Barbara Reynolds: Dorothy L. Sayers – Her Life and Soul (1993) – 2. Teil

Heute nun also der zweite Teil zu der Dorothy L. Sayers-Biografie von Barbara Reynolds, die 1993 erschien.

Reynolds, geboren 1914, war übrigens ein Patenkind von Sayers und kann selbst auf eine beeindruckende Karriere als Sprach- und Literaturwissenschaftlerin zurückblicken.

Sayers als Lehrerin

1916 beginnt Sayers an der High School in Hull zu unterrichten. Zunächst Französisch, später kommt noch Deutsch dazu. Sie scheint dabei recht erfolgreich zu sein und versucht alles, um den Schülern abzugewöhnen, Dinge einfach auswendig zu lernen, stattdessen führt sie mit ihnen kleine Stücke auf und gründet sogar einen Schulchor. Aber ihr Herz ist nicht dabei.

… it has been related that one of her pupils overheard her saying, ‚I’d rather sweep streets than teach children.‘ (S. 74)

Sie schreibt weiterhin Gedichte und für die Sommerferien wird ihr eine Leseerlaubnis für die Cambridge University Library bewilligt, sodass sie sich weiterhin mit französischen Texten des Mittelalters und der Renaissance beschäftigen kann.

Ausbildung im Verlagshaus Blackwell

Bereits nach einem Jahr kündigt sie ihre Stelle in Hull, da ihr Vater ihr eine Lehrstelle bei dem Verleger Basil Blackwell finanziert, der ihren ersten Gedichtband veröffentlicht hatte. So kann sie in ihr geliebtes Oxford zurückkehren. Und jetzt genießt sie das Leben in vollen Zügen. Doreen Wallace schreibt über Sayers:

I have never known anyone so brimful of the energy of a well-stocked mind: even at 24, when I knew her first, she knew an enormous amount about all sorts of subjects … and nothing would content her but fact. There was, however, a lighter side to this impressive character. Long and slim in those days, small head held alert on slender neck, she loped around Oxford looking for fun. (S. 76)

Sie singt im Chor, spielt verschiedene Instrumente und kauft sich zusammen mit einer Freundin ein Boot. Der Geistliche Leonard Hodgson macht ihr einen Heiratsantrag. In einem Brief schildert Sayers ihre Reaktion:

My elegant and maidenly reply, to the best of my recollection, was ‚Oh Lord!‘ – and I very nearly fainted into the nearest chair – seeing that I’ve met him four or five times at most, and only twice to talk to at any length. (S. 78)

Allerdings gibt Hodgson nicht auf und erreicht natürlich nur, dass Sayers wütend wird. Sie weiß, dass gerade seine Ergebenheit sie so abstößt:

To have somebody devoted to me arouses all my worst feelings. I loathe being deferred to. I abominate being waited on. It infuriates me to feel that my words are numbered and my actions watched. I want somebody to fight with. „(S. 78)

Doch als sie den Mann gefunden hat, der mit ihr „kämpft“, wird daraus eine der Katastrophen ihres Lebens.

1918 wird ihr zweiter Gedichtband veröffentlicht. Als Sayers erfährt, dass ein Rezensent vorhat, diese negativ zu besprechen, überredet sie eine Freundin Leserbriefe unter falschem Namen zu schreiben, auf die dann wiederum Dorothy – ebenfalls unter falschem Namen – antworten wird. Die Freundin nimmt dabei sogar mehrere Identitäten an. Sayers hält diese Scheindiskussion, in die sich natürlich auch nichtsahnende Leser einschalten, für eine gelungene Werbeaktion.

1918 brachte nicht nur das Ende des Ersten Weltkrieges, sondern auch den Terror der sich in rasender Geschwindigkeit ausbreitenden Spanischen Grippe, an der allein in Großbritannien bis zu 250.000 Menschen starben. Dorothy sagt eine geplante Feier ab:

One cannot give hilarious parties when people are dropping dead all round one! Lots and lots of people are dropping dead – they get pneumonia and are never seen alive again. It’s like being in London when the plague was on. (S. 85)

Das Trauma vieler Kriegsheimkehrer, das im Englischen als „shell shock“ bezeichnet wurde, wird später in mehreren ihrer Romane um Lord Peter Wimsey eine Rolle spielen.

Frankreich

1919 verliebt sie sich in Erich Whelpton, einen Kriegsheimkehrer. Als dieser eine Stelle als Lehrer und Leiter eines Schüleraustauschbüros in Frankreich annimmt, bittet sie ihn darum, ihr ebenfalls eine Arbeit zu besorgen. Und so kündigt sie ihre Stelle bei Blackwell, die ihr ohnehin zu eintönig geworden war, und arbeitet als seine Sekretärin in Frankreich. Viele seiner Eigenschaften finden sich später bei Lord Peter Wimsey wieder. Whelpton verliebt sich anderweitig und kehrt nach England zurück. Sie übernimmt seine Aufgaben an der Schule, bis der Direktor einen Ersatz gefunden hat. Im September 1920 kehrt auch sie nach England, und zwar nach London, zurück, ohne Geld und ohne Job.

