Nicole Balschun: Ada liebt (2011)

Du bist seltsam, Ada, aber ich liebe dich, sagte Bo jetzt. Ich hielt den Hörer in der Hand und mein Nacken wurde heiß. Gehen wir auf den Friedhof am Sonntag, fragte ich und Bo schwieg. Bo, sagte ich und er räusperte sich. Ich habe dir etwas sehr Wichtiges gesagt, Ada, und du musst etwas dazu sagen, sagte Bo.

Gut, der Anfang der Geschichte könnte weniger staksig sein sein.

Nicole Balschun: Ada liebt (2011)

Zum Inhalt

Ada lebt eher in und für ihre Bücher, sie studiert Literaturwissenschaften und anschließend pusselt sie an ihrer Doktorarbeit herum, weil sie keine Ahnung hat, was sie sonst machen könnte. Sie trifft Bo zum ersten Mal bei der Beerdigung ihrer Tante. Bo ist einer der Sargträger und lässt aus Versehen das Gesangbuch, das er ohnehin falsch herum hält, ins offene Grab fallen. Er ist blond und kräftig und sein Haus müffelt immer streng nach Landwirtschaft, denn er ist Bauer und besitzt Kühe und Schweine. Seine Leitsau hört auf den hübschen Namen Siegfried.

Damit ist klar: Die beiden passen auf den ersten Blick so gar nicht zusammen – was auch Adas Vater nicht müde wird zu betonen – aber dennoch genießen beide ihre gemeinsamen Wochenenden bei Bo auf dem Hof. Sie liest ihm aus ihren Büchern vor, die er immer kräftig kommentiert, und sie leiht sich sogar landwirtschaftliche Fachbücher aus der Bücherei aus. Aber gleichzeitig macht sie deutlich, dass sie das nicht wirklich interessiert, und sie weigert sich beharrlich, ihm auf dem Hof zu helfen. Sie hat Angst vor den Kühen und kann außer Fertiggerichten und Tiefkühlpizzen auch nichts Essbares auf den Tisch bringen. Er muss ihr versprechen, sie niemals zu heiraten.

Ein skurriles Paar: Ada, die durchaus als verschroben gelten darf und die letztlich fürchterliche Angst hat, was wohl passiert, wenn ihr Leben mal richtig nahekommt und sich nicht hübsch kontrollierbar in Büchern abspielt – kein Wunder, bei den Eltern, die ebenfalls etwas aus der normalen Elternart geschlagen sind und die Handlung wie ein moderner Chor kommentieren – und der anpackende, kluge, im Leben stehende Landwirt.

Fazit

Das Buch kommt zwar von Cover und und Aufmachung leider als Trivialliteratur rüber: „Eine Liebesgeschichte mit Heulgarantie“, doch das täuscht. Letztlich stellt es auf wirklich anrührende und auch witzige  – und bestimmt filmtaugliche Weise – die Frage, was Liebe denn nun ist und wie viel Unterschiedlichkeit ein Paar aushalten kann und wie viele Gemeinsamkeiten notwendig sind. Und wie das ist, wenn man den Wald vor lauter Bäumen und Buchgedanken gar nicht mehr sehen kann.

Bo hat das besser als Ada verstanden: Eine Woche, nachdem Ada sich ihre Sneakers auf dem Hof ruiniert hat,

standen kleine Gummistiefel neben Bos großen und er sagte, melken musst du trotzdem nicht. Es zuckte durch meinen Bauch, denn bei Bo Stiefel haben war, als würde zu Hause eine zweite Zahnbürste im Becher stehen. (S. 86)

Und Bo ist es auch, der eine ganz besondere Liebeserklärung schickt, nachdem Ada beschlossen hat, ihn nicht mehr zu treffen: Sie findet eine Karte mit dem Konterfei Siegfrieds im Briefkasten mit der Aufschrift:

Du fehlst mir gar nicht. Siegfried. (S. 105)

Doch Ada bringt diesen Satz „Ich liebe dich“ einfach nicht über die Lippen…

Was ein bisschen dürftig war, waren die Andeutungen, weshalb sie nun ihre Doktorarbeit mit dem Thema ‚die unemanzipierten Frauen von damals‘ nicht mehr schreiben könne, da heute ja noch alles genauso sei und die Frauen eben immer noch nicht gelernt hätten, wie man nun emanzipiert mit dem Mann leben könne, wenn man ihn denn gefunden habe. Und die Beziehung zwischen Leo und Elisabet wirkt zu sehr als gekünstelter Gegenentwurf zu Bo und Ada.

Aber das ändert nichts daran: Dieses Debüt, diese „luftige, frühlingshafte Prosa über die verschiedenen Stufen der Liebe“ (Anja Hirsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Februar 2011) hat es in sich und lohnt das Lesen unbedingt.

Anmerkung

Hier geht’s lang zu einer Besprechung auf buzzaldrins Blog.

P1020174

7 thoughts on “Nicole Balschun: Ada liebt (2011)

    • Hi Mara, nein, ich habe geschummelt, ab und zu hole ich Besprechungen aus den Anfangszeiten meines Blogs, als ich noch kaum LeserInnen hatte, hervor und veröffentliche sie neu. Und deinen Beitrag habe ich dann gern als Anlass genommen, weil ich es immer spannend finde, wenn man sieht, wie ein Buch auf verschiedene Leser wirkt. Und deiner Einschätzung, dass das Buch wirklich verdient, gelesen zu werden, kann ich mich nur anschließen. Ich glaube, bei mir kommt Bo ein bisschen besser weg als bei dir🙂
      LG Anna

  1. Interessant. Man sagt ja eigentlich immer ´Gegensätze ziehen sich an`. Ich verstehe das so, dass Ada Angst davor hat sich zu binden, vielleicht müsste sie ein Stück weit ihres Lebens (ihrer Leidenschaft) aufgeben, um mehr Platz für ein neues Leben zu finden. Das scheint eine recht interessante Geschichte zu sein. Mich würde der zeitliche Rahmen des Romans interessieren, auch im Bezug auf die Emanzipation der Frau. Das hat mich zugegebenermaßen ein wenig irritiert. Ich kenne das Buch nicht, aber mit deiner Besprechung, weiß der Leser definitiv, was ihn erwarten würde.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • Hallo Tanja,
      den zeitlichen Rahmen würde ich in der Gegenwart ansiedeln – habe allerdings nicht noch mal nachgeforscht. Ada möchte zwar schrecklich gern emanzipiert sein, hat aber keine Vorstellung davon, was das konkret für sie bedeuten soll. Sie kann das Thema ihrer eigenen Doktorarbeit gar nicht in Bezug zu ihrem Leben setzen, verheddert sich gedanklich, ist letztlich nicht mutig genug, ihre Liebe zu gestalten und wartet lieber weiter auf den Traummann.
      Ich hab’s gern gelesen – trotz Kitschcover🙂 Einen schönen Abend, LG Anna

  2. Ach Anna, danke für deine Antwort zu meinem Kommentar – jetzt hast du mich echt neugierig gestimmt. Ich bin gespannt welche Wirkung diese frühlingshafte Prosa auf mich haben wird. Mal schauen ob „Ada liebt“ in der ortsansässigen Bibliothek verfügbar ist. Ich muss mir das Cover gleich mal ansehen!😉 Danke schön, ich wünsche dir auch einen netten Abend. Bis dann!

  3. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #11 – März 2014 | Bücherphilosophin.

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