Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013)

Wir hatten als einzige einen Kirschbaum.

Er stand in der Mulde neben dem Haus,

ein wenig geschützt vor dem eisigen Wind.

Um ihn durchzubringen, ging mein Vater in den Frostnächten hinaus,

ein kleines Feuer anzuzünden, das rauchte weiß wie die Blüten. 

So steht es auf der zweiten Seite des faszinierenden Buches

Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013)

Zum Autor

Erich Hackl wurde 1954 in Österreich geboren. Stefan Howald schreibt in der Wochenzeitung am 2. September 2010 über ihn: „Seit seinem Erstling vor über zwanzig Jahren hat Erich Hackl praktisch ein eigenes Genre entwickelt und gepflegt. Auf historisch-dokumentarischen Recherchen aufbauend, vergegenwärtigt er Geschichte durchs Einzelschicksal. […] Den Sprachlosen und Vergessenen verleiht er eine Stimme und hält sie im kollektiven Gedächtnis.“ Eva Menasse hat ihn 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal als diesen“ besessene(n) Rechercheur und Grenzgänger zwischen Literatur und literarisch-historischer Reportage“ bezeichnet.

Zum Inhalt

Hier nun verdichtet Hackl die Erinnerungen seiner Mutter Maria an ihre ersten 25 Jahre als Bauerstochter in der österreichischen Provinz nahe der tschechischen Grenze so sehr, dass man stellenweise meint, ein einziges langes Gedicht mit vielen Strophen zu lesen. Das genaue Geburtsdatum findet sich leider nirgendwo. Vermutlich zwischen 1920 und 1930.

Dabei wird keine fortlaufende Handlung geschildert. Stattdessen werden bestimmte Schlaglichter gesetzt, die zusammen betrachtet so etwas wie das Panorama einer untergegangenen Epoche ergeben. Beschönigt wird hier nichts: Die Tante Marias starb während einer Zwangsabtreibung, das nahm eine gute katholische Familie eher in Kauf als die Schande eines unehelichen Kindes.

Die Arbeit auf dem Feld, die Armut, besonders in den Familien mit zehn und mehr Kindern;  Klassenkameraden Marias, die oft nur verschimmeltes Essen mit in die Schule bringen konnten. Die Mäuse im Haus, die Ratten im Stall. Hartherzige Priester, die Züchtigungen in der Schule. Der Nachbar, von dem alle wussten, dass er seine Töchter vergewaltigte und der trotzdem keine Anzeige fürchten musste. Die Männer, von denen mehr als einer sein Hab und Gut versoffen hat. Der große Brand, der viele im Dorf obdachlos machte. Später dann die Machtübernahme der Nazis, die ersten Zwangsarbeiter, die marodierenden Russen bei der Befreiung.

In dieser harschen und abgeschiedenen Welt gilt zunächst einmal alle Kraft dem wirtschaftlichen Überleben. Schon der Vater Marias sollte als Sechsjähriger einer kinderlosen Verwandten „geschenkt“ werden, damit er deren Hof erbt. Als er von dort wegläuft und wieder nach Hause kommt, schämen sich seine Eltern.

Eine eigene Stimme, ein eigenes Empfinden wird gleich unter Generalverdacht gestellt und so ist der Vater ganz und gar nicht begeistert, als Maria ihre Schwester und eine Tante in Wien besucht, die dort als Dienstmädchen arbeiten. Als sie zurückkommt und voll Verzückung ob all des unerhört Neuen und Schönen dem Vater gesteht, in Wien sei es gerade wie im Paradies, kann der nur kontern mit Beschimpfungen und der guten Luft, die sie auf dem Lande doch hätten.

Ich war noch nicht einmal siebzehn,

trug Zöpfe, lief barfuß, betete dreimal am Tag    

und ehrte den Vater in Wort und Werk.                      

Dagegenreden, wie meine Schwester,                     

übte ich erst nach seinem Tod.

Für viele Worte und Gefühle ist in dieser Welt kein Platz. Nur durch Zufall kann Maria ihren alt und deshalb nutzlos gewordenen Hund Lord vor dem Abdecker retten. Und Worte für Gefühle gibt es schon gar nicht.

Ich weiß, was Liebe ist, aber ich konnte sie nie benennen, auch nicht für mich. Gernhaben und Mögen, andere Wörter hatten wir nicht.

Daneben und mittendrin gibt es aber auch das Andere, das Gewitzte, Lebenslust und Freude, z. B. an der ruhigen Stunde nach getaner Arbeit oder an den Bällen, wo man auch schon einmal zwei Paar Schuhe durchtanzt, und eine unglaubliche Schönheit.

Fazit

Es war bedrückend, von den Härten zu lesen, die in einer bäuerlichen Gemeinschaft auszuhalten waren. Die Armut, die Sprachlosigkeit, der unbarmherzige Katholizismus, die z. T. mörderischen Moralvorstellungen. Die starren Rollenbilder, aus denen weder Mann noch Frau ungestraft ausbrechen konnten.

Das Buch zwang mich, genau und noch genauer hinzuhören, viele Stellen mehrmals zu lesen, denn Maria spricht leise und scheint sich kaum vorstellen zu können, dass man ihr wie gebannt zuhört und sich kaum lösen kann, dabei scheint sie doch immer wieder hinter dem Erzählten und Erinnerten zu verschwinden, diskret, kunstlos, schnörkellos, alltäglich wie sie ist.

Hackl hat hier etwas geschrieben, was ich in dieser Form noch nie gelesen habe und was ich uneingeschränkt empfehle. Am liebsten würde ich seitenlang zitieren.

Die folgende Passage hat mich sofort an Brechts „Vergnügungen“ erinnert.

