Meike Winnemuth: Das große Los (2013)

Ich habe gerade 500 000 Euro bei ‚Wer wird Millionär‘ gewonnen. Glaube ich jedenfalls. „Da geht’s raus“, sagt Günther Jauch, und im Abgehen stolpere ich, geblendet von den Scheinwerfern, fast in die Kulisse. Wirklich ungemein realistisch, dieser Traum.

Es dauert ein bisschen, bis Meike Winnemuth kapiert, dass sie das nicht geträumt hat. Von den Folgen erzählt sie in ihrem Buch:

Meike Winnemuth: Das große Los (2013)

Nach dem Gewinn wagt die Journalistin, sich einen langgehegten Traum zu erfüllen. Sie nimmt sich ein Jahr Auszeit, um durch die Welt zu reisen. Dabei gibt sie zu:

Freiheit ist erst mal eine Zumutung, niemand von uns hat gelernt, wie das geht. Wen einem niemand die Entscheidung abnimmt, womit der Tag zu füllen ist – kein Boss, keine Familie, keine Institution -, und man völlig ohne Strukturen lebt, ist das ebenso berauschend wie beunruhigend. Man muss regelrecht trainieren, freihändig zu gehen. Denn man verlässt mit dem engen heimischen Gehege eben auch die stabilen Geländer, an denen man sich immer entlanggehangelt hat. (S. 25)

Jeweils einen Monat verbringt sie in ihren Sehnsuchtsstädten und Ländern: Sie beginnt im lässig-entspannten Sydney, den Februar verbringt sie samt Tangokurs in Buenos Aires und den März in Mumbai. In Indien stellt sie  fest – surprise, surprise – , dass viele Menschen so arm sind, dass sie nicht einfach durch deren Wohnviertel laufen kann, wie sie das sonst so gern bei ihren Stadterkundungen macht.

Mit welcher Berechtigung hätte ich dort durchwandern dürfen? Nur um mal zu gucken, wie groß genau das Elend ist? Wie erbärmlich die Leute hausen? Es ging einfach nicht. Es reichte auch so. (S. 54)

Ursprünglich stand auch Tokio auf der Reiseliste. Doch nach dem Reaktorunglück in Fukushima entscheidet sie sich um und reist stattdessen nach Shanghai. Es folgen Honolulu, San Francisco und London. Sie setzt ihren Weltenbummel fort in Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv in Israel und den November verbringt sie in Äthiopien, dem Land, das sie am meisten überrascht, berührt und begeistert. Danach kann sie ihrer letzten Station Havanna auf Kuba, wo sie ständig von Männern dumm von der Seite angequatscht wird,  nicht mehr ganz so viel abgewinnen.

Da sie auch während der Reise ihrer Arbeit nachgehen und verschiedene Aufträge abarbeiten kann, muss sie weit weniger auf das Geld aus Wer wird Millionär zurückgreifen, als sie kalkuliert hatte, und das, obwohl sie sich, was den Lebensstil angeht, nicht wesentlich eingeschränkt hat. Sie lernt ein bisschen Ukulele spielen und besucht einen Tauchkurs in Israel. Über entsprechende Tauschbörsen mietet sie schöne, z. T. richtig luxuriöse Wohnungen. Letztlich stellt sie fest, dass sie sich so eine Auszeit auch hätte nehmen können ohne den Geldgewinn, doch erst der hat ihr den Kick und den Mut dazu gegeben.

Angst, so allein durch die Welt zu reisen, hat sie nicht:

Ich gehe nie vom worst case aus, warum sollte ich auch? Es ist ungleich wahrscheinlicher, bei einem Verkehrsunfall zu sterben als bei einem Terrorakt – hat mich das je davon abgehalten, auf die Straße zu gehen? Ängste sind Zeit- und Lebensverschwendung. Fast nie trifft das Befürchtete ein, und falls doch, dann wird man halt damit fertig. Der Mensch ist ein elastisches kleines Tierchen, jeder hält mehr aus, als er denkt. (S. 234)

Die Leser erfahren mal mehr, mal weniger über die Städte und Sehenswürdigkeiten. So beschließt sie, bei der nächsten Lebenskrise sofort die Koffer zu packen und eine Woche Totes Meer zu buchen, da es unglaublich entspannend sei, beim Schwimmen so getragen zu werden. Und die Gedenkstätte Yad Vashem beeindruckt sie tief.

Mein persönliches Highlight war die völlig schräge Theatervorführung in London im Barbican Centre, bei der es darum ging, die Zuschauer möglichst schnell in einen sanften Schlummer zu bringen. Man verbrachte dann die Nacht ganz stilecht im Theater in den extra im Zuschauerraum aufgestellten Betten.

Ich trug meinen neuen Marks & Spencer-Pyjama, und auch die anderen Besucher waren festlich gewandet: rot-grüne Pyjamahosen mit Aliens und Robotern, rosa Polyesterrüschen-Nachthemden, es war alles dabei. Eine Frau kuschelte mit ihrem Stoffhasen, ein Pärchen stritt leise. (S. 147)

Aufgewacht bin ich davon, dass ein kleines Gehege mit tschilpenden Küken in die Mitte des Raums getragen wurde. […] Die Bühnensonne ging auf, alle räkelten sich in den Betten. So ein gemeinsames Aufwachen unter Wildfremden ist ganz wunderbar. (S. 148)

Aber noch wichtiger ist das, was die Orte und die interessanten Menschen, denen sie begegnet, bei ihr auslösen: Gedanken und Erinnerungen an Kindheit, Elternhaus und verflossene Lieben nehmen viel Raum ein. Über ihre Erziehung schreibt sie beispielsweise im Brief an ihre Eltern:

Euer Aufzuchtprinzip war konsequente Freilandhaltung. Mit sieben oder acht war ich jeden Tag für ein paar Stunden verschwunden, und Ihr hattet keine Ahnung, wo ich war. (S. 77)

Bei einer solchen Reise kann es nicht ausbleiben, dass man sich auch mit den „großen“ Fragen beschäftigt: Was macht eigentlich ein sinnvolles Leben aus? Was will man mit der einem noch verbleibenden Lebenszeit anstellen?

Es braucht ja meist eine Zäsur, um sein Leben mal aus der Vogelperspektive zu betrachten und Inventur zu machen – in meinem Fall waren es gleich zwei Einschnitte, mein 50. Geburtstag im letzten Sommer und jetzt diese Reise. Also: Was habe ich, was fehlt mir, was funktioniert, was nicht mehr, wovon möchte ich mich verabschieden, wovon brauche ich mehr in meinem Leben? Was also will ich? (S. 87)

Was fange ich eigentlich mit meinen Kräften an, nutze ich sie auf die bestmögliche Weise? Macht es einen Unterschied, ob es mich gibt oder nicht? (S. 278)

Wie viel materielle Dinge braucht man, um glücklich zu sein? Wo ist Heimat? Wer ist man überhaupt? Und welchen Einfluss hat der jeweilige Ort auf einen oder, in den Worten Winnemuths: In welche Aggregatzustände versetzt einen ein fremdes Land, eine fremde Stadt? Welche Momente erlebt man als spirituell, als tief ins Menschsein greifend? Welche Antworten will man als nichtreligiöse Frau auf die letzten Fragen geben? Welche Freundschaften halten das Jahr aus und werden sogar vertieft? Welche neuen Freunde gewinnt man? Wie will man leben, wenn das kostbare Reisejahr vorüber ist? Was wird davon bleiben?

Das Wegsein verändert mich. Nicht fundamental, das nicht, aber es räumt auf in meinem Leben. Es sortiert mich. Umzüge haben eine ähnliche Wirkung: Man nimmt alles einmal in die Hand, überlegt, ob man damit weiterleben will, wirft die Hälfte weg und packt den Rest in die Kisten. (S. 151)

Ihre wichtigste Einsicht: Was für ein Glück, „in eines der reichsten Länder der Erde hineingeboren zu sein, jederzeit ein Dach über dem Kopf gehabt zu haben, dazu eine gute Ausbildung, einen Beruf […], die Freiheit, alles tun zu dürfen, was [man] will, reisen zu können […]. Nichts daran ist selbstverständlich, nichts davon verdient.“ (S. 282)

Fazit

Denis Scheck nannte Das große Los kurz und bündig „ein gutes Buch“. Ich würde dem mit einem entschiedenen „Jein“ antworten.

Eine intelligente, finanziell abgesicherte und prima vernetzte Frau Anfang 50 reist um die Welt, ohne dabei allzusehr auf Komfort und die technischen Errungenschaften wie Internet und Laptop zu verzichten. Das ist lockerluftig, voller Begeisterung, Entdeckerspaß und Ehrlichkeit erzählt, auch wenn mir manchmal der Stil ein bisschen zu sehr ins Kolumnenhaft-Girliemäßige abdrehte. Und bei Aussagen, wie sie reise „immer im Wissen, dass einem nicht das Geringste passieren kann. Oder doch: nur Gutes“, bekomme ich grüne Pickel.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir vielleicht doch mehr Einblick in die bereisten Städte und deren (kulturellen) Möglichkeiten erhofft, ein bisschen mehr Reisebericht. Interessanterweise gefiel mir der Abschnitt über Äthiopien am besten, hier lässt sie sich auf das Land und ihre Reisebegleiter ein und da bin ich ganz fasziniert mitgereist, ihr eigenes Staunen übertrug sich auf mich.

Winnemuths Reise entwickelt sich zu einer großen Selbsterkundung und die Fragen, die sie sich stellt, so ganz herausgelöst aus dem üblichen Alltagstrott, dürfen und sollten auch wir uns stellen, auch wenn wir dafür nicht bis nach Äthiopien reisen können. Beispielsweise verändert sich ihr Blick auf ihren Beruf.

Gleichzeitig bemerke ich, dass ich meinen Job […] gerade fast wie nebenbei erledige. Zuhause ist er das Zentrum meiner Gedanken und Planungen, mein Daseinszweck und meine Existenzberechtigung. Hier draußen sind andere Sachen wichtiger – und trotzdem oder gerade deshalb scheint die Arbeit davon zu profitieren, dass ihr nicht meine ganze Aufmerksamkeit gilt. Ich schaffe dasselbe, ich schaffe es nur schneller und lockerer, weil ich Besseres zu tun habe. Eigentlich müsste das doch auch zuhause möglich sein, oder? (S. 205)

Ihre Sicht auf die westliche Welt wird kritischer:

Vielleicht wollen wir aber auch – nur mal so als böser Verdacht – mit unserer ganzen Betriebsamkeit darüber hinwegtäuschen, dass sich dieser Tanz um eine verdammt leere Mitte dreht. Denn wenn man mal ehrlich ist: Unverzichtbar für den Fortbestand der Menschheit ist doch niemand von uns. […] Wozu also dauernd dieses hysterische ‚Ich bin so im Stress‘-Gestöhne? Wem wollen wir damit etwas vormachen? Den anderen? Uns selbst? (S. 113)

Was einem aus den Buchseiten geradezu entgegenspringt und -leuchtet und mich bei der Stange gehalten hat, ist der Spaß, den Winnemuth hat, an der Ungeplantheit der Tage, an den spontanen Entdeckungen und Entscheidungen, am Ausprobieren der wunderbaren Möglichkeiten, die uns die Welt bietet.

Auf der Kinderukulele habe ich dann tagelang den Song geübt. Vier Saiten, drei Akkorde, C, G, F, was kann daran so schwer sein? Alles. Für eine unmusikalische Stümperin wie mich war das wie Gehenlernen. Stolpern, auf die Nase fallen, aufstehen, ein paar Schritte machen, wieder hinfallen. Es war, mit einem Wort, großartig. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt mit so viel Hingabe bei der Sache war. Denn das Wunderbare daran, von etwas überhaupt keine Ahnung zu haben: Du machst rasend schnell Fortschritte. Von geht überhaupt nicht zu geht schon ein bisschen ist es nur ein winziger Schritt, aber ein riesiges Glücksgefühl. (S. 16/17)

Spannend hätte ich übrigens noch ein Kapitel gefunden, in dem die Autorin darüber redet, wie es ihr vielleicht ein halbes oder ein ganzes Jahr nach der Reise geht, ob und was sich für sie in ihrem Leben grundsätzlich geändert hat.

Ich erinnere mich noch an den Moment, an dem ich das erste Mal bei Sonnenuntergang am Grand Canyon stand und ganz still wurde vor dieser Erhabenheit. Es war ein spiritueller Moment, wo Prioritäten und Bewertungsskalen komplett ins Rutschen kamen. Undenkbar, sich je wieder über Nichtigkeiten aufzuregen. Doch schon ein halbes Jahr später – war (fast) alles wie immer …

Anmerkungen

Wer auch ein bisschen Reisespaß haben möchte, dem empfehle ich zwei Anregungen von Winnemuth nachzugehen. Zum Einen sollte man den Franzosen Joel Henry recherchieren, der den „experimentellen Tourismus“ erfunden hat.

Zum Anderen ist sie im Nachhinein beschämt, nie vorher von den Felsenkirchen in Lalibela in Äthiopien gehört zu haben.

Wenn ich mir überlege, mit welchem banalen Mist ich mich oft beschäftigt habe, wenn ich mir weiter überlege, wie viel Schönheit und Reichtum und Wissen wohl noch auf Erden existiert und von mir in meinem Eurozentrismus einfach nie zur Kenntnis genommen wurde… (S. 273)

Und gern verweise ich auf die Besprechung auf dem Grauen Sofa, die mich überhaupt erst über das Buch stolpern ließ.

8 thoughts on “Meike Winnemuth: Das große Los (2013)

  1. Liebe Anna,
    sehr schön, so lange nach meiner Lektüre durch Deine Besprechung noch einmal mit auf die Reise zu gehen und vor allem auch noch einmal erinnert zu werden, dass es ja auch diese Reflexionen über die ein oder andere wichtige (Lebens-)Frage in Winnemuths Buch gibt. Gerade diese Passagen vergisst man (leider) ziemlich schnell wieder. Ja, Winnemuth hat einen lockeren Stil – hat ja auch erst einmal für ihren Blog geschrieben – der auch nicht meiner wäre. Und sicherlich würde ich auch nicht so wie sie durch die Welt reisen können, aber sie hat ja vorher schon als Journalistin Dinge ausprobiert, die nicht so meins wären. Mich hat an dem Buch diese Freude und Neugier gepackt und ich hätte mir gewünscht, davon etwas in meinen Alltag mitzunehmen. Dabei ist es mir ergangen wie Dir mit dem Sonnenuntergang im Grand Canyon: Irgendwann bekommen diese dummen Nichtigkeiten ud Belanglosigkeiten des Alltags doch wieder eine Bedeutung. So sollte zumindest alle paar Monate mal weider eine Besprechung über das „Große Los“ zu lesen sein, damit ich mich wieder besser erinnern kann🙂.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      ja, ihre (Entdecker-)Freude und ihre Aufgeschlossenheit haben mir auch Spaß gemacht und ihr Gedanke, dass Schreibtischarbeit einem schneller von der Hand gehen müsste, wenn man so viele andere schöne Dinge zu tun hat, der lässt mich nicht los. Ab Dienstag habe ich wieder zwei Stapel Oberstufenklausuren hier liegen… Eigentlich ist mir erst beim Schreiben der Besprechung aufgefallen, dass ihr Buch eine ganze Reihe an Denkanstößen enthält, die zwar lockerflockig daherkommen, aber deswegen ja keineswegs weniger wichtig sind. Insofern gute Idee, dass alle paar Monate mal jemand über das Buch bloggen sollte🙂 Also, einen schönen Sonntag! Anna

      • Und gerade, wenn ich hier über Klausuren sitze – und Portfolios habe ich auch noch stapelweise – überkommt mich regelmäßig die Idee, wie toll es doch sein müsste, jetzt, sofort, in diesem Moment die Sachen zu packen und einfach mal wegzufahren. Am besten ganz weit weg!
        Rotstiftgeschädigte Grüße, Claudia

      • So isses!! Ich frage mich dann immer, wie das wohl ist, wenn man einfach mal „WOCHENENDE“ hat, so komplett von Freitagnachmittag bis Sonntagabend. Wegfahren wäre dann auch toll oder das Korrigieren an eine Firma outzusourcen oder bei Jauch die Million … Meine Mathe- und Sportkollegen finden diesen Moment immer geeignet für den Spruch: „Die Intelligenz zeigt sich eben schon bei der Wahl des Studienfaches“. Da hilft nur „Augen zu und durch“ oder so ähnlich. Kollegiale Grüße und extremst gutes Vorwärtskommen! Anna

  2. Pingback: Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens (2014) | buchpost

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