London und ein neuer Detektiv

It was 1920 – a time of economic depression, widespread unemployment, and ex-service men selling matches in the street. The loss of life in the war had upset the demographic balance and there were two million „surplus“ women, as they were called. Dorothy was one of them. She was also unemployed. (S. 97)

Doch zunächst gibt es hervorragende Neuigkeiten: Endlich erkennt die University of Oxford die Abschlüsse der weiblichen Graduierten an.

On 14 October 1920 a ceremony was held in the Sheldonian at which the first batch of women – Dorothy L. Sayers among them – were formally invested first with a B.A. and immediately afterwards with an M.A. (S. 97)

Angeblich hat sie eine akademische Karriere nie interessiert. Reynolds vermutet, dass der kreative Impuls bei Sayers immer schon stärker gewesen sei und seit ihrer Rückkehr nach London habe sie die Gesellschaft von Künstlern und Schriftstellern der der Gelehrten vorgezogen. Allerdings hat sie immer den Kontakt zur Welt der Universität gepflegt, schon 1919 tritt sie in die Modern Language Association ein und veröffentlicht dort auch erste Übersetzungen.

Doch als das Geld trotz einzelner Schreibaufträge und Übersetzungsarbeiten nicht länger ausreicht, nimmt sie eine Stelle als Vertretungslehrerin an. Als die Stelle ausläuft, wechselt sie zu einer Schule im Londoner Stadtteil Acton. Die Samstage verbringt sie im Lesesaal des British Museum. Ihre bevorzugte Lektüre sind Bücher zu Kriminologie. Und im Januar 1921 schreibt sie an ihre Mutter:

I have chosen this moment to be visited with ideas for a detective story […] My detective story begins brightly, with a fat lady found dead in her bath with nothing on but her pince-nez. Now why did she wear pince-nez in her bath? If you can guess, you will be in a position to lay hands upon the murderer, but he’s a very cool and cunning fellow. (S. 101)

Die Grundidee für ihren ersten Kriminalroman Whose Body? um Lord Peter Wimsey ist gefunden. Zwar fühlt sie sich an der Schule in Acton wohler als bei ihren vorhergehenden Lehrtätigkeiten, doch richtig enthusiastisch ist sie nicht.

One reason why I am so keen about Lord Peter is that writing him keeps my mind thoroughly occupied, and prevents me from wanting too badly the kind of life I do want, and see no chance of getting. (S. 104)

1922 bewirbt sie sich auf eine Stellenausschreibung als Werbetexterin bei der Agentur S. H. Benson. Sie bekommt den Job und wird ihn bis 1931 ausüben. Einige noch heute bekannte Werbesprüche, z. B. für die Biermarke Guinness,  gehen auf ihr Konto. Damit ist sie finanziell von den Eltern unabhängig. Das erworbene Know-How wird sie für ihren Roman Murder must advertise nutzen, der in einer Werbeagentur spielt und 1933 erscheinen sollte.

Zudem findet sie endlich auch einen Verleger für ihren ersten Krimi. 1923 ist es so weit: Whose Body? erscheint. Alles könnte also wunderbar weitergehen, hätte sich nicht ihr Wunsch nach einem Mann, mit dem sie „kämpfen“ kann, erfüllt.

Liebeswirren

Cournos, ein russischer Jude, wurde 1881 in Kiew geboren. Als er 10 Jahre alt ist, wandert die Familie nach Amerika aus. Mit 12 bricht er die Schule ab, um zu arbeiten. Mit 14 marschiert er in das Geschäftsgebäude einer Zeitung, hält den Besitzer an und schildert ihm die Not seiner Familie. Der will ihn mit einem Dollar abspeisen, doch John lehnt den Dollar ab, er wolle eine Arbeit und kein Almosen. Und so wird er als Laufbursche eingestellt und arbeitet sich bis zum stellvertretenden Chefredakteur hoch. 1912 geht er nach England. Er schreibt Romane und Gedichte, gewinnt Preise und ist auch noch extrem gut aussehend.

