Elke Schmitter: Frau Sartoris (2000)

Die Straße war frei. Es nieselte, wie so oft bei uns in der Gegend, und die Dämmerung ging in Schwärze über – man kann also nicht sagen, daß die Sicht besonders gut war. Vielleicht habe ich ihn deshalb erst sehr spät gesehen, wahrscheinlich aber doch, weil ich ich in Gedanken war. Ich bin oft in Gedanken. Nicht, daß etwas dabei herauskäme.

So beginnt der 159 Seiten schmale, aber kraftvolle erste Roman der Journalistin

Elke Schmitter: Frau Sartoris (2000)

Zum Inhalt

Ein Hinweis vorweg: Trotz der Länge meines Posts gehe ich nur auf das erste Drittel der Handlung ein, d. h. es bleibt bei eigener Lektüre genug zu entdecken.

Gleich zu Beginn erfahren wir also, dass Frau Sartoris einen Menschen angefahren hat. Anscheinend vorsätzlich. Und es dauert nicht lange, bis sie die Zeitungsartikel erwähnt, in denen von Fahrerflucht die Rede ist. Der Täter konnte unerkannt entkommen, das Opfer ist noch an der Unfallstelle verstorben.

In immer enger werdender Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart lässt Margarethe Sartoris, inzwischen Ende 40 und Mutter einer 18-jährigen Tochter, ihr Leben, ihre Ehe mit Ernst und ihr provinziell-unglückliches Leben Revue passieren.

Als hübsche junge Frau hat sich Margarethe in Philip verliebt, den sie bei einem Tanzkurs kennengelernt hatte.

… und dann begann der Unterricht mit einer Rumba. Das war immer mein Lieblingstanz. Man durfte die Hüften bewegen, man sollte sogar – und nicht so eilig wie beim Cha-Cha-Cha, sondern langsam und ausgreifend. Es gab mir ein süßes Gefühl, auf das Standbein zu wechseln, kurz innezuhalten und dann mit einer Verzögerung nach rechts auszuschreiten, in großem Abstand vom Partner, geordnet, aber voll Spannung. Ich liebte die einsame Drehung, die Bewegung ins Freie, die Geometrie des Ganzen und auch die Möglichkeit, sich lange anzusehen, bevor man wieder ein Paar wurde. Ich fühlte mich mächtig bei diesem Tanz, unwiderstehlich, vollkommen bei mir und doch auf ihn bezogen ohne Unterlaß. (S. 25)

Mit ihm ist sie glücklich und fühlt sich von einer Art Seligkeit getragen. Was sie miteinander sprechen, vergisst sie sofort. Erst verspätet – als sie längst schon ein Paar sind – wird ihr klar, dass Philip aus einer wohlhabenden Familie stammt. Aus Angst, ihn zu verlieren, spricht sie nicht mit ihm über ihre Ängste.

Ich konnte singen und tanzen, ich zeichnete recht gut, ich galt als Schönheit und konnte mir allerlei vorstellen. Aber wie ich meine Eltern und die Familie Rhienäcker miteinander bekannt machen sollte, das konnte ich mir nicht vorstellen. Wir sprachen nicht darüber. Ich wollte nichts zerstören, und ich verließ mich auf ihn. Er war in seiner Zärtlichkeit so sicher, in seiner Zartheit ganz auf mich bezogen, daß ich mir nichts anderes vorstellen wollte, als daß es immer so weiterging. (S. 33)

Es geht aber nicht so weiter. Ihr Mädchentraum zerplatzt, als Philip ihr einen Abschiedsbrief schreibt. Margarethe wird daraufhin mit einem Nervenzusammenbruch in ein Sanatorium eingeliefert, in dem sie Monate lang bleibt. Eine der ihr verordneten Übungen lautet, sich in einem Spiegel anzusehen.

Ich sollte sehen, daß ich ein hübsches junges Mädchen war und das Leben noch vor mir hatte. Aber was ich sah und wußte, löste nichts in mir aus. Der blaue Himmel freute mich nicht, die schlotternden Kleider schreckten mich nicht, der Käse schmeckte mir nicht. Daß meine Eltern mich liebten, das war eben so. Traurig für sie, dachte ich, aber ich dachte es nur, ich fühlte es nicht. Ich fühlte ja auch nichts für mich selbst. So ist es lange geblieben. (S. 37)

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik ist sie eher die Beobachterin ihres eigenen Lebens, sie plant nichts und hofft nichts mehr und sagt selbst, dass sie überhaupt wenig über alles nachgedacht habe. Margarethe nimmt ihre Arbeit als Büroangestellte wieder auf und tritt „auf Geheiß“ ihrer Eltern in einen Kegelclub ein, in dem sie den gut aussehenden Ernst kennenlernt, der im Krieg ein Bein verloren hat. Besonders dessen Mutter Irmi mag sie sehr gern.

Vielleicht hätte Margarethe sich vollständig erholen können, aber dann liest sie in der Zeitung von Philips Verlobung mit einer Bankierstochter. Sie reagiert quasi automatisch, von ihren Gefühlen getrieben. Immer noch auf ihn fixiert, beschließt sie, dass Philip auf keinen Fall der erste sein dürfe, der heiratet.

