Merethe Lindstrøm: Days in the History of Silence (2011)

I was the one who let him in. Later I called him the intruder, but he did not break in. He rang the doorbell as anyone at all might have done, and I opened the door. It unsettles me still when I think about it. Really that could be what bothers me most. He rang the doorbell, and I opened the door. So mundane.

So beginnt der ins Englische übersetzte Roman der Norwegerin

Merethe Lindstrøm: Days in the History of Silence (2011)

Zum Inhalt

Auf den ersten Blick passiert hier nicht viel. Eva, eine pensionierte Lehrerin, lebt mit ihrem ebenfalls pensionierten Ehemann, einem Arzt, in guter Wohngegend. Man hat drei Töchter und sogar schon Enkel. Der Alltag könnte also gemächlich und kultiviert vonstattengehen.

Doch Risse tun sich auf. Der Roman ist ein langer Monolog der Frau, die – ungeübt, tastend, widerwillig – versucht, sich Rechenschaft zu geben über das, was in ihrem Leben, ihrer Ehe missglückt ist, wo sie einzeln und zusammen mit ihrem Mann Simon schuldig geworden ist.

Der Moment zu Beginn der Geschichte, als ein junger Mann an der Tür klingelt und Eva ihn ins Haus lässt, ist der Zeitpunkt, an dem Eva merkt, dass ihre Wirklichkeit ins Wanken gerät.

The episode that has a hard and inevitable quality when I reflect on it. It is as though it is scored into or through something. A gash, like a tear in thick canvas, in the perfectly normal day, and through that hole something has emerged that should not surface, not become visible. (S. 8)

Evas Gedanken kreisen um zwei Geschehnisse, an die sie sich allmählich anzunähern versucht. Wird ihr das Thema zu bedrängend, lässt sie davon ab, um es später wieder aufzugreifen. Zum einen fällt immer wieder der Name ihrer ehemaligen Haushaltshilfe, Marija, einer Frau aus Litauen, mit der sich das Ehepaar regelrecht angefreundet hatte. Marijas Lebensfreude tat ihnen gut. Man unternahm Ausflüge und hatte Spaß zusammen. Irgendwann – anlässlich Evas Geburtstag – luden sie Marija sogar ein, sie bei einem Opernbesuch zu begleiten, den Marija aus ganzem Herzen genossen hat.

Doch dann ist etwas vorgefallen, was die Kündigung Marijas zur Folge hat. Den Grund dafür verschweigen Simon und seine Frau sogar vor ihren Töchtern.

Der andere Erinnerungsstrang handelt davon, dass Simon sich immer mehr ins Schweigen zurückzieht.

Some days I almost forget his silence. Then it feels only like a momentary stillness, and that we are going to talk together soon. He is going to say something, and I am going to answer. How I miss it. I want to tell him to stop doing this to me. It feels as though it is something he has made up his mind to do, something he has chosen of his own free will. That he has shut me out, all of us out. (S. 127)

Zwar hatte er  vor Jahrzehnten schon einmal Depressionen, doch diesmal wird aus seinem Verstummen kein Weg mehr herausführen. Alt, dement und von Traumata gezeichnet bleibt nur noch das Schweigen. Er hat als Junge den Holocaust zusammen mit seiner Familie in einem Versteck überlebt, doch seine Tante und sein Cousin sind dabei ums Leben gekommen. Seine eigenen Töchter wissen nichts von der dramatischen Kindheit ihres Vaters. Eva hat alle seine Ansätze, darüber zu sprechen, im Keim erstickt.

He was talking about it again as we drove. I thought there was something tactless about it, as though he were being indiscreet, coarse, as though he were relating something inappropriate. It was not suitable. […] I shushed him. Don’t drag all that darkness in here, I said. (S. 36)

Sein nun einsetzendes Schweigen macht auch Eva unendlich einsam. Wer hört ihr nun noch zu?

I need to tell this to someone, how it feels, how it is so difficult to live with someone who has suddenly become silent. It is not simply the feeling that he is no longer there. It is the feeling that you are not either.

Aber auch Eva, die manchmal – vielleicht aus Hilflosigkeit – seltsam gefühlskalt wirkt, muss sich eingestehen, dass sie über Dinge geschwiegen hat, die deswegen nicht weniger real sind, ja, je älter sie wird, umso bedrängender werden. Doch was tun, wenn man jahrzehntelang an den falschen Stellen geschwiegen hat und letztlich nichts mehr verändert und geändert werden kann?

Again that thought pops up, that underneath everything, the house, the children, all the years of movement and unrest, there has been, this silence. That it has simply risen to the surface, pushed up by external changes. Like a splinter of stone is forced up by the innards of the earth, by disturbances in the soil, and gradually comes to light in the spring. (S. 139)

Dabei ist Evas und Simons Ehe keineswegs kaputt, sie hatten sich lieb und wussten um die Geheimnisse, die der andre mit sich herumtrug, und sie kannten die Abgründe des anderen. Die Autorin sagt selbst in einem Interview, dass es ihr u. a. darum gegangen sei, wie und ob es überhaupt möglich sei, in alltäglichen Gesprächen über erlebte Traumata zu sprechen.

Nun bleibt tatsächlich nur noch der Leser, dem Eva ihre Geschichte erzählen kann, da der geliebte Mensch nicht mehr mit ihr sprechen kann.

I think I have never been close to anyone in that way, been so happy with anyone as I was with him. That it was so intense. And when I waken, my life, or that part of it, my youth, is like a dream I dreamed just a few minutes before I woke. It was over so fast. (S. 63)

Mehr zum Inhalt zu verraten, wäre schade, denn wie die Autorin hier Handlung, Sprache, Erinnerung, Schweigen, Schuld und Schuldigwerden auf den unterschiedlichsten Ebenen, den Holocaust und lebenslange Traumatisierung, aber auch Einsamkeit und unsere alltäglichen Versäumnisse miteinander verbindet, ist große Literatur.  Ein leises, aber sehr berührendes Buch, spannender als jeder Psycho-Thriller.

Zur Autorin

Die norwegische Schriftstellerin Merethe Lindstrøm wurde 1963 geboren und für Days in the History of Silence bekam sie 2012 den hochdotierten Literaturpreis des Nordischen Rates verliehen. Hier geht es lang zu einzelnen Kritiken.

Eine Frage bleibt: Wo bitte schön bleibt die deutsche Übersetzung?

3 thoughts on “Merethe Lindstrøm: Days in the History of Silence (2011)

  1. Liebe Anna,
    irgendwie stoße ich im Moment immer wieder auf Literatur, in der es um Traumata geht und um das Schweigen, das ihnen folgt. Einen besonderen Blick habe ich wahrscheinlich durch das Lesen von Boris Cyrulniks Autobiografie bekommen, denn er, dem es als kleiner Junge gelungen ist, dem Abtransport der jüdischen Bevölkerung in Bordeaux zu entkommen, schreibt genau über dieses große Schweigen, das in der Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit aus ganz verschiedenen Gründen entstanden ist und fast noch traumatischer wirkte als die Verfolgung während des Krieges. Und das Schweigen reichte bis tief in die Familien: keiner konnte erzählen, keiner konnte durch sich durch das Erzählen von den Gräueln befreien. Und nun finde ich überall Literatur, die sich genau mit diesem Thema des Schweigens beschäftigt: die Figuren in Deinem Buch schweigen ihr Leben lang, in der Zeitschrift Literaturen (ja, es gibt sie noch, dünn und klein und im Cicero versteckt) werden gleich fünf Bücher aus diesem Frühjahr vorgestellt, die vom Überleben des Holocausts handeln und Ulrike Draesners neuer Roman (Sieben Sprünge vom Rand der Welt) handelt auch von einem Trauma, nämlich der Flucht aus Schlesien, und wie diese Erlebnisse, obwohl auch vieles unausgesprochen bleibt, durch die Generationen weitergegeben werden. — Wahrscheinlich brauchte es eine so lange Zeit, um die Wirkungen der Traumata erkennen und nun auch literarisch verarbeiten zu können. So passt Deine Besprechung auf wundersame Weise gut zu meinen Lektüren.
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia,
      interessant, wie du die Thematik einbetten konntest, danke für die Hinweise. Das war mir gar nicht bewusst. Allerdings hätte ich vielleicht noch stärker betonen müssen, dass auch Eva, die Erzählerin, sich mit den Entscheidungen aus ihrer Vergangenheit herumplagt. Allerdings wollte ich da nicht spoilern, damit für den Leser noch genügend zu entdecken bleibt. Es ist zudem auch ein Buch über Ehe und zeigt auf, wie rasch die Zeit vergeht, also durchaus melancholisch, aber höchst lesenswert, wenn man sich auf das Ruhige, Mäandernde einlassen möchte.
      Liebe Grüße, Anna

      • Ich habe jedenfalls vor Deiner Besprechung noch nie etwas von der Autorin und dem Buch gehört, kein Wunder wahrscheinlich, denn es scheint ja noch nicht übersetzt zu sein. Und wenn es ein gutes Buch ist, dann hat es ja auch einen komplexen Inhalt zu bieten. So liest sich jedenfalls Deine Vorstellung.
        Viele Grüße, Claudia

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