Sayers und Cournos lernen sich kennen und verlieben sich. Er wird Dorothys große Liebe. Doch da gibt es das Problem, dass Cournos als Anhänger der so genannten freien Liebe aus Prinzip eine Eheschließung ablehnt, Dorothy jedoch möchte ihn heiraten und die Mutter seiner Kinder sein. Genau deshalb lehnt sie konsequent jegliche Empfängnisverhütung ab, was dann zu dem seltsamen Konstrukt führt, dass sie nackt nebeneinander liegen, ohne miteinander zu schlafen. Er behauptet später, dass er sie geheiratet hätte, wenn sie ihm nachgegeben hätte. Die noch existierenden Briefe und literarischen Verarbeitungen legen die Vermutung nahe, dass er eine kluge und willensstarke Frau neben sich nicht ertragen konnte, es aber ganz angenehm fand, von ihr bekocht zu werden, und wenn das Geld knapp war, auch mal bei ihr übernachten zu können. Cournos hat nur Verachtung für ihre Schriftstellerei übrig, da er Krimis von vornherein jeglichen Anspruch abspricht. Dorothy scheint immer ein bisschen Angst vor ihm gehabt zu haben und versuchte immer, es ihm in allem recht zu machen.

Im Herbst 1922 kehrt er nach Amerika zurück. Es kommt noch zu einem unschönen Briefwechsel und Dorothy erfährt, dass er – seinen angeblichen Prinzipien zum Trotz – geheiratet hat. Diese Beziehungskonstellation verarbeitet Sayers in Strong Poison, dem fünften Band der Wimsey-Reihe.

Danach hat sie von intellektuellen Männern erst einmal die Nase voll und lässt sich auf eine Affäre mit Bill White, einen Mechaniker und Autoverkäufer ein. Er sieht gut aus und ist arbeitslos. White nimmt sie auf seinem Motorrad mit und Dorothy findet Gefallen an der Bewegung, der Geschwindigkeit. Sie kauft sich sogar ein eigenes Motorrad und kann es – dank Bill – selbst reparieren. Sie finden sich sympathisch genug, um miteinander zu schlafen, und Dorothy wird schwanger.

Das Chaos ist perfekt: Ihre große Liebe wollte sie nicht heiraten und jetzt bekommt sie ein uneheliches Kind von einem Mann, den sie sich nie als Vater ihrer Kinder ausgesucht hätte, und zwar trotz der verwendeten Verhütungsmittel. Bill White ist schlicht entsetzt und macht sich aus dem Staub. Dorothy nimmt zwei Wochen Urlaub, in denen sie ganz allein überlegt, wie es weitergehen soll. Sie fasst den folgenschweren Entschluss, dass niemand von ihrer Schwangerschaft erfahren soll, auch ihre fast siebzigjährigen Eltern nicht, denen sie diesen Kummer ersparen möchte.

Als der Geburtstermin näher kommt, nimmt sie unter dem Vorwand, sich krank zu fühlen, acht Wochen Urlaub. Zwei Tage vor der Geburt schreibt sie einen Brief an ihre Kusine Ivy, mit der sie sich schon seit Kindertagen gut versteht. Ivy verdient ihren Lebensunterhalt mit der Pflege und Erziehung elternloser Kinder. Sie fragt Ivy, ob sie noch ein weiteres Kind aufnehmen könne und was die Kosten und Bedingungen sein würden. Es handele sich um das Kind einer guten Bekannten.

Im Januar 1924 bringt Sayers in einem Entbindungsheim einen gesunden Jungen zur Welt, sie gibt ihm den Namen John Anthony. Drei Wochen stillt sie ihn. Als sie die Zusage Ivys hat, zieht Dorothy Ivy ins Vertrauen und gibt zu, dass es sich um ihr eigenes Kind handelt. Ivy wird tatsächlich das in sie gesetzte Vertrauen nie enttäuschen und bewahrt völliges Stillschweigen über die Identität des Kindes. Sayers übernimmt sämtliche finanzielle Verantwortung und legt Wert darauf, dass John materiell nie etwas entbehren muss, doch öffentlich hat sie sich nie zu ihrer Mutterschaft bekannt. Auch ihr Sohn hat sie Jahre lang nur als „cousin Dorothy“ gekannt. Selbst als sie ihn, zusammen mit ihrem späteren Ehemann, adoptiert, hat sie das Geheimnis nicht gelüftet.

Sie kehrt nach London zurück und nimmt ihre Arbeit als Werbetexterin wieder auf. Es folgen schlimme Monate, in denen sie nach wie vor in Cournos verliebt ist und gleichzeitig versucht, ihren Sohn seinem Vater näherzubringen, was aber auf ganzer Linie scheitert. Sie hat Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, weil sie so niedergeschlagen ist, dass sie sich kaum konzentrieren kann.

Doch allmählich wendet sie sich wieder ihren literarischen Interessen zu, z. B. liest und analysiert sie die Romane Wilkie Collins und überlegt mit Chesterton, ob Detektivgeschichten eine Liebesgeschichte enthalten dürfen oder nicht.

Liebe Leser, der hoffentlich letzte Teil folgt in Kürze.

Hier geht’s lang zum ersten Teil und hier gibt es den Schlussteil.

 

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