Schlitten fahren.
Die jungen Katzen im Korbwagen spazierenfahren.
Auf dem Jahrmarkt mit dem Ringelspiel fahren.
Ein Rehkitz mit der Flasche aufziehen.
Das Roß striegeln.
Der alten Einlegerin die weißen Haare kämmen.
Von der Störschneiderin ein Märchen erzählt bekommen.
Dem Edi beim Faxenmachen zuschauen.
Den Schaum vom Bierglas schlecken.
Auf dem Dachboden alte Bücher finden.
Neben dem Fluder kleine Wasserräder laufen lassen.
Beim Brotbacken helfen.
Aufs Christkind warten.
Ans Christkind glauben (ein Mädchen wie ich, nur blond).
Das Christkind sehen (einen Zipfel seines himmelblauen Nachthemds).
Wenn es regnet, trocken bleiben.
Zum Essen sich Zeit nehmen dürfen.
Früh ins Bett gehen dürfen.
Beten.
Einen Schutzengel haben.
Ein gutes Wort hören.
Sich freuen.
 
 Anmerkungen
 

Hackl erklärt in seiner Nachbemerkung, dass er sich den Titel des Buches von Bettina von Arnims Dieses Buch gehört dem König ausgeborgt habe. Aber außerdem habe er zeigen wollen, „wie es Menschen trotz Armut und Mühsal gelingt, sich über die fremdbestimmten wie selbstverschuldeten Verhältnisse zu erheben, für einen Moment oder länger. […] Ich halte mich dabei an die Geschichten meiner Mutter, nehme mir aber die Freiheit, ihr Einsichten zu gestatten, die sie nicht auszudrücken vermochte oder zu denen sie nie gelangt ist. Die Freiheit, ihr mein Gewissen anzudichten. Ich glaube nicht, daß sie oder mein Vater dagegen Einspruch erheben würde.“

 

Ich gab immer zuviel auf das,

was die anderen sagten.

Das war mein Fehler

mein Lebtag lang

und schon damals.

Mag sein, dass mich an einigen Stellen das Hinzugedichtete – gerade in der sprachlichen Rhythmisierung – ein bisschen gestört hat, aber viel mehr bedauere ich, dass ich nicht mehr mit meiner Großmutter – Jahrgang 1919 – über dieses Buch sprechen kann. Ob sie nicht vieles ganz ähnlich erlebt hat? Hackl hat in den Erinnerungen seiner Mutter viel mehr verdichtet als die Geschichte einer einzelnen Frau.

Setzt das Buch ganz oben auf die Liste der Bücher, die ihr über die Feiertage lesen wollt.

Hier geht’s lang zur Besprechung von Tobias Becker auf Spiegel online. Dort gibt es auch ein schönes Kinderfoto Marias mit ihrem Hund Lord.

Weitere Besprechungen finden sich auf dem Blog Leselust und dem Psychosemitischen Buchblog.

12 thoughts on “Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013)

  1. Liebe Anna,
    vielen Dank für Deine schöne Besprechung und das „wärmstens-ans-Herz-legen“ von Hackles Buch. Die Geschichten, die Du hier erzählst über Marias Leben auf dem Dorf hören sich sehr ähnlich an, wie die Erzählungen meiner Schwiegermutter aus Ostpreußen – allerdings von der Kindheit ihrer Mutter, also noch einmal ca. 20 Jahre früher. Wer konnte, ist eben weggegangen in die großen Städte, so wie Maria wahrscheinlich auch. Und Hackls Bücher finde ich immer sehr, sehr beindruckend und habe großen Respekt vor der Lektüre, weil seine Bücher immer mitten ins Herz gehen, wenn er, wie Du so schön schreibst, stellvertretend am Beispiel eines Schicksals die Geschichten vieler anderer Menschen erzählt.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      das war ja erst das zweite Buch, das ich von Hackl gelesen habe, aber sicherlich nicht das letzte. Es ist unglaublich – und manchmal auch erschreckend, wie nahe einem seine Charaktere kommen können. Und hier war die Sprache, die Stimme, die er seiner Mutter gegeben hat, etwas ganz Besonderes. Falls du es also irgendwann lesen solltest, freue ich mich schon auf deine Eindrücke.
      Reichlich erkältete Grüße, Anna

  2. Liebe Anna,

    auch mich hat dieses Buch sehr stark beeindruckt. Es war mein erstes Buch von Hackl und ich habe zunächst gebraucht, um in die Sprache hineinzufinden, doch dann habe ich mich aus der Geschichte der Mutter kaum noch lösen können. Es ist ein stilles Büchlein, das jedoch eine große Nachwirkung hat. Zumindest auf mich.🙂

    Liebe Grüße
    Mara

    • Ja, so ging mir das auch. Ich hätte am liebsten jede Seite zweimal gelesen (und habe das auch bei vielen Seiten getan). Ich würde so gern deine Besprechung in „Bücher“ lesen, aber unser Kleinstadtzeitschriftenladen war gar nicht amüsiert über die Frage, ob sie denn auch Literaturzeitschriften führen. Da muss ich mich wohl noch in Geduld üben😦
      LG Anna

  3. Pingback: BuchSaiten Blogparade 2013 | buchpost

  4. Liebe Anna,
    Habe gerade erst diese Besprechung entdeckt (tauche gerade erst wieder auf in der Welt) . Eine wirklich schöne Besprechung eines Buches, das ich wohl unbedingt lesen muss. Es erinnert mich an meine hinterpommersche Oma, die Mutter meiner gerade verstorbenen Mutter also. Es gibT wohl verschiedenste Formen von Annäherung und Trauer.
    Liebe Grüsse, Kai

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s