Ich würde Ernst heiraten und mit ihm und Irmi leben; Ernst sah immerhin gut aus, er trug mich auf Händen, verdiente anständig und war ein lieber Kerl, der mir nichts abschlagen würde; und Irmi war einfach ein Schatz. Ich stellte es mir schön vor, sie um mich zu haben, und ich stellte mir die fassungslose Dankbarkeit von Ernst vor, wenn er seine Mutter, die Kriegerwitwe, nicht allein lassen mußte, sondern mit in die Ehe bringen durfte. Ich würde weiter arbeiten, wir würden abends oft unter Leuten sein – aus dem Tanzen würde nun nichts mehr werden -, und wenn wir nach Hause kamen, wäre Irmi da, Lebendigkeit und etwas Fröhliches. Wir würden vielleicht ein Kind haben. Vor allem aber würden wir eine große Hochzeit haben, noch in diesem Sommer, in einem Festsaal mit Kapelle und großer Gesellschaft; ich würde gedruckte Karten verschicken und eine Anzeige aufgeben […] Ich würde die erste sein. Von da an war es ein kalter Rausch. (S. 41 – 42)

Und so kommt es auch: Sie heiratet Ernst, der als Invalide glücklich und dankbar ist, die schöne Margarethe heiraten zu dürfen. Was sie dabei völlig ausblendet, sind die langfristigen Folgen ihres Tuns, auch für sich selbst. Schon die Hochzeitsreise – so 24 Stunden allein miteinander – überfordert die beiden. Margarethe richtet sich in ihrem nach außen hin vorzeigbaren Leben im Deutschland der Wirtschaftswunderjahre ein. Berufstätig und ansonsten immer an der Seite ihres geselligen Gatten, dabei innerlich gänzlich unbeteiligt.

Mit 28 bekommt Margarethe eine Tochter, mit der sie jedoch von Anfang an nichts anfangen kann.

Daniela war mir manchmal ein bißchen zuwider. Als kleines Mädchen sah sie sich um, wenn sie fiel, und wenn sie jemand beobachtet hatte, dann fing sie laut an zu weinen. Sie hielt ständig Ausschau nach uns, aber nicht weil sie mit uns zusammensein wollte, sondern weil sie zu berechnen schien, wie sie sich verhalten sollte. (S. 47)

Margarethes Tendenz, ihr eigenes Leben nur noch von der Zuschauertribüne zu verfolgen, verstärkt sich.

Man sagt, daß die Jahre schneller vergehen, wenn man älter wird, aber mir kam es schon damals so vor, als stünde alles still. Daniela wurde größer, Ernst wurde dicker. Irmi wurde älter, nur mußte sie blutdrucksenkende Mittel nehmen, was sie aber meistens vergaß. Ich erinnere mich nicht an Ereignisse, ich sehe uns wie auf Fotos: Fünfzehn Jahre auf der Couchgarnitur, deren Bezüge langsam dunkler wurden, bis wir eine neue anschafften. Die Holzschale aus Spanien, in der die Salznüsse waren; ein kleiner Krug aus Zinn, […] die Untersetzer aus Kork. (S. 49 -50)

Mit Anfang 40 lernt Margarethe dann den neuen Kulturamtsleiter kennen, und ihre leblos-wohlgeordnete Reihenhaus-Idylle fängt an zu bröckeln, bis am Ende nichts mehr ist, wie es mal war.

Fazit

Unbedingt lesenswert. Margarethe ist nicht nur eine Ich-Erzählerin, die mit ihrer scheinbar einfachen Sprache und ihrer mitleidlosen Beobachtungsgabe die Nachkriegsgemütlichkeit  prägnant auf den Punkt bringt.

Auch der Blog Beauty is a sleeping cat streicht die Sprache besonders heraus: „… what makes this book truly masterful is the way it’s told. There are passages in the narration that I would call “litanies” in which Mrs Sartoris enumerates things. In one instance she talks about all the meaningless sentences she doesn’t want to say anymore. Reading them in rapid succession is eerie to say the least and makes the reader think how often one uses empty phrases just like that. How many meaningful conversations do we have day in and out? Another litany enumerates all the things Mrs Sartoris has never had in her life and this reveals so much bleak emptiness, it’s  chilling.“

Margarethe ist darüber hinaus aber auch eine interessante Hauptfigur, die zwar um sich herum alles klar benennen kann, doch ihren eigenen Gefühlen und dem Wunsch, sich lebendig zu fühlen, hilflos gegenübersteht. Und immer ist sie im falschen Moment bereit, ihre Passivität aufzugeben.

… und aus einem ähnlichen Gefühl hatte ich ja Ernst genommen – irgendeiner mußte es sein, und am Ende machte es keinen großen Unterschied. Wir wollten alle ein Häuschen mit Garten und Kinder und nach Spanien reisen und in Frieden älter werden, und wenn man sich nicht grob täuschte, dann konnte man schon zufrieden sein … (S. 70)

Ihre Vorstellung von Liebe erscheint seltsam unreflektiert. Für sie ist ein Mann, der ihre Leidenschaft weckt, automatisch die große Liebe, was nahezu zwangsläufig in einer Katastrophe enden muss. Nicht zufällig findet sich im Roman eine Anspielung auf Madame Bovary.

Die Struktur des Buches mit seinen Zeitsprüngen wirkt nicht gekünstelt, sondern ergibt sich quasi selbstverständlich aus der Art ihres Erinnerns.

Und nicht zuletzt fand ich das Buch spannend. Natürlich wollte ich wissen, was es mit dem Autounfall, der schon im ersten Abschnitt genannt wurde, auf sich hat.

3 thoughts on “Elke Schmitter: Frau Sartoris (2000)

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