Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben (OA 2006; deutsche Ausgabe 2008)

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass meine Lebenserinnerungen, wenn ich sie jemals niederschreiben sollte, mit einem großartigen ersten Satz anfangen müssten: mit etwas Lyrischem wie Nabokovs ‚Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden‘ oder, falls das Lyrische mir nicht so läge, vielleicht mit etwas Philosophischem wie Tolstois ‚Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich‘. An solche Sätze erinnert man sich, wenn man alles andere in diesen Romanen schon längst vergessen hat. Der beste aller Anfangssätze ist meiner Meinung nach jedoch die Zeile, mit der Ford Madox Ford seinen berühmtesten Roman beginnt: ‚Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe.‘ Das habe ich bestimmt schon Dutzende von Malen gelesen, und es haut mich immer wieder um. Ford Madox Ford war ein ganz Großer.

So beginnt das zweite Buch des 1940 geborenen Autors

Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben (2008), im Original unter Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife (2006) erschienen

Zum Inhalt

Der ließe sich in einem Satz zusammenfassen: Eine belesene Ratte schreibt ihre Lebenserinnerungen nieder.

Geboren von einer alkoholsüchtigen Mutter, gestraft mit zwölf durchsetzungsfreudigen Geschwistern, so wächst das Rattenkind Firmin im Keller einer Bostoner Buchhandlung in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf.

Firmin muss zusehen, dass er genug zu fressen bekommt, da er schwächlicher als seine Geschwister ist. Also knabbert und nagt er sich durch die Bücher in den Regalen, bis er feststellt, dass er dabei lesen gelernt hat. Diese Fähigkeit macht ihn zu einem eigenbrötlerischen Außenseiter und er findet sein Glück darin, sich heimlich durch die ganzen Werke in der Buchhandlung zu ackern und sich dabei einen beachtlichen Wissensschatz anzueignen.

Darüber hinaus ist er – selbst für eine Ratte – außerordentlich hässlich:

Kopflastig und schwachgliedrig, gewöhnte ich mir eine schwerfällige Gangart an, und während ich mir später einbildete, sie verleihe mir eine Aura von Seriosität und Würde, ließ sie mich anfangs nur noch verrückter aussehen. Ich konnte nichts dagegen machen, beim Gehen oder Traben schwang mein überdimensionaler Kopf hin und her, was an einen Ochsen denken ließ. Meine Frontlastigkeit hatte außerdem zur Folge, dass ich oft auf die Nase fiel, was die anderen natürlich unendlich lustig fanden. (S. 44)

Dennoch neigt Firmin ein wenig zur Eitelkeit. Als er wegen eines Beinbruchs humpelt, findet er das ganz schick.

Wenn überhaupt, dann fand ich, dass es mir ein distinguiertes Aussehen verlieh. Gern hätte ich einen kleinen Stock und eine Sonnenbrille hinzugefügt. Ausdrücken wie panache und debonair habe ich mich immer nah gefühlt. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich mir auch noch einen kleinen schwarzen Spitzbart wachsen lassen. (S. 136)

Er kann aber nicht nur lesen, sondern darüber hinaus auch die Sprache der Menschen verstehen. Sein großer Kummer ist, dass er sich ihnen nicht verständlich machen kann, obwohl er alles probiert. Sogar Zeichensprache studiert er, doch alles was er damit zum Ausdruck bringen kann, ist: „Auf Wiedersehen, Reißverschluss.“ Was ihn allerdings wieder vor das Problem stellt, wo er einen Taubstummen findet, der den Satz überhaupt verstehen könnte.

Seine Versuche, sich mit dem Buchhändler Norman anzufreunden, enden damit, dass Norman ihn mit kleinen rosa Kügelchen umbringen will. Doch ein anderer Hausbewohner, der Trinker und Science Fiction-Autor Jerry Magoon, findet das verletzte Kerlchen und gewährt ihm Asyl. Firmin und Jerry kommen eigentlich gut miteinander aus, auch wenn es ihn traurig macht, von seinem Retter nur als putziges Haustier missverstanden zu werden. Doch auch dieses Zuhause ist bedroht: Jerry erleidet einen Schlaganfall und zudem soll das ganze heruntergekommene Stadtviertel abgerissen und saniert werden.

Fazit

Vielleicht hätte ich Firmin auf Englisch lesen sollen. Es hat mich gestört, dass schon der dritte Satz des  Eingangszitats nur unvollständig wiedergegeben wurde. Im Original heißt es: „When it comes to openers, though, the best in my view has to be the beginning of Ford Madox Ford’s The Good Soldier: ‚This is the saddest story that I have ever heard.'“

Und Ratten sind für mich – auch nach der Lektüre – noch immer keine Sympathieträger, zumal Firmin manchmal ziemlich geschwätzig daherkommt, dennoch ist das Buch eine bezaubernde Liebeserklärung an die Literatur. Und Firmin verdankt den Büchern ja buchstäblich sein Überleben.

Und in Afrika essen darbende Kinder bei Hungersnöten Erde. Wenn man hungrig genug ist, steckt man sich alles in den Mund. Das Kauen und Runterschlucken von irgendetwas ist an sich, auch wenn es keinerlei Nährwert hat, Nahrung fürs Träumen. Und Träume von Nahrung sind genau wie andere Träume – man kann davon leben, bis man stirbt. (S. 27)

Allzu viel erfahren wir dabei zwar nicht über die Bücher, die er liest, Savage bleibt da meist – wie das Eingangszitat zeigt – beim Namedropping bekannter Werke.

Dennoch: Die Literatur macht hier ein Außenseiterleben erträglich, ja verleiht ihm Weite und Glanz, auch wenn es nur in Firmins Tagträumen ist.

