Thomas Willmann: Das finstere Tal (2010)

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Als der Fremde mit seinem Maultier das Hochtal erreichte, lag in der Luft schon der Geruch des ersten Schnees. Der Atem des Mannes und des Tieres malte kleine Wolken in die klare Luft, und er ging schwer – die beiden hatten den felsigen Anstieg hart genommen, um vor dem Mittag ihr Ziel zu erreichen.

So beginnt der Ende des 19. Jahrhunderts spielende Alpen-Western von

Thomas Willmann: Das finstere Tal (2010)

Schnell wird dem Leser klar, der Fremde namens Greider ist nicht der harmlose und um ein Winterquartier bittende Maler, der er zu sein vorgibt. Zwar gewöhnt er die misstrauischen und extrem verschlossenen Dorfbewohner geduldig an seine Anwesenheit, doch in Wirklichkeit ist er in bester Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Manier gekommen, um eine spezielle Mission in dem einsamen und im Winter vom Rest der Welt abgeschnittenen Hochtal zu erfüllen.

Der Rächer nimmt sozusagen im Alleingang den Kampf gegen die Terrorherrschaft des Brenner-Clans auf. Und im Laufe der Handlung erfahren wir in dramatischen Rückblenden auch, warum Greider auf diesen Rachefeldzug gezogen ist.

Die Sprache passt:

Der Hof kauerte unter dem lastenden Schnee wie ein bösartiges Tier. Massig und gedrungen wirkte das matte Schwarz seiner Holzverkleidung, aus dem die Nachmittagssonne das Glas der Fenster blitzen ließ. So lauernd das große Haus ins Ende des Hochtals geschmiegt war, hätte man es inmitten des alles bedeckenden Weiß für den Eingang einer Höhle halten mögen, aus dem ein Wesen einen mürrischen Blick heraus tat, vielleicht in der Hoffnung auf Beute, die durch die langen, zurückgezogenen Wintermonate Zehrung geben könnte. (S. 57)

Fazit

Die Figurenzeichnung ist reduziert, der Oberschurke, der alte Brenner, und seine sechs Söhne sind über alle Maßen grauslig und brutal. Der böse Schmied, den Brenners hörig, ist schon fast kein Mensch mehr, eher ein gigantisches Monster. Ein Alpenkrimi-Western, bei dem ich mir mehr Zwischentöne und ein bisschen weniger Detailgenauigkeit bei den grausamen Szenen gewünscht hätte.

Willmann verweist ja selbst in seiner Danksagung am Ende des Buches auf seine zwei seltsamen Schutzheiligen, denen das Buch „anempfohlen sei: Ludwig Ganghofer und Sergio Leone.“ (S. 318 der Taschenbuchausgabe)

Aber, und es ist ein großes Aber: Ein spannendes, eigenwilliges und fantastisch geschriebenes Buch ist es allemal.

Anmerkungen

Hier geht’s lang zu den Besprechungen auf Durchleser’s Blog, beim Kaffeehaussitzer und auf dem leider noch ein wenig unpersönlich daherkommenden Blog buecherrezension. Inzwischen hat sich auch die Nette Bücherkiste in die Reihe der Leser und Leserinnen eingereiht.

21 thoughts on “Thomas Willmann: Das finstere Tal (2010)

  1. Liebe Anna,

    das Buch hatte ich bereits schon mal im Buchladen in der Hand, legte es dann aber mit dem Gefühl wieder weg, dass es vielleicht doch nicht ganz meinem Beuteschema entsprechen könnte. Nun machst du mich aber doch neugierig auf dieses Buch, das nach einer sehr spannenden Lektüre klingt.

    Viele Grüße
    Mara

    • Hallo Mara,
      ja – spannend und sprachgewaltig, wie schon Uwe auf seinem Blog schrieb, ist das Buch wirklich. Mir war’s aber auch ein bisschen zu schwarzweiß gezeichnet und die Gewaltszenen arg anschaulich. Wäre also schon gespannt, wie du es lesen würdest. Ein gutes Wochenende und falls das als Frage hier okay ist, was macht die Jobsuche? Ich drücke dir jedenfalls alle Daumen! LG Anna

    • Hallo Petra,
      auf dem Blog Kaffeehaussitzer habe ich eure Hinweise auf die Verfilmung entdeckt. Die könnte ich mir als sehr spannend vorstellen, aber ich fürchte, dass ich bei einigen Szenen mir doch nur „die Augen zuhalten“ würde🙂 Euch jedenfalls einen lohnenden Filmabend! Liebe Grüße zum Wochenende. Anna

  2. Hallo Anna, vielen Dank für den Hinweis auf meine Besprechung dieses großartigen Buches. Ich habe mich gleich revanchiert… Den Film werde ich mir auf jeden Fall ansehen, bin schon sehr gespannt. Der Trailer war jedenfalls genau nach meinem Geschmack.

    • Hi, habe gern auf deine Besprechung verlinkt. Finde es oft ganz anregend zu sehen, wie ein Buch von verschiedenen Lesern aufgenommen wird. Auch dir viel Spaß beim Film! Und Danke für die Ebenfalls-Verlinkung🙂 Ein hoffentlich prima Wochenende wünscht Anna

  3. Pingback: Mein ist die Rache: Ein Alpenwestern | Kaffeehaussitzer

  4. Pingback: Die Sonntagsleserin #KW7 | Literaturen

  5. Ich habe Willmanns Buch nicht gelesen, aber die Beschreibung hier macht erstens neugierig auf Buch und Film, erinnert mich zweitens aber an einen ebenfalls äußerst sprachgewaltigen Roman: Hans Lebert: „Die Wolfshaut“. Auch so ein Hinterwäldlerdrama von ungeheurer Wucht.
    lg, Wolfgang

  6. Liebe Anna, hast du den Film denn schon gesehen? Ich bin keine Freundin des Westerns und ein Western vor Alpenkulisse? Nun ja. Und mit allzu expliziter Gewaltdarstellung habe ich auch so meine Schwierigkeiten. Andererseits lese ich mich gerade kreuz und quer durch das Programm des Liebeskind Verlages und habe dort schon manch Perle entdeckt. Vor allem die raue, düstere Literatur der Amerikaner (Woodrell, Sallis, Pollock) hat es mir angetan. Dass es da nun auch einen deutschsprachigen Autor gibt, lässt mich wiederum aufhorchen. Dem Liebeskind Verlag vertraue ich mittlerweile, also traue ich ihm auch einen Western-Krimi zu. So schleiche ich schon seit einigen Tagen um dieses Buch herum – mal sehen, wann es mir in die Hände fällt. Oder ob ich vielleicht den Film zuerst sehe.

    • Hallo Caterina, nein, weder Trailer noch den Film selbst habe ich bisher gesehen. Ich könnte mir das zwar in der entsprechenden Kulisse als sehr eindrucksvoll und spannend vorstellen, habe aber Bedenken, dass mir einige Szenen, deren bildliche Umsetzung sich Filmemacher bestimmt nicht entgehen lassen, den Film zu sehr ins Gewalttätige kippen lassen. Das kann ich nicht gut ab. Ich warte also erst einmal, was die Kritiken so ergeben. Wenn man allerdings vor der Frage steht, ob (zuerst) Buch oder Film, dann ist es vielleicht reizvoller, erst das Buch zu lesen, schon wegen der Sprache. Dir auf jeden Fall lohnende Entdeckungen, seien es Bücher oder Filme. LG Anna

  7. Ich habe mir vor einigen Tagen eine Leseprobe heruntergeladen und bin nun noch um einiges mehr gespannt. Die Sprache ist wirklich fantastisch. Man mag sich fast jedes Wort auf der Zunge zergehen lassen. Früher oder später wird das Buch wohl doch in meinem Einkaufswagen landen. Ich habe mich gefreut, hier bei Dir eine kurze Rezension dazu zu finden. Danke dafür und liebe Grüße von der Silberdistel

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