Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich so, wie es nie war (2013)

Mein erster Toter war ein Rentner. Lange bevor in meiner Familie ein Unfall, eine Krankheit und Altersschwäche die nächsten geliebten Menschen verschwinden ließen, lange bevor ich hinnehmen musste, dass der eigene Bruder, der zu junge Vater, die Großeltern, ja selbst der Kindheits-Hund nicht unsterblich waren, und lange bevor ich in ein zwanghaftes Dauergespräch mit meinen Gestorbenen geriet – so heiter, so verzweifelt -, fand ich eines Morgens einen toten Rentner.

So beginnt der zweite Erinnerungsband des Schauspielers

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich so, wie es nie war (2013)

Zum Inhalt

Joachim Meyerhoff – einer der drei Söhne des ehemaligen Direktors der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig – erzählt aus seiner Kindheit. Die Erinnerungen beginnen kurz nach seinem siebten Geburtstag und enden, als er ca. Mitte zwanzig ist. Dabei kreisen viele der Geschichten um den schwer übergewichtigen Vater, der so gerne abnehmen möchte und Bücher und Zeitschriften und Zeitungen in sich hineinstopft und sich danach an alles erinnern kann, was er gelesen hat.

Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der so wahllos hochgebildet war wie mein Vater. Er konnte sich für die Deutsche Hitparade genauso begeistern wie für die Kindertotenlieder von Gustav Mahler. Er studierte die täglichen Werbeprospekte mit derselben innigen Begeisterung wie Hölderlin-Gedichte. Nichts war ihm zu entlegen, dass es nicht wert gewesen wäre, es zu wissen. (S. 171)

Der Vater geht in seiner Arbeit mit den Kranken völlig auf und fühlt sich unter ihnen wohler als unter Gesunden. Zu seinen Geburtstagen kommen nicht etwa Freunde oder Verwandte zu Besuch, sondern eine kleine Schar von Psychiatriepatienten, z. B. Ludwig.

Ludwig trug ausnahmslos Latzhosen und hakte, wenn er nicht gerade tastend seine blassen Nosferatu-Finger über den Tisch krabbeln ließ, seine Daumen unter die Verschlüsse der Träger. Er hatte Todesangst vor unserem Hund, wünschte sich aber nichts sehnlicher, als ihn zu streicheln. (S. 69)

Vater Meyerhoff wird nicht müde, seine Söhne zu Toleranz zu erziehen, und wenn sich einer der Jungen weigert, bei der Geburtstagsfeier des Vaters neben einem übergewichtigen Mädchen mit  deformiertem Kopf zu sitzen, dann ist er es, der auf die verborgene Schönheit eines jeden Menschen aufmerksam macht.

Eindringlich sprach er darüber, wie verwundert er oft sei, wenn er die Patienten nachts in ihren Betten sehe: ‚Da denke ich, ich kenne ein Mädchen seit Jahren, und plötzlich sehe ich sie schlafen. Entspannt, ruhig atmend, mit einem völlig anderen Gesicht. Und dieses arme Mädchen, das den ganzen Tag Fratzen schneiden muss und sich die Hand an den Kopf schlägt, das liegt dann da und ist wunderschön. (S. 71)

Doch dieser Seelenfachmann macht als Vater nicht immer die beste Figur. Der älteste Sohn taucht ab in sein muffiges Zimmer, das nur notdürftig von mehreren 100-Liter-Aquarien erhellt wird, der mittlere Sohn bekommt 20 Pfennig zugesteckt, wenn er es schafft, einen Tag lang mal nicht zu weinen. Und der jüngste, Joachim, wird von seinen Brüdern wirklich gnadenlos gepiesakt. Sie erzählen ihm beispielsweise, dass er eigentlich ein adoptiertes Kind aus der Psychiatrie sei. Joachim schließlich neigt zu Tobsuchts- und Jähzornanfällen, vor denen nichts und niemand sicher ist, hat Mühe, Lesen und Schreiben zu lernen, wird von der Grundschule suspendiert – heute würde mal wohl ADHS diagnostizieren.

Er kommt, nachdem er Winnetou gesehen hat, auch auf die eher absonderliche Idee, den von ihm geliebten Familienhund zum Blutsbruder zu machen. Nach dieser Aktion ist der Hund nie mehr gemeinsam mit ihm in den Keller gegangen und er musste – genau wie Joachim – genäht werden.

Joachim liebt die Momente, in denen er seinen Vater in dessen Behandlungszimmer besuchen darf und von ihm fachgerecht abgeklopft und untersucht wird.

Mein Vater untersuchte mich mit wirklicher Hingabe, und ich genoss die Ernsthaftigkeit, mit der er sich mir widmete. (S. 152)

Die Mutter steht weniger im Zentrum, hat aber auch nicht immer ein glückliches Händchen in der Erziehung. Als sie beispielsweise von einem ihrer Kinder ein selbstgemaltes Bild geschenkt bekommt, hängt sie es auf – im Zimmer eben dieses Sohnes. Den anschließenden Wutanfall kann sie sich überhaupt nicht erklären. Die Ehe der Eltern ist schwierig bis desolat, das erschließt sich den Kindern erst nach und nach. Es kommt schließlich zur Trennung und die Mutter geht nach Italien.

Je älter der Ich-Erzähler wird, umso stärker wird die Zeit gerafft. Der Amerika-Aufenthalt, um den es schwerpunktmäßig in Meyerhoffs erstem Buch ging, wird auf wenigen Seiten zusammengefasst.

Schließlich erkrankt der Vater schwer. Die Mutter kehrt aus Italien zurück, um sich um ihren Mann zu kümmern. Und da kommt es zu einem innigen Moment zwischen Sohn, Mutter und Vater und für mich eine der rührendsten Szenen des Buches.

Fazit

Diesmal ist mein Leseeindruck zwiespältig.

Beeindruckend ist auch hier die Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit im Umgang mit den Psychiatriepatienten, den Menschen, die einfach anders sind, was Joachim und seine Brüder allerdings nicht daran hindert, sich auch derbe über die Kranken lustig zu machen. Über tausend Patienten lebten damals auf dem Klinikgelände und das Haus der Direktorenfamilie lag mittendrin. Jahrelang glaubte Joachim, dass die Außenmauern und Tore zum Schutz vor Eindringlingen von außen gedacht seien. Die Meyerhoff-Söhne spielen mit den gleichaltrigen Kranken. Es ist eben normal, dass nicht alle „normal“ sind, was sich auch beim alljährlichen Spektakel des Krippenspiels zeigt.

Natürlich war die Spielweise je nach Station völlig verschieden. Da der Psychiatriegottesdienst gemeinsam mit der Erwachsenenpsychiatrie gefeiert wurde, gab es auch Krippenspiele mit für immer eingesperrten Sexualstraftätern, sogar mit Mördern, bei denen hinter jedem Hirten sprungbereit ein riesiger Pfleger stand. Und sogar einen Josef in Handschellen und die Jungfrau Maria in der Zwangsjacke habe ich gesehen. (S. 141)

Wie auch bei Alle Toten fliegen hoch findet Meyerhoff oft eine wunderbar treffende Sprache, z. B. als er das geradezu manische Rauchen der Psychiatrie-Insassen beschreibt:

Ich habe Frauen oder Mädchen gesehen, die hingen an ihren Zigaretten wie an einem seidenen Faden aus Rauch über einem schwarzen Abgrund. Geredet wurde kaum. (S. 31)

Und auch der Humor und der trockene Witz machen wieder Spaß. Es ist schwierig, bei manchen Stellen nicht laut loszuprusten, z. B. bei der Beschreibung der Wikingertage, die alljährlich in Schleswig stattfinden, oder bei der Schilderung, wie der damalige Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg zur Einweihung eines neuen Klinikgebäudes kam und am Ende von seinen Leibwächtern … Und erst die Geschichte, als der Vater seine Begeisterung für das Segeln entdeckt. Köstlich.

Meyerhoff kann erzählen, Pointen setzen und Dialoge schreiben, in denen alle Protagonisten ihre ganz eigene Stimme haben. Er erzeugt eine Unmittelbarkeit, dass man meint, man sitze bei Meyerhoffs mit am Tisch. Man ist gerührt, entsetzt, betrübt und amüsiert. Und seine ungewöhnliche Kindheit bietet dafür Stoff in Überfülle (die Frage, wie viel davon wahr ist, umgeht Meyerhoff in Interviews dabei immer ganz luftig mit dem Hinweis, dass Erfinden immer Erinnern bedeute).

Was hat also nun zu meinem eher gemischten Eindruck geführt?

Das Anekdotenhafte, die Beschreibung der Vorgänge aus der Außensicht,  verhindert – vor allem im letzten Drittel – hin und wieder den Blick auf das Innenleben der Figuren. Was mich aber vor allem gestört hat, war im letzten Teil das Fehlen einer Struktur, immer wahlloser wurden Anekdoten aneinandergereiht, bis ich den Eindruck hatte, jemand habe einen großen Kasten bunter Legosteine ausgeschüttet, aus denen ich jetzt etwas bauen soll. Die Steinchen sind bunt und vielversprechend, doch die Fragen, was da gebaut werden soll, hätte der Autor vielleicht mal vorher klären sollen.

Zwar überlegt Meyerhoff selbst, was denn nun der rote Faden sein soll, doch ein bisschen mehr Stringenz in der Auswahl der Erinnerungspäckchen hätte mir gut gefallen.

Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? […] Ja, daran glaube ich: Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich  mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten. (S. 348)

Anmerkungen

Für Hundefreunde der Hinweis, dass die Stellen vielleicht schwierig zu lesen sind, nachdem die Familie entdeckt hat, dass ihr alter Familienhund erkrankt ist.

In Schleswig mochte der Autor wohl nicht selbst zu einer Dichterlesung anreisen, also schickte er im März 2013 seine Mutter Susanne vor (*1937), und der Bericht darüber in den Schleswiger Nachrichten ist nicht unbedingt ein Aushängeschild für den Lokaljournalismus. Interessierte Nachfragen unterblieben oder wurden nicht gedruckt, aber immerhin erfahren wir, dass Frau Meyerhoff frisch gebräunt vom Teneriffa-Urlaub kam.

Gern verweise ich auf die Besprechungen bei Literaturen, Peter liest und bei Literatur und Feuilleton, hier gibt es ein lesenswertes Interview in der Zeit.

Christoph Schröder zieht in der ZEIT das Fazit: „Meyerhoff ist ein begnadeter Fabulierer; er hat ein Gespür für das Szenische, für die Pointe. Jedes Kapitel ist ein kleines Bühnenstück für sich. Das Frappierende, ja das geradezu Geniale an Meyerhoff ist seine Doppelbegabung: Auf der einen Seite schreibt er hemmungslos unterhaltsam, komisch, süffig, selbstironisch. […] Auf der anderen Seite wird schnell deutlich, dass hier nichts naiv heruntererzählt wird“

Nikolaus Merck schreibt auf nachtkritik.de: „Diese letzten Kapitel des Buches, in dem das Vateridol stürzt und der Sohn mit einer Art wildem Furor von der Krankheit zum Tode erzählt, ohne an Wärme einzubüßen, gehört trotz oder gerade wegen der vollständigen Entzauberung der Kinderwelt zu den anrührendsten Vatererzählungen, die ich kenne. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist ein großer Egozentriker. Und das ist unser Glück. Denn Meyerhoff beobachtet genauer als die meisten, erinnert sich vielleicht besser, und: Er schont sich nicht. Zum Erfolg seiner autobiographischen Erzählungen trägt gewiss ihr Identifikationspotential bei. Immerhin ist die Kindheit, von der er erzählt, jene Heimat, aus der wir alle einmal vertrieben wurden.“

14 thoughts on “Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich so, wie es nie war (2013)

  1. Das Buch steht schon im Regal, jetzt muss ich nur noch Zeit finden, es auch zu lesen. Nur wann? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Deine schöne Kritik regt auf jeden Fall dazu an, bald zuzugreifen.🙂

    • Danke für die netten Worte. Ja, die Frage, wann das alles lesen, was man lesen möchte, ist wirklich noch ein ungelöstes Rätsel, über das ich auch mindestens einmal am Tag stöhne. Egal, packen wir es an🙂 Und Meyerhoff ist schon etwas ganz Eigenes gelungen, trotz der Kritikpunkte. Sehr lebensvoll, voller Akzeptanz und Zugewandtheit. Liebe Sonntagsgrüße aus der Provinz, Anna

  2. Liebe Anna,
    ich bin froh über Deine ambivalente Sicht auf das Buch. Das entspannt die brenzlige Gesamtsituation meines Bücherstapels ein wenig🙂. Dafür hat mir Deine Besprechung aber super gut gefallen, vor allem auch wieder einmal mit den vielen weiteren Leseanregungen.
    Viele Grüße, Claudia

    • Freut mich, wenn ich deinem Bücherstapel etwas Gutes tun konnte🙂 – Das Lesen anderer Blogs hat echt ungeahnte Nebenwirkungen. Die Listen und Stapel wachsen und wachsen… LG Anna

  3. Tolle Besprechung! Du machst diesen Zwiespalt beim Lesen gut verständlich. Mir ging es mit dem Buch ganz ähnlich. Man schwankt ständig zwischen „ist das noch lustig?“ (Schilderungen der Psychatriepatienten) und „das ist jetzt absurd komisch und irrsinnig witzig!“ (wenn Joachim als Überraschung 40 Marzipankartoffeln herstellen will oder Blutsbrüderschaft mit dem Hund schließt). Lesenswertes Buch.

    • Danke! Ja, trotz der Kritikpunkte bin ich froh, das Buch gelesen zu haben, und beim Schreiben der Besprechung konnte ich mich gar nicht recht entscheiden, welche irrwitzigen Szenen ich nenne und welche nicht. Die Szene mit den Marzipankartoffeln ging mir auch durch und durch. Einen schönen Wochenanfang. Anna

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