgren keine autobiografischen Schriften im herkömmlichen Sinne verfasst habe. Es ging ihr nicht um die chronologisch angeordnete Darstellung bestimmter Entwicklungsschritte. Eher entwerfe sie ein bestimmtes Bild ihrer Kindheit, das bewusst bestimmte Aspekte und wichtige Fragestellungen ausklammere. So ist das Kind in den autobiografischen Erinnerungen alterslos und wird nirgendwo mit Namen angeredet, die Geschwister werden nur beiläufig erwähnt, der Schulbesuch wird höchstens gestreift. Betont werden stattdessen die Intensität der Naturerfahrung und die Bedeutung von Spiel und Imagination. Manche deuten das als Fortführung des romantischen Kinderbildes, wie es sich in E.T.A. Hoffmanns Märchen Das fremd Kind (1817) verkörpert (vergl. die von Frauke Schade herausgegebene Textsammlung: Astrid Lindgren – ein neuer Blick, 2008, S. 68).

Die Vermeidung konkreter Zeit- und Ortsangaben sorgt dabei für eine gewisse atmosphärische Zeitlosigkeit und gleichzeitig dafür, dass man als Leserin, als Leser doch nun gern der Autorin die ein oder andere Frage stellen würde.

Und in diesen Zusammenhang gehört auch der Titel der deutschen Ausgabe. Lindgren selbst zitiert das Gedicht „Das entschwundene Land“ von Alf Henrikson, das eine Grunderfahrung Lindgrens in Worte fasst. Nicht nur der Verlust der unwiederbringlich verlorenen Kindheit wird besungen, sondern auch der Wandel der Zeit, der sich für Lindgren im Verschwinden der Landstreicher, der Kutschen, der bäuerlichen Hofgemeinschaften und der freien Kinderspiele manifestiert. Nur in der Erinnerung kann das Verlorene noch einmal aufleben. Der dritte Vers des Gedichts lautet:

Weich wie Seide lag der Staub des Weges unter den Kinderfüßen …

In den Worten Astrid Lindgrens klingt das so:

Aber noch habe ich nicht alles vergessen, noch kann ich sehen und den Duft spüren und mich der Seligkeit des Heckenrosenbusches auf der Rinderkoppel erinnern, der mir zum erstenmal gezeigt hat, was Schönheit ist. Noch kann ich an Sommerabenden den Wiesenknarrer im Roggen hören und in den Frühlingsnächten das Rufen der Käuzchen auf dem Eulenbaum, noch spüre ich, wie es ist, aus Schnee und beißender Kälte in einen warmen Kuhstall zu kommen, ich weiß, wie sich eine Kälberzunge auf der Hand anfühlt, wie Kaninchen riechen, wie es im Wagenschuppen duftet und wie es sich anhört, wenn die Milch in den Eimer zischt, und noch kann ich die winzigen Krallen frisch ausgeschlüpfter Küken auf der Hand spüren. Der Erinnerung wert ist dies alles wohl nicht. Das Besondere daran ist die Intensität, mit der man es erlebte, als man noch jung war. Wie lange her das sein muß! Wie hätte sich die Welt sonst so unglaublich verändern können? Konnte das alles wirklich in einem kurzen halben Jahrhundert so anders werden? Meine Kindheit verlebte ich in einem Land, das es nicht mehr gibt, aber wohin ist es entschwunden? (S. 81)

2 thoughts on “Astrid Lindgren: Das entschwundene Land (OA 1975; deutsche Ausgabe 1977)

  1. Es wird aber sehr deutlich, dass Astrid Lindgren ein außergewöhnlich gutes Gespür dafür hatte, was für die kindliche Entwicklung wichtig ist. Inzwischen kommen Forscher wieder zu dem Schluss, dass heutigen Kindern gerade das freie Spiel, das unbeaufsichtigte Ausprobieren fehlt. Es ist wirklich erstaunlich, dass diese andere Welt von damals in so kurzer Zeit fast völlig verschwunden ist!
    Viele Grüße,
    Marlene

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