Wenn ich einen Satz träume, wie zum Beispiel ‚die Musik verklang, und in der Stille ruhten alle Augen auf Firmin, der reserviert und gelassen am Eingang zum Ballsaal stand‘, dann sehe ich nie eine zu kleine, kinnlose Ratte am Eingang des Ballsaals. Die Wirkung wäre eine ganz andere. Nein, ich erblicke immer jemanden, der Fred Astaire sehr ähnlich sieht: schmale Taille, lange Beine und ein Kinn wie eine Stiefelspitze. Manchmal kleide ich mich auch wie Fred Astaire. In dieser speziellen Szene  trage ich Frack und Gamaschen und Zylinder. Die Beine in Höhe der Fußgelenke gekreuzt, stütze ich mich lässig auf einen Stock mit silbernem Knauf. (S. 104)

Oder ist es eher so, dass hier jemand durch die Literatur zum Außenseiter wird? Sie verstärkt die Einsamkeit Firmins, der sich und seine literarischen Reisen und Einsichten niemandem mitteilen kann.

Als promovierter Philosoph lasst Savage seinen kleinen grauen Helden auch über den Sinn des Lebens nachsinnen.

Sollte ich, ungeachtet meines absonderlichen Aussehens, zu etwas Großem berufen sein? Zu einem Schicksal, meine ich, wie es die Figuren in Geschichten haben, wo alle Ereignisse eines Lebens, mag es darin auch noch so brodeln und wirbeln, in all dem Brodeln und Wirbeln am Ende ein sinnvolles  Muster erkennen lassen? In Geschichten hat ein Leben immer eine Richtung und eine Bedeutung. (S. 56)

Doch am Laufe eines Rattenlebens – geboren zu werden, die Kindheit zu überstehen, eine gute Zeit zu haben, um dann schließlich alt, gebrechlich und einsam zu sein – ändert auch die Literatur nichts.

Ich glaube immer, alles währt ewig, doch das ist nie der Fall. Tatsächlich existiert alles nur einen Augenblick, außer den Dingen, die wir im Gedächtnis behalten. Ich versuche stets, alles festzuhalten – ich würde lieber sterben, als zu vergessen. (S. 176)

Anmerkungen

Im Telegraph gibt es einen interessanten Artikel über den Autor, der ja erst sehr spät zu literarischem Ruhm gekommen ist und ein eher unstetes Leben geführt hat. Auf die Frage, weshalb er so lange mit seinem ersten Roman gewartet habe, erklärt er u. a.: „I couldn’t have written it at any other time. But also, Firmin’s essential experience is of failure – failure to write, failure to complete – and I’d had that experience. You can’t have that at 30, because you think it’s going to happen: you have to reach a certain age before you realise that it isn’t.“

Gern verweise ich auf die Besprechungen auf dem Grauen Sofa, wo ich zum ersten Mal auf das Buch aufmerksam wurde, und auf dem Blog Biblionomicon.

6 thoughts on “Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben (OA 2006; deutsche Ausgabe 2008)

  1. Ich bin´s noch einmal. Nun habe ich auch den ganzen Firmin-Beitrag gefunden und mich beim Lesen wieder an die Geschichtes des Ratten-Lebens erinnert. Ich denke, Firmin ist von Anfang an ein Außenseiter gewesen: das schwächlichste der Geschwister, das beim Essen leer ausging. Vielleicht könnten ja auch die anderen Ratten (gilt das wohl nur für Ratten?🙂 ) lesen, wenn sie sich mal mit Büchern auseinandersetzen würden, statt immer auf der Straße herumzusausen, im Müll der Menschen zu schnüffeln und den Alkoholismus der Mutter nachzumachen. Dafür werden sie ja dann auch gerne mal in jungen Jahren von Autos überfahren, während Firmin mit seinen Büchern steinalt wird – obwohl das ja, wieder wie im wahren Leben, auch seine dramatischen Seiten hat.
    Und ob Jerry Magoon wohl ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Autor hat? Das haben wir in unserem Literarischen Quartett tatsächlich diskutiert.
    Vielen Dank fürs Erinnern an einen ungewöhnlichen und schönen Roman – und Danke fürs Verlinken!
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia, ich bin total froh, dass du mich auf das Buch aufmerksam gemacht hast. Zuerst war ich ein bisschen skeptisch, aber als ich mir überlegte, welche Zitate ich in meiner Besprechung anführen will, stieß ich auf immer mehr, was ich interessant, skurril, bedenkenswert fand. Und was die Ähnlichkeit zwischen Autorenfoto und Magoon angeht, der Punkt geht klar an euch. Dir ein schönes (Lese-)Jahr 2014! Anna

  2. Ich habe dieses Buch geliebt, Anna. Und ich merke gerade, dass bei mir nicht mehr viel hängengeblieben ist. Werde es wohl mal wieder heraussuchen.🙂
    Herzliche Grüsse
    Charlotte

  3. Liebe Anna, ich habe genau dasselbe gedacht wie du, als ich die ausgewählten Zitate in deiner Rezension gelesen habe: Das klingt im Englischen sicher besser. Im Deutschen kommt der Erzählton irgendwie sehr behäbig daher und schreckt mich daher leider eher ab…dennoch danke für diese aufschlussreiche Kritik🙂 Lg, Karo

    • Das kann ich gut verstehen🙂
      Wobei die Gedanken über Literatur durchaus interessante Fragen aufwerfen, aber: Zum Glück gibt es ja unendlich viele andere interessante und verlockende Titel. In diesem Sinne: Viel Freude beim Lesen und auch sonst so. LG